Dreyzehnter Tag

Ich erwachte von einem Gerassel. Es war der Kerkermeister. Mit ihm trat ein großer Mann in einem blauen Ueberrock herein. Er kam näher – O mein Gott! Mariens Züge in diesem braunen männlichen Gesichte! – Der Oheim! Marie schickte ihn her.

»Nun wie gehts Ihnen denn?« sagte er, und schüttelte mir treuherzig die Hand – »Wir haben Sie alle so lieb gewonnen – mußten uns doch nach Ihnen erkundigen. Großer Gott! da hörten wir[147] denn die ganze Geschichte. Das kleine herzige Ding, die Marie, hat weder gegessen noch getrunken. Das kann ich nun nicht leiden, denn ich liebe sie, wie mein Leben. »Mariechen« – sagte ich – »so iß doch nur en bischen! dann wollte sie sich zwingen, aber mit einemmale stürzten ihr die Thränen aus den Augen, und mit dem Essen wars wieder vorbey.«

»Könnte ich ihr nur helfen« – sagte ich dann so für mich hin – »Gott weiß, ich wollte es gerne thun!« – Nun gings an ein Küssen, an ein Streicheln! – Ja das mag der Henker aushalten! Da sind wir Männer geliefert!« –

»Na, und da bin ich denn gekommen, und will für Sie gut sagen, und Sie sollen mir noch heute wieder los.«

»Ach lieber Oncle!« – rief das kleine Ding, als ich den Sonntagsrock anzog[148] – »kommen Sie nur ja bald wieder! – Wenn ich ihn auch in meinem Leben nicht mehr sehe! und wenn auch die ganze Erbschaft darauf gehet! das thut ja alles nichts!« –

Stumm und tief bewegt hatte ich bis jetzt die Worte des redlichen Mannes gehört; aber nun warf ich mich an seine Brust.

»Mein Vater! mein Erretter!« – rief ich – »sagte sie das? – sagte sie das wirklich?« –

Er wiederhohlte es mir mit einer Betheurung.

»Aber« – fiel ich ein – »so wünscht sie ja nicht mich wieder zu sehn.« –

Er. Großer Gott! was könnte ihr denn das helfen? – und wenn sie es auch wünschte; ich würde es nicht leiden.

Ich. Nicht leiden? –

[149] Er. Nein, weil da nie etwas gescheutes herauskommen würde.

Ich sah vor mir nieder und verstummte. Jetzt ward Anstalt zu einem reinlichern Zimmer gemacht. Vor dem folgenden Tage war an keine Befreiung zu denken.

Meines großmüthigen Erretters ganzes Vermögen so aufs Spiel zu setzen, war mir doch ein empörender Gedanke.

Ich bat ihn, einen Zettel an den Chevalier S. mitzunehmen. Diesem edlen Manne war die Last minder drückend. – Auch konnte er mehr die Sicherheit beurtheilen, welche ich im Stande war ihm zu geben.

Noch hatte ich Hülfsquellen in Hamburg; aber freilich lies sich erst nach einigen Monaten etwas davon erwarten.

Die Veränderung des Aufenthalts fing jetzt an meine Verzweiflung in Traurigkeit zu verwandeln. Aber Mariens Bild ward[150] um so mehr das herrschende in meiner Seele.

Jetzt erst fühlte ich, was ich hätte seyn können und was ich nicht war. Wie sehr ich die besten Jahre meines Lebens verschleudert, und den Genuß nur da gesucht hatte, wo ich ihn nimmermehr finden konnte

»Wohlan!« – rief ich – »so sey es denn! Ich will sie nicht sehen, bis ich ihrer würdig bin! Aber dann lasse ich sie auch von Niemanden mir rauben! Die Vorurtheile des Standes sind längst verschwunden. Man kann vornehmer seyn, als sie, aber gewiß nicht edler. –

Ohne Hoffnung wollte sie mir alles aufopfern. Welches Weib würde etwas ähnliches für mich thun?

Jetzt trat der Chevalier herein. Sein feines, schönes, menschliches Betragen in[151] diesem traurigen Aufenthalte, würde ihm meine ganze Liebe erworben haben, wenn er sie nicht schon gehabt hätte.

Mit zärtlicher Theilnahme ruhte sein großes, mildes Auge auf mir, und jedes seiner Worte war Balsam für mein verwundetes Herz.

»Nur die geschehenen Dinge« – sagte er – »können wir nicht ändern; aber die ganze Zukunft, mein theurer Sohn! hängt von uns ab. Der Mensch vermag unendlich viel, wenn er will. Lassen Sie uns wollen, und es wird alles noch glücklich sich endigen.

