9. Auf eine Hochzeit in Leipzig

[302] Ich weiß fest nicht, was ich dichten,

Bräutgam, was ich setzen soll.[302]

Du bist Freud' und Leides voll.

Soll ich mich nach dir denn richten,

wie ich soll, so muß auch ich

leid und froh geberden mich.


Neulich sahen wir zu Grabe

deiner liebsten Schwester ziehn.

Nun ist auch die Mutter hin.

Heute setzt der große Knabe

den Termin der Trauung auf

und zahlt eurer Liebe Kauf.


Weinend müsset ihr nun lachen,

lachend müsset weinen ihr,

Liebe; Bräutgam, sie mit dir,

du mit ihr, die diß kan machen,

daß du seufzen bei der Lust

und im Trauren froh sein mußt.


Wer sich in sein Glücke schicket,

der tut was Gott selbsten wil,

zagt in Nöten nicht zu viel,

braucht der Zeit, so ihn erquicket;

sein Verhängnüß nimmt er auf,

wie es mengt der Sternen Lauf.


Zwar es läßt sich übel stellen,

wann das Leid vom Herzen kömmt

und bis an die Tränen glimmt.

Also wenig Glut und Wellen

können unvermieden sein,

also wenig ernste Pein.


Doch so ist diß auch nichts Neues,

daß die Sonn' im Regen scheint.

Also lacht man, wenn man weint,

wer nur auch hat etwas Treues,

das mit ihm die Wage hält,

wo die leichte Schal' hinfällt.


Ein vertrauter Freund im Leben,

der halbirt uns unser Leid,

duppelt gleichfals alle Freud'

und versichert uns beineben,[303]

daß die Not, so uns betrübt,

ihm auch gleiche Stöße giebt.


Jene Tage sind zum Klagen,

die zur Fröligkeit bestimmt.

Selig ist, der mitte nimmt,

was für Lust die Zeiten tragen!

Gegenwärtigs ist Gewin;

was schon hin ist, das ist hin.


Es ist ohne diß ein Schatten

unser Leben, Last und wir.

Uns entkömmet für und für,

was wir vor in Volmacht hatten.

Letzlich, wenn denn alles port,

muß sein Rest, wir selbst, auch fort.


Unser sauersüßes Leben

ist ein Apothekertrank,

da vermischte Ruh' und Stank,

herb' und süß', ein Grauen machen,

den man, was man auch fang' an,

scheiden nicht, nur trinken kan.


Mäßigt, schöne Braut, das Trauren

und seht auf den Liebsten hin,

der mit gleichbetrübtem Sinn'

eure Freunde hilft betauren,

eure Freunde, die gemein

ihm mit euch in künftig sein!


Habt ihr ihn betrüben können,

so macht ihn auch wieder froh!

Sein Gesicht' ist rot und roh

von der Zähren scharfen Rinnen.

Eurer Küsse feuchter Schwamm

streicht hin diese Flut und Flamm'.


Ob diß Leid verbeut zu schauen

eurer Hochzeit offne Zier,

hinterhält uns der Begier

und läßt euch zu Hause trauen,

so weiß doch ein Ieder wol,

wie er für euch wündschen soll.
[304]

Euch will förderhin gebühren,

liebstes Paar, bei Lieb' und Leid',

als ihr schon gewohnet seid,

gleiche Sinnen stets zu führen.

Helfe Gott, daß diese Treu'

alles Traurens Ende sei!


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 302-305.
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