Neunter Tag

Hundert Louis weniger, und keinen Genuß. – Das schmerzt. – Aber heute Sir Walthers Termin! – Die heilsamen Betrachtungen ein andermal! jetzt ist keine Zeit dazu! Jetzt ist die Hauptsache: so reizend, so liebenswürdig als möglich zu seyn! –

Provence sollte mich melden! aber Provence war schon seit zwey Stunden fort, und kam noch immer nicht wieder. –

Endlich trat er herein.[107]

»Nun wie steht es?« – rief ich ihm entgegen, – »bin ich angenommen?«

Er. Nach vielen Schwierigkeiten. –

Ich. Welche Schwierigkeiten? – Sir Walter ist seit diesem Morgen nicht mehr hier.

Er. Richtig! aber man hat Mademoiselle Amelie von andern Seiten brillante Vorschläge gethan. –

Ich. So? –

Er. Es gab des Kukuks seine Scherereien, ehe ich nur einmal die Kammerfrau sprechen konnte. – »Mademoiselle sey nicht aufgestanden, – habe Kopfschmerzen, – schreibe Briefe,« – lauter Variationen. – Endlich kam sie: – aber so einsilbig, so kalt – mein ganzes savoir faire mußte aufgeboten werden, um nur das Nothwendigste zu erfahren:

Ich. Nun? –

[108] Er. »Ihre Gebieterinn wolle bis Nachmittag nichts von andern Vorschlägen hören. Dieser Morgen sey Walthers Andenken gewidmet. Er habe zu edel gegen sie gehandelt, als daß sie nicht einige Stunden über den gehörigen Termin verfließen lassen sollte. Auch habe Lord M. ... Anerbieten gethan, die wenigstens einige Ueberlegung verdienten.«

Ich. Und der Herr Stockfisch antwortete nichts darauf? –

Er. Monsieur le Baron! Für Wen sehen Sie mich an? – Provence! ein Mensch um den sich Könige und Kaiser gerissen haben, wenn es auf die Leitung einer Affaire ankam! – Provence sollte nicht wissen, was in dergleichen Fällen zu sagen wäre!! –

Ich. Nur keine Tiraden! – Was du geantwortet hast, will ich wissen.

Er. Was der Herr Baron selbst geantwortet[109] haben würde: – »Daß wir nicht gesonnen wären, jrgend Jemanden zu weichen, und daß der Lord so gütig seyn würde, die Seegel einzuziehen, woferne ihm daran liege, französische Luft noch länger zu athmen.« –

Ich. Nicht übel. – Aber was wolltest du eigentlich damit sagen? –

Er. Ach wie kann ich das jetzt noch wissen! – Ich gerieth in solche Wuth, daß Marton unter der Schminke erblaßte. – Hätte sie mir nicht plözlich mit einem unbeschreiblich reizenden Kälberbraten, und mit ein paar Flaschen Champagner Einhalt gethan – so mögte Gott wissen, was aus der Sache geworden wäre! –

»Grosmüthiger Held!« – antwortete ich lachend – »erbarme dich jetzt über meine Garderobe! – Ich werde ja diesen Nachmittag sehen, wohin deine kühnen Fußtapfen mich führen.«[110]

In der That, es war äuserst nothwendig durch meine Figur so viel als möglich zu imponiren. Lord M. ... hatte ein ungeheures Vermögen. – Ich war verlohren, wenn nicht in die andere Wagschale ein ansehnliches Uebergewicht gelegt werden konnte.

Aber Lord M. ... hatte auch wenigstens ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken, und das Gerücht fügte noch eine etwas critische Gemahlinn dazu. – Von dem allen wußte ich mich frey, auch war ich mit meinem Spiegel sehr wohl zufrieden, und hörte von Provence die wiederholte Versicherung: daß es heute schlechterdings unmöglich sey, mir zu widerstehen.

»Wohlan! nicht gewagt, nicht gewonnen! – ich hoffe Mademoiselle Amelie wird Augen haben!« – Mit diesen Gedanken trat ich in das Vorzimmer.

Niemand war da; aber die edle Unverschämtheit[111] ist sehr oft ein Reitz mehr für die Damen. – Ich beschloß Mademoiselle Amelie zu überraschen.

Sie lag in einem höchst reizenden Negligee auf ihrem Sopha, und schien über mein plötzliches Eintreten etwas betroffen.

Ich entschuldigte mich mit meiner Sehnsucht, und war bemüht, durch die lebhafteste Zärtlichkeit meinen Fehler vergessen zu machen.