Reue ziemet dem Manne nur dann, wenn sie ihn zum muthvollen Kampfe gegen das Schicksal, und gegen seine Leidenschaften begeistert.[152]

Sie haben keinen Vater, ich habe keinen Sohn; – wenn wir beyde das Gute lieben, so sind wir verwandt.

Laut weinend stürzte ich in seine Arme, und that wiederholt das Gelübde, nie einen andern Willen, als den seinigen zu haben.

»Nein« – sprach der edle Mann – »Sie selbst müssen ihr Schicksal bestimmen. Wollen Sie aber einige Rücksicht auf meine Erfahrung nehmen, so wird es mich freuen.

Ich gestehe Ihnen: daß ich an Ihrer Stelle die Aussichten in Hamburg allen Uebrigen vorziehen würde. Hier in Paris erwarten uns stürmische Zeiten. Wahrscheinlich sendet mich die Regierung in kurzem nach Deutschland. Wollen Sie dann mit mir wieder nach Frankreich zurück;[153] so kennen Sie mich nun, und wissen was ich Ihnen seyn kann«

»Aber« – fuhr er fort, da ich im Nachdenken vertieft, ihm nicht geantwortet hatte – »Wer ist der Mann, den Sie zu mir schickten? – Er sprach mit einer Theilnahme, die mir auffiel.«

Noch zögerte ich, und blickte verlegen vor mir nieder.

»Vielleicht bin ich unbescheiden« – setzte er hinzu – »aber der Mann gefiel mir außerordetlich.«

Diese Worte gaben mir Muth, und ich erzählte ihm Alles, was mir begegnet war.

Jetzt näherte ich mich dem Abende, wo ich Marie neben meinem Bette entdeckte, und nun stieg meine Wärme mit jeder Minute. Ich fühlte, daß er von meiner[154] Schilderung gerührt werden mußte, und sah mit innigem Wohlgefallen, daß er es wirklich auch war.

»Sie ist weit über mich erhaben« – fuhr ich fort – »und ich bin ihrer nicht würdig; aber kann ich es denn nicht werden?« –

»Gewiß! lieber Freund!« – antwortete er – »alle andere Ziele des jungen, handelnden Menschen sind minder oder mehr durch die Eitelkeit bezeichnet. Erreicht er sie, so kann er dadurch fester, härter, aber warlich darum noch nicht besser werden.

»In jedem Manne liegt – nicht blos in so fern er Mensch, sondern vielmehr in so fern er Mann, und je mehr er es ist – ein Fond von Bösartigkeit, der nur durch die Liebe zu einem reinem weiblichen[155] Wesen getilgt werden kann. Wehe! wenn ihm nie ein solches begegnet! Er wird in seinem funfzigsten Jahre nur wenig von einem Teufel verschieden seyn.« –

»Wir empfinden mit dem Kopfe – die Weiber denken mit dem Herzen. Sie üben, was wir lehren. Alles was herzlich an uns werden soll, muß durch sie gepflegt werden, oder es erstirbt. Größer können wir vielleicht handeln, reiner nimmermehr.«

»Ich hatte zwar Hoffnung; aber ich bekenne Ihnen: daß Sie einer Stütze bedurften. Ihr offnes Bekenntniß hat mir diese Stütze gegeben. Wenn die tugendhafte Liebe Sie begleitet; so habe ich nichts für Sie zu fürchten.«

»Reisen Sie! und wenn ich Ihnen rathen soll, reisen Sie noch morgen. In ihrer[156] Nähe, und sie nicht sehen – mögte Ihnen zu peinlich, vielleicht gar unmöglich werden.«

»Aber« – rief ich – »wenn sie nun in meiner Abwesenheit ....

»Einen Andern fände?« unterbrach er mich – »das wäre freilich schlimm – und doch glaube ich nicht, daß Sie es hindern dürfen.«

»O mein Gott!« –

»Ja ich gestehe, daß es Ihnen schwer werden kann. Aber möchten Sie das liebe, unschuldige Mädchen übertäuben? – Sie ist eben so unbekannt mit der Welt, wie mit ihrem eignen Herzen und glaubt Sie zu lieben, weil Sie der erste Mann sind, der ihr huldigt. Nur dann können Sie ihren Empfindungen trauen, wenn Sie ihr[157] Freiheit und Zeit gelassen haben, sie zu prüfen.«

»Ueberlegen Sie das, mein theurer Sohn, und sagen Sie mir morgen: ob ich Unrecht habe.«[158]

Quelle:
Karoline Auguste Ferdinandine Fischer: Vierzehn Tage in Paris. Leipzig 1801, S. 145-159.
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