Achter Tag

»Sir Walthers Termin geht bis übermorgen;« – mit diesem Gedanken schlief ich ein, und mit eben denselben schlug ich die Augen wieder auf.

Noch einen ganzen, schrecklich langen Tag sollte ich warten. – Womit konnte ich ihn ausfüllen? – Der Doctor mußte abermals Rath schaffen.

Schon seit mehrern Tagen war die Seine mit Eise und mit der eleganten Welt von Paris bedeckt. Der Doctor schlug für jetzt einen Spaziergang dahin vor, und auf den Nachmittag ein Pferderennen.[95] Man hatte wegen dieses letzteren häufige Wetten unternommen, und versprach sich die angenehmste Unterhaltung.

Im Vorbeygehen fanden wir die Thür der Bürgerin Lisfranc von den reizendsten Pariser Frauenzimmern belagert.

Die Damens wollten alle dem Schlittschuhlaufen beiwohnen, und konnten sich nicht eilig genug das dazu gehörige Costum verschaffen.

»Ja! Ja!« rief ein junger Fremder, der mit uns diese schöne Blumenkette betrachtete – »über gewisse Dinge verstehen die Frauenzimmer keinen Spas! die Französinnen, wenn es auf eine Modephantasie, die Engländerinnen, wenn es auf ihre Tugend, die Deutschen, wenn es auf eine Heirath, die Spanierinnen, wenn es auf Treue und die Italienerinnen, wenn es auf eine Schäferstunde ankommt.«[96]

»Nicht wahr, Mademoiselle?« – fragte er eine niedliche Blonde, die so eben ganz metamorphosirt aus den Händen der Bürgerin Lisfranc erschien.

»Ach mein Herr« – antwortete sie – »alles was Sie wollen! aber lassen Sie mich nur um Gotteswillen durch! damit ich nach dem Eise komme!«

In der That ein intressanter Anblick. – Jung und Alt hatte sich in Bewegung gesetzt und schien nichts wichtigeres zu kennen, als sich durch Wind und Schneeflocken, nach der geliebten Eisbahn hinzuarbeiten.

Die Bürgerin Lisfranc hatte zwar die Herzen der Schönen durch reizende Jäckchen und Roben aller Art auf das beste verwahrt; aber die Herzen der Männer befanden sich eben deswegen in desto größerer Gefahr.[97]

Ohne Zweifel ging manches an diesem merkwürdigen Tage verlohren, und die Bürgerin Lisfranc muß es erwarten, deswegen in Anspruch genommen zu werden.

Ich war für heute noch ziemlich ohne Schaden davon gekommen. Ob ich aber dieses meiner eigenen Vorsicht oder dem beseligenden Uebermorgen verdankte, kann ich nicht völlig entscheiden.

Jetzt mußte die Nachmittags-Toilette besorgt wer den. Ich wollte zwar nicht um den Preis ringen, aber doch an einer Wette Theil nehmen.

Hierzu war es nöthig, auf einem gut gebauten Pferde und in einem geschmackvollen Kollete zu erscheinen. Mademoiselle Amelie konnte gegenwärtig seyn, und es war um so wichtiger, mit Wohlgefallen von ihr bemerkt zu werden.[98]

Meine Toilette war geendigt, und ich gestand mir: sie sey eine der glücklichsten, die ich jemals gemacht habe.

Diese Bemerkung setzte mein Blut in einen so philosophischen Umlauf, daß ich schon jetzt über Mademoiselle Ameliens mögliches Außenbleiben getröstet war.

Gab es doch andere schöne Augen, die mich bemerken konnten. – Ueberdem ging Sir Walthers Termin bis Morgen, und es war doch nicht so ganz ausgemacht: ob es heute schon erlaubt sey, auf Mademoiselle Ameliens Blicke Anspruch zu machen.