Aber bey jedem wiederhohlten Versuche wurde ich mit einer Kälte zurückgewiesen, die allen meinen Muth und meine Selbstgenügsamkeit zu überwinden drohte.

Noch einmal wollte ich es wagen. – Knieend bat ich sie jetzt, mir die Ursache dieser unbegreiflichen Abneigung zu entdecken. Mir zu sagen: warum sie die zärtlichste, die feurigste Liebe so grausam zurückstoße?

»Ach mein Herr!« – erwiederte sie – »alle diese Herrlichkeiten sind unbeschreiblich[112] langweilig, wenn man so genau, wie ich, damit bekannt ist.«

»Sie glauben jetzt mich zu lieben, nach einem Monathe glauben Sie vielleicht das Gegentheil. – Das Eine kann zu seiner Zeit eben so wahr seyn, als das Andere. – Aber wie können Sie sich einbilden: daß ich meine Zufriedenheit diesen abwechselnden Launen aufopfern werde?« –

»Nein, Sir Walthers Liebe war von ganz anderer Art!« – –

Ich. Nimmermehr! Sir Walther konnte Sie nicht inniger, nicht zärtlicher lieben!

Sie. Ach Herr Baron, Sie kommen mir schon unbeschreiblich französirt vor! – Welcher Eigendünkel, Ihre Art zu lieben auf den Thron setzen zu wollen! – Genug ich sage Ihnen: daß Sir Walthers Liebe unendlich von der Ihrigen verschieden, unendlich überzeugender war!« –[113]

Bey diesen Worten stand sie auf, und suchte sich von mir los zu machen.

»Ah Mademoiselle!« – rief ich – »was soll ich, was kann ich thun, Sie zu überzeugen!« –

»Fürs erste, mich mit diesen antiken Ritterscenen verschonen.«

»Ich wünsche allein zu seyn, Herr Baron, und hoffe, Sie werden mich entschuldigen.« –

Mit diesen Worten schlug sie die Thüre des Kabinets hinter sich zu, und überließ mich allen Quaalen einer getäuschten Erwartung.

Betäubt starrte ich die Wände an, und verweilte zu meinem Unglück auf einem großen Spiegel, der meine ganze erbärmliche Figur zum Rasendwerden treu mir entgegenwarf.

Alles Apolonische war verschwunden – dafür aber war soviel Acteonisches in meine Physiognomie gekommen, daß ich ohnfehlbar[114] den verwünschten Spiegel zertrümmert haben würde; wenn Mademoiselle Iris nicht in dem Augenblicke erschienen wäre.

»Mademoiselle!« – rief ich – »Sie haben schlecht für mich gesorgt! Man wirft mich mit einer Kälte, mit einer Härte zurück, die mein Innerstes emport!« –

Madem. Iris. Ah mein Herr! Umstände verändern die Sache! – Sie sprachen von Liebe, und schienen geneigt sie zu beweisen – –

Ich. Nun mein Gott! Habe ich sie denn nicht bewiesen? –

Madem. Iris. So viel ich schließen kann, bis jetzt noch nicht.

Ich. Ach hätten Sie mich nur gesehen! – mit welchem Feuer, mit welcher inniger Zärtlichkeit. ...

Madem. Iris. Verzeihn Sie Herr Baron! aber Ihre Naivetät ist unbeschreiblich possirlich! – Durch eine leideuschaftliche[115] Aufwallung denken Sie eine Person zu gewinnen, die mit den Herzen der Männer so bekannt, die an englische Freigebigkeit gewöhnt ist! – Müssen noch dazu einen der gefährlichsten Nebenbuhler überwinden! – –

Ich. Wen? – Lord M. ...?

Madem. Iris. Allerdings Lord M. ... Er hat diesen Morgen eine Banknote von tausend Pfund geschickt, ohne nur einmal Anspruch auf eine Visite zu machen. –

Jetzt fiel es wie Schuppen von meinen Augen. – Ich suchte meine Brieftasche – aber vor lauter Eile hatte ich sie zu Hause vergessen.

Was war zu thun? – Mit ziemlich übel gesetzten Worten dankte ich Mademoiselle Iris für ihre Zurechtweisung, versprach sie auf das baldigste zu benutzen, und empfahl mich unendlich bescheidner, als ich gekommen war. –[116]

Quelle:
Karoline Auguste Ferdinandine Fischer: Vierzehn Tage in Paris. Leipzig 1801, S. 105-117.
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