Acht und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold

[173] Sie ist mein! Ach das war zu viel gesagt! – Nein! noch ist sie nicht ganz mein; aber sie wird nie eines Andern. Das hat sie mir versprochen und das gilt mehr, als wenn Andre schwören.

Höre wie es kam! Geschäfte halber war ich den ganzen Tag ihres Anblicks beraubt gewesen. Nur erst gegen Abend konnte ich auf ein paar Minuten zu ihr fliegen. Sie war[173] nicht zu Hause. Mir unbegreiflich; denn ich hatte sie ja immer gefunden. Ich fühlte die Unbescheidenheit; konnte mich aber nicht enthalten zu fragen: »wo ist sie denn?« – »Auf dem Balle.« Ich muß sehr blaß geworden seyn; denn ich sah das Mädchen erschrecken. Aber ohne mich weiter einzulassen, eilte ich davon.

Wie ich in den Saal trete, finde ich alles in einer Ecke zusammengedrängt. »Was giebts?« – frage ich den Lieutenant D... – »Der König tanzt mit Fräulein S....« – antwortet er – »Aber mein Gott! was fehlt Ihnen, Herr Obrister?« – »Nichts! nichts!« – sage ich, und dränge mich vor.

[174] Sie! sie selbst! mit ihm, an seiner Hand, tanzte – Nein! nein! das ist nicht wahr! schwebte leise, unhörbar. Nur von fern berührte er sie, bückte sich jedesmal, wenn sie sich näherte. Jetzt sollte gewalzt werden, und ich grif krampfhaft an den Degen. Ob ich es gleich wußte, nicht zweifelte. – O ich hatte Recht! Er wagte es nicht, und sie konnte es nicht dulden, oder sie wäre nicht sie selbst gewesen. – Mit schüchterner Achtung – ja wahrhaftig mit Schüchternheit – führte er sie hinauf, während die Andern ras'ten. O, er ist noch nicht ganz verwahrlost! Er fühlt noch ihren Werth. – Ich war wieder zu mir selbst gekommen, ich hatte mich gefaßt. Aber[175] jetzt trat Antonelli hervor, und ehe er noch um ihre Hand bitten konnte, war ich aus dem Saale, riß meinen Braunen in den Garten, und stürmte mit ihm durch die Felder.

Mit einem Male – so viel weiß ich noch – ward alles schwarz um mich her, mein Pferd stürzte und ich verlor das Bewußtseyn.

So hatte man mich gefunden. Mein treuer Brauner war unbeweglich bey mir stehen geblieben. Ich erwachte in meinem Bette und fand Antonelli an meiner Seite.

»Julie! Julie!« – rief er und stürzte zur Thür hinaus. Noch ehe ich recht zur Besinnung kam, war er wieder da, umarmte[176] mich, küßte meine Kleider und alles was ihm vorkam.

Ach es ist ein unbeschreiblich liebenswürdiger Junge! Mit tiefem Schmerz muß ich es mir gestehen. – Ich glaubte er würde vor Freuden die Decke zersprengen; als endlich der Arzt erschien, und ihm Ruhe gebot.

Aber daran war nicht zu denken. Mit tausend närrischen Vorschlägen plagte er nun den armen Mann. Ich müsse in die freie Luft. Könne ich nicht gehen; so wolle er und der Kammerdiener mich tragen. Der große Lehnstuhl müsse dazu eingerichtet werden – u.s.w.[177]

Alles Kopfschütteln des Arztes half nichts. Er tobte hinaus zu den Leuten. Stricke, Betten, allerley Geräthschaften mußten herbeygeholt werden, und ehe wir es uns versahen, stand er mit seinem Tragsessel vor uns.

Nun erklärte freilich der Doctor, für diesmal könne nichts daraus werden, und nöthigte ihn, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Aber nach einer kleinen Weile erschien er abermals und hatte sich wieder ein Anderes ersonnen.