»Allons vive la philosophie!« – rief ich – indem ich mit meiner eleganten Peitsche ein paar Mahl durch die Luft hieb – »sie ist die Würze des Lebens! und darf nie in etwas anderem bestehen, als dieses so angenehm wie möglich zu machen!« –

»Richtig! Richtig! Monsieur le Baron!« – antwortete Provence – »aber[99] Sie glauben nicht, welche abgeschmackte Begriffe einige Leute von der Annehmlichkeit des Lebens haben.« –

»Da war ich voriges Jahr bey einem jungen Schweden, der führte auch denselben Wahlspruch beständig im Munde; aber sein Leben – welch ein erbärmlicher Commentar dazu! – Vom frühen Morgen an studirt, – dann ein kleines Mittagsessen, wovon ein Mädchen in einer Schnürbrust hätte satt werden können, – Nachmittags ein Spaziergang mit ein paar Graubärten, wo lauter überirrdische Dinge abgehandelt wurden – dann in eine Abendgesellschaft, wo es nicht viel besser herging – vielleicht alle Jubeljahr einmal in die Oper – aber an ein Souper fin, an eine kleine Intrigue – gar nicht zu denken!« –

»Das ärgerlichste war, daß einige junge Leute, die zu leben verstanden und ihn[100] ein wenig leben lehren wollten, immer mit lachendem Munde abgewiesen wurden.«

»Vergebens mahlten sie ihm einige Scenen mit den reizendsten Farben – vergebens luden sie ihm ein, wenigstens nur als Zuschauer ihren kleinen Parthien beizuwohnen; – er war und blieb unbeweglich.«

»Herr Graf« sagte ich manchmal – »Sie werden noch sterben, ohne die Freude gekannt zu haben.«

»Ey da sey Gott für!« – lachte er mir dann entgegen – »eben weil ich die Freude so außerordentlich liebe, kann ich diesen jungen Leuten nicht folgen.«

»Es war zum Rasendwerden! – Nachdem er nun so ein Jahr lang hier gelebt, die staubigsten Bücher aller Bibliotheken[101] durchblättert, alle Gräser und Würmer gezählt, und seinen Koffer mit des Teufels und seiner Aeltermutter Instrumenten angefüllt hatte – reiste er eben so pausbäckig ab, wie er angekommen war, und tausende hätten sich darauf todtschlagen lassen: daß er nie einen Fuß in Paris gehabt habe.« –

Provence hatte wider seinen Willen meine Philosophie etwas erschüttert. Das System des Schweden dünkte mich doch nicht so ganz verwerflich. – Hätten sich nur die augenblicklichen Vortheile des meinigen damit verbinden lassen – wer wüßte, was ich gethan haben würde. –

Aber das Wettrennen unterbrach alle diese Zweifel. Es war schon vier Uhr vorbey, und kein Augenblick zu verlieren. Ich warf mich auf mein Pferd, und hatte[102] das Glück, wenigstens keiner der Letzten zu seyn.

Jetzt trat unser Braune in die Schranken; dicht hinter ihm sein Nebenbuhler der Schwarze. Beide wurden mit lautem Freudengeschrey bewillkommt.

Schon wollten die Joquais sich auf ihre Rücken schwingen, als die braune und die schwarze Parthey sich einmüthiglich wiedersetzte.

»Laßt die Pferde allein!« – erscholl es von der einen – »Weg mit den Joquais!« – von der andern Seite.

Die kleinen Messieurs sahen sich betroffen an, und wußten nicht wozu sie sich entschließen sollten, bis sie endlich durch das wiederholte: »Fort! fort mit ihnen!« bewogen wurden, die Rennbahn zu verlassen.[103]

Jetzt ertönte das Zeichen – die Pferde begannen den Lauf. Ah, wie sie flogen! wie das Angst- das Freudengeschrey sie verfolgte. Das Ziel! Das Ziel! es war nahe, der Braune! ach nein! – O Himmel, der Schwarze! der Schwarze! er ists! ist Sieger! – – Die hundert Louis sind verloren.[104]

Quelle:
Karoline Auguste Ferdinandine Fischer: Vierzehn Tage in Paris. Leipzig 1801, S. 93-105.
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