4. Auf eine Hochzeit zu Dresden

[293] Kleiner Gott der großen Glut,

die uns Herz und Seelen zwinget,

die durch Mark und Seele dringet

und versenget Sin und Mut,

sieh die zwei Verliebten an,

schau an diese Frau und Man!


Sieh sie an, das heiße Paar,

das vor diesem deine Stärke

auch befunden in dem Werke!

Das sonst auch verfreiet war,

spricht dich, wie es vor getan,

wiederum zu dienen an.


Sag mir, was dein Dienst doch sei!

Es ist ein verkehrt Verlangen,

da, ie mehr wir sind gefangen,

ie mehr achten wir uns frei,

und, ie mehr wir frei ausgehn,

wollen wir in Diensten stehn.


Wie ein süßes Regiment

muß es doch sein um das deine!

Das beweist mit klarem Scheine

diß, so abermalig brennt,

dieses herzverliebte Paar

und macht's durch sich selbsten klar.


Was uns sonsten nur erfreut,

es sei was es sei auf Erden,

das mag nicht verglichen werden

mit der güldnen Ledigkeit.

Es sei was es auch nur sei,

das ist froh, wenn es ist frei.


Wenn die schöne Nachtigal

einmal aus der Wacht entsprungen,

hat man ihr auch vorgesungen

einen solchen süßen Schall,[293]

daß sie wieder flög' herein

und sich ließe sperren ein?


Was uns einmal hat ergetzt,

das verlockt uns das Gemüte

immerdar durch seine Güte.

Was uns einmal hat verletzt,

das fliehn und verhüten wir,

wie wir können, für und für.


Wäre das Verehlichtsein

nichts als immer neue Plagen

und, wie schlechte Leute sagen,

eine liebe lange Pein,

was hätt' euch denn angebracht,

daß ihr wieder dran gedacht?


Ihr versichert uns durch euch,

daß wir dem nun Glauben geben,

Liebe müsse sein ein Leben,

dem auch keins auf Erden gleich,

daß der, so sich ihr ergiebt,

Freiheit mehr als Dienste liebt.


Wol euch, die ihr dienstbar seid,

die ihr euch so wol verbunden!

Ihr habt euer Glücke funden

in der freien Dienstbarkeit.

Ihr seid, Liebe, ihr seid blos,

mitten in dem Dienen los.


Wir, die wir noch müßig stehn,

die wir dem gelobten Knaben

uns noch nicht vermietet haben

und in wüster Irre gehn,

wündschen euch Heil und Gewinst,

uns auch balde solchen Dienst.


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 293-294.
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