Zwey und zwanzigster Brief
Olivier an Reinhold

[69] Es wäre doch sonderbar, wenn Du mich besser kenntest als ich selbst. – Verändert bin ich, das ist gewiß. Solltest Du es glauben? Alle meine kleinen Liebschaften sind aufgegeben, ohne alle sinnliche Schadloshaltung aufgegeben.

Was ist das nun? Ist es Schwärmerey oder Natur? – Denn sage was Du willst! Ein Weib ist doch ein Weib, und wenn sie schön ist und ich gesund bin; so muß ich als[69] Mann ihrer begehren. Gleichwohl – Dank meiner Enthaltsamkeit – bin ich gesünder als jemals, und doch scheint mir jede Berührung Entheiligung.

Vormals ließ es sich erklären, aber jetzt, da ich keinem andern Weibe mich nähere. – Wirklich! ich bin mir ein Räthsel. – Wenn die Engelgestalt mich umschwebt, beugen sich unwillkührlich meine Knie, und hätte ich den verdammten Hofmeister-Ton nicht angenommen, wer wüßte was ich thäte.

Sonderbar! schon seit ihrem zwölften Jahre hat die Mutter sie gewöhnt, mich als ihren künftigen Mann zu betrachten. Gleichwohl habe ich sie noch immer wie ein Kind behandelt![70] und weiß mich der Zeit zu erinnern, wo ich fest entschlossen war, sie – trotz der Mutter Heyrathsprojecten – als ein bloßes Amüsement zu gebrauchen.

Wodurch ist dieser stillsiegende Geist in das Mädchen gekommen? Von ihrer Mutter hat sie ihn nicht, von ihrer Freundin Wilhelmine eben so wenig. – Sollte es denn wirklich höhere Naturen geben, die unabhängig von Beispiel und Erziehung, sich schwebend über allem Irdischen erhielten? Ach nimm es nur hin das Bekenntniß, ich bin uneins mit mir selbst – ich weiß nicht mehr was ich glaube.[71]

Quelle:
Karoline Auguste Ferdinandine Fischer: Die Honigmonathe, Band 1, Posen und Leipzig 1802, S. 69-72.
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