3. Neujahrsode 1633, darinnen über zweimalige Verwüstung des Landes, denn auch über Königl. Majest. aus Schweden Todesfall geklaget und der endliche Friede erseufzet wird

[233] O du zweimal wüstes Land,

von der Feinde bösen Hand,

ach, du liebes Meißen, du,

wie bist du gerichtet zu!


Deine Felder liegen bloß,

deine Flüsse werden groß,

groß von Tränen, die man geußt

und als Ströme fließen heißt.


Deine Dörfer sind verbrant,

deine Mauren umbgerant,

deine Bürger sind verzagt,

deine Bauren ausgejagt.
[233]

Aller Vorrat ist verzehrt,

alle Kammern ausgeleert,

alle Kasten sind besucht,

unsre Schätze hat die Flucht.


Du, vor aller Güter reich,

bist itzt einer Witben gleich;

wir, die Waisen, sind erschreckt

und mit Kummer ganz bedeckt.


Unser Heiland, unser Held,

dem wir Alles heimgestellt,

der uns zweimal frei gemacht,

den reibt auf die wilde Schlacht.


Der erzürnte Himmel dreut

wegen unsrer Sicherheit,

daß er uns ganz stürzen will,

weil uns unser Helfer fiel.


Zwar, wie zornig Gott auch war,

doch bedacht' er die Gefahr;

unsre Not erhielte dieß,

daß er uns noch siegen ließ:


Aber, ach der teuren Lust,

die uns unsern Schatz gekost!

unsern Nutzen und Gewin

reißet eine Kugel hin.


Unser Feind ist froh und lacht,

daß er uns hat Schaden bracht;

zweimal mehr wächst ihm der Mut

durch des edlen Helden Blut.


Gläublich ists und fast schon wahr,

daß er seiner Räuber Schar,

wie er immer kan und weiß,

über uns wird geben Preis.


Großes Kind, Emanuel,

wende du diß Ungefäll,

komme doch dem Schaden für,

der schon wartet vor der Tür!


Um ein Lachen ists geschehn,

um ein liebes Freundlichsehn,[234]

daß dein Vater sich bedenkt

und uns unsre Strafen schenkt.


Lenke du der Feinde Mut,

daß sie uns einst werden gut!

Wo sie dieses wollen nicht,

so nimm uns in deine Pflicht!


Zeuch vor unsern Rittern aus

und beschütz des Sachsens Haus,

der für deinen Ruhm und sich

Alles waget williglich!


Kan es sein, so gib uns Rast,

der du Alles kanst und hast!

Friedefürst bist du genant;

bring du uns doch Frieden-Stand.


Und, ihr Feinde, gebt es zu,

setzet euch mit uns in Ruh',

daß wir bei der letzten Zeit

stehn in sichrer Einigkeit!


Denket, daß der Friede nährt,

denket, daß der Krieg verzehrt,

denket, daß man doch Nichts kriegt,

ob man schon auch lange siegt!


Stelle deine Schlachten ein,

Mars, und lerne milder sein!

Tu die Waffen ab und sprich:

Hin, Schwert, was beschwerst du mich!


Dieser Helm wird nütze sein,

daß die Schwalben nisten drein,

daß man, wann der Früling kömmt,

junge Vögel da vernimmt.


Und der prachen Erden Bauch

darf der Spieß' und Degen auch,

doch daß sie sehn anders aus:

Pflug und Spaden werden draus.


Trit, was schädlich ist, beiseit!

Hin, verdamte Pest und Streit!

Weg ihr Sorgen, weg Gefahr:

itzund komt ein neues Jahr!
[235]

Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 233-236.
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