5. Auf der Tugendreichen dreien Jungfrauen Annen, Magdalenen und Juden, Herrn Johan von Wirths, Handelsmans in Leipzig, geliebten Töchter Christliches Absterben Trostlied an die hochbetrübten Eltern

[255] 1632 Sommer.


»Ach Jammer! inner dreien Tagen

sehn wir das dritte Kind hintragen!«

klagt ihr, ihr blassen Eltern, recht.

Und wer euch wolte diß verweisen,

der müßte härter sein als Eisen

und am Verstande sehr geschwächt.


Ein Kind verlieren stört die Freuden,

zwei ist ein recht geduppelt Leiden,

drei aber, das ist gar zu viel.

Doch laßt uns schauen noch hingegen,

ob denn bei diesen harten Schlägen

so gar kein Trost sich zeigen will.


Ihr müsset erstlich euch besinnen

und euer Heidnisch nicht beginnen.

Ihr wißt, was hin ist und was kömmt.

Auch wißt ihr, daß es der genommen,

von dem es vormals her gekommen,

der Allem seine Zeit bestimmt.


»Ach«, sprecht ihr, »daß wir sie geboren,

weil wir sie also jung verloren!«

Wer sagts, daß sie verloren sein?

Ists besser nicht gehabet haben[255]

als gar nicht? Was jung wird vergraben,

das blendet nicht der eitle Schein.


»Sie waren aber schon erzogen.«

Was denn? Ihr habet des gepflogen,

was mit sich bringt der Eltern Pflicht.

»Sie waren ferner from und züchtig.«

Diß macht mehr euer' Aufsicht rüchtig:

seid froh, daß man diß von euch spricht!


Ihr klagt ja eurer Ehe Früchte.

Und diß ists eben, das mit Nichte

euch allzu heftig wimmern läßt.

Ihr wisset, daß ihr fruchtbar waret.

Wem habt ihr aber fürgesparet?

Nach euch bleibt eben diß auch Rest.


Die Kinder kommen wol von Herzen

und gehn auch wieder bin mit Schmerzen;

doch ist euch gleichfals auch bewußt,

daß ihr habt Sterbliche gezeuget.

Was die gemeine Mutter säuget,

das folget ihr und ihrer Kost.


Soll man sich denn zu Tode grämen

um das, was man nicht wieder nehmen

und ihm auch selbst nicht wehren kan?

Wir hören stets zu Grabe läuten:

das meldet uns bei guten Zeiten,

was nachmals wird mit uns getan.


So soll euch dieses auch nicht reuen,

daß ihr sie nicht habt lassen freien.

Verfreien ist der strengste Dienst.

Ihr übernahmt sie kaum dem Klagen.

Um was ihr itzt so sehr müßt zagen,

sagt, ist nicht Alles diß Gewinst?


Sind große Kinder große Sorgen,

so ists ja besser heut' als morgen,

daß ihr euch ihrer habt gelost.

Wo sind sie besser aufgehoben

als eben in den Wolken droben?

Und diß ist auch kein schlechter Trost.
[256]

Zu dem, so habt ihr können gläuben,

daß diß nicht ewig würde bleiben,

was ohn' euch nicht kam an das Licht.

Viel minder soll euch das betrüben,

daß sie auf solche Weise blieben.

Wer wol stirbt, fragt nach diesem nicht.


Hat das Verhängnüß haben wollen,

daß sie auf einmal fallen sollen,

so ist es eben wol so gut,

daß wir auf einmal sie betauren,

als daß wir dreimal solten trauren

um dieses keusche Jungferblut.


Wer weiß, für welchen derben Strafen

sie Gott hat heißen gehen schlafen?

Wir sind hier Furcht, sie Friede voll,

zu schweigen, daß sie nunmehr wissen,

nach dem wir uns nur sehnen müssen,

bis uns, wie ihnen, auch wird wol.


Im Übrigen solt ihr die Plagen

um so viel desto leichter tragen,

weil eurer dennoch zweie sein.

Teilt euren Harm, wie vor die Freuden

und denket, daß mit eurem Leiden

ganz Leipzig etwas hat gemein!


Überschrift auf die seligen drei Schwestern

Weil aus dem Himmel sich die Gratien verloren,

so hat der Sternen Rat für jene Die erkoren.


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 255-257.
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