Der Doctor sollte mit ihm zu Julien gehen und sie bitten, zu mir zu kommen. Dann sollte sie an meiner Seite sitzen, während er auf der Flöte spielen und dazu tanzen wollte.[178]

Der ernsthafte Mann konnte sich doch jetzt des Lächelns nicht enthalten und fragte nun, wer denn diese Julie wäre? – Antonelli höchst erstaunt, hier jemand zu finden, der noch nichts von Julie gehört hatte, zog ihn nun, ohne weiter auf Einwendungen zu hören, mit Gewalt aus der Thüre.

Was konnte ich von dem großen Kinde anders erwarten, als daß er das theure Mädchen mit oder wider ihren Willen herschleppen würde. Darum sprang ich, ohne meine Schmerzen zu achten, schnell aus dem Bette, warf mich in meine Uniform, und eilte in das andere Zimmer, um sie zu empfangen[179]

Ich hatte richtig geahnet. Nach wenigen Minuten hörte ich schon den Lebendigsten aller Lebendigen – so nennt ihn Wilhelmine – jauchzend und tobend die Treppe stürmen. Aufgerissen ward die Thür, und wie ein Pfeil schoß er, ohne mich zu bemerken, in die Kammer.

In meinem Leben werde ich das Gesicht nicht vergessen, mit dem er wieder heraus kam. Aber jetzt blickte er nach dem Sopha und würde mich ohnfehlbar erstickt haben, wäre ihm nicht zu rechter Zeit eingefallen, er müsse sogleich die fröhliche Bothschaft verkündigen.

Kaum hatte ich mich also von seinen kräftigen Umarmungen erholt, so sah ich das[180] himmlische Mädchen, von dem Arzte geführt, zu mir eintreten. Mein Zimmer verwandelte sich von nun an, und hat auch seitdem immer etwas Magisches behalten.

Ich wollte ihr entgegen, der Arzt befahl mir zu bleiben. Antonelli ruhte nicht; sie mußte sich zu mir setzen. Ich sah ihre unbeschreibliche Verlegenheit; aber ach Gott! ihre Nähe that mir so wohl. – Doch Antonelli war es noch alles nicht recht. »Ansehen! – rief er – die Hand geben! Sprechen! viel Gutes sprechen! Ich die Flöte holen!« Jetzt war er wie ein Sturmwind hinaus, und hatte den Arzt mit sich fortgerissen.[181]

Wir blieben allein. Ich fühlte es, und sie fühlte es noch tiefer. – Daß sie zuerst sprechen würde, konnte ich nicht hoffen. Ihre Augen waren an den Boden geheftet, und ein hohes Roth hatte das Engelgesicht überzogen.

»Julie! – sagte ich endlich – wollen Sie mir auch nicht die Hand geben; ansehen können Sie mich wenigstens. Ich habe sehr viel gelitten.«

Ich glaubte, sie könne nicht schöner werden. Ich hatte geirrt. Mit tiefem Schmerze ward ich es jetzt inne und mit dem Muthe der Verzweiflung ergriff ich nun ihre Hand, drückte sie fest an mein Herz, und rief: »Julie! Wenn Sie einen Andern lieben, wenn[182] Sie mich nicht lieben können; so sagen Sie es! Machen Sie mich mit einem Male so unglücklich, als ich werden kann.«

Sie schwieg. Mein Urtheil war gesprochen. Ich dachte, empfand nichts mehr. Mein Herz hörte auf zu schlagen; aber mein Auge wandte sich noch einmal zu ihr hin. Da sah ich, daß sie die Lippen öfnete, und mein Blut begann wieder den Lauf.

»Julie! – rief ich – was wollten sie sagen? – Sagen Sie es! sagen Sie es! was es auch sey! – Lieben Sie einen Andern? können Sie mich nicht lieben?« –[183]

»Ich achte Sie, und werde nie einem Andern gehören.«

Ja! ja! das sagte sie; und ich stürzte vor ihr nieder und rief: nun will ich gehen! will gehen in den Tod! Wann auch das Schicksal gebietet![184]

Quelle:
Karoline Auguste Ferdinandine Fischer: Die Honigmonathe, Band 1, Posen und Leipzig 1802, S. 173-185.
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