Siebzehntes Capitel.

Die Nachbarschaft.

[42] Wir stiegen die Treppe hinauf; Andres trug das Licht und wankte ziemlich hin und her. Als wir in das kleine Dachstübchen treten wollten, stieß er sich so heftig an den Kopf, daß er hinfiel und das Licht auslöschte. – »Schwerenoth!« – sagte er – »Was hat denn der Wirth für sappermentische Thüren!« – Ich wollte das Licht wieder anzünden, da aber der Mond durchs Fenster schien, war es nicht nöthig, was ich denn desto lieber sah.

Ich nahm mir vor, so lange zu zaudern, bis Andres in das Bette gestiegen wäre, damit ich mich mit den halben Kleidern hineinlegen[43] könnte. Es währte auch nicht lange, so hatte er Posto gefaßt. Nun zog ich den Vorhang vor das Fenster, und schlüpfte auf der andern Seite mit Weste und Hosen hinein. Andres legte seine Füße an die meinigen, und mir klopfte das Herz wie ein Uhrwerk.

So nahe war ich noch keinem Mann gewesen; ich glühte über und über; es war eine Mischung von Furcht, Vergnügen und Sehnsucht, die ich noch nie gefühlt hatte. Andres drehte sich hin und her, er bewegte sich so ungenirt, als wär' ich seines Gleichen gewesen; er berührte mich an tausend Punkten, und alles war Oel ins Feuer.

Was sollte ich machen? Meine Neugierde war so groß als meine Aengstlichkeit. Zitternd suchte ich mich ihm zu nähern und über und über erröthend fuhr ich wieder zurück. Es war, als ob ich auf Nesseln läge, und ich konnte nur mit Mühe einschlafen.[44]

Aber kaum hatte ich die Augen geschlossen, als ich beherzter zu seyn träumte. Andres schien mich sanft zu umarmen und ich schmiegte mich zärtlich an ihm an. Ein kleines Rosengebüsch schien uns beyde zu trennen, ich wollte eine Knospe berühren, aber fuhr erschrocken zurück und erwachte.

Quelle:
Christian Althing: Hannchens Hin- und Herzüge nebst der Geschichte dreyer Hochzeitsnächte. Leipzig 21807, S. 42-45.
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