4. Auf Jungfrau Magdalena Weinmans Ableben

[252] 1632.


So bist du dennoch hin,

du schöne Weinmannin,

von welcher man so ofte

den blassen Tod erfuhr,

bald die gewündschte Kur

und Leben hoffte?
[252]

Du Tugendsame, du,

tust du die Augen zu,

die mehr nicht wollen glimmen?

Du wolberedter Mund,

erstummen dir itzund

die süßen Stimmen?


Wo ist der Stirnen Schein,

die klaren Äugelein?

Die weißen Zähne blecken,

der Wangen Milch und Blut

verfärbt die schöne Flut

mit toten Flecken.


Du lustigs Miethaus, du,

Leib, lege dich zur Ruh'!

Dein hat man satt gepflogen.

Dein Geist, dein werter Gast,

den du bewirtet hast,

ist ausgezogen.


Er schiffte Himmel an;

der Glaube war sein Kahn,

die Wündsche Botsgesellen,

die Ruder, Segel, Mast

sein Beten, er die Last,

die Tränen Wellen.


Die Lieb' ist sein Kompaß,

die Gegenliebe das,

was Helene bei Nachte,

die Seufzer guter Wind.

So segelt' er geschwind,

wohin er dachte.


Des Ankers darf er nicht,

der ihm zwar nicht gebricht.

Nichts macht den Himmel trübe.

Der Bräutgam geht zum Furt'

und wartet an dem Port'

auf seine Liebe.


Steig aus, du herzer Gast,

spricht er, und sei umfaßt[253]

von deines Buhlen Armen!

Komm, Seele, keusche Braut!

Dich hab ich mir vertraut

durch mein Erbarmen.


Dein Malschatz bin selbst ich,

du meiner. Meine mich,

wie ich dich herzlich meine!

So solstu ewig sein

was ich bin. Du bist mein',

ich allzeit deine.


Dein Zierrat und Geschmeid'

ist Zucht und Ehrligkeit,

die Keuschheit deine Krone,

die Scham dein Ehrenkranz:

so gehst du an den Tanz

mit Gottes Sohne.


Der Schauplatz ist ein Feld

der güldnen Sternenwelt.

Die lichten Cherubinen

sind fertig zu den Rei'n;

hingegenüber schrein

die Seraphinen.


Das Brautmal ist bereit:

die Speis' ist Ewigkeit,

die Trachten lauter Leben,

der Trank ein stetes Nun.

Mit solchem lieben Tun

bist du umgeben.


So laufen um den Saal

die Engel ohne Zahl

und rüsten auf ein Lager.

Dein Vater nennt ihn schon,

wie auch die Mutter, Sohn,

die Schwester Schwager.


Wol, keusche Seele, dir!

Wo bleiben aber wir?

Furcht wacht an allen Enden,

dortnaus ist Krieg und Not,[254]

hierinnen Pest und Tod.

Wer wird diß wenden?


Sprich deinen Bräutgam an!

Er ists, der retten kan,

er wird sich noch erbarmen,

er ists, der Hülfe hat.

Uns mangelt Rat und Tat,

uns armen Armen!

Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 252-255.
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