26. An Timoth. Polussen

[365] 1635 April.
[365]

Ich bin froh, daß ich was habe,

das man dennoch hassen kan,

und was geht mir daran abe,

daß mich jener schel sicht an?

Leid' ich von der Tugend wegen,

so wird mir sein Fluch zu Segen.


Neid ist nur bei hohen Sachen

und die nicht gemeine sind,

hierein setzt er seinen Rachen;

des Gelücks Gefährt' und Kind

steigt und fällt mit seinem Rade,

wenn es Zorn braucht oder Gnade.


Große Dannen, hohe Fichten,

die bestürmt des Nordwinds Zorn,

der doch nichts dran aus kan richten:

keine hat kein Haar verlorn.

Wer der Tugend an will siegen,

pfleget allzeit zu erliegen.


Kaphareus verlacht die Wellen,

die sich an ihm lehnen auf.

Scylla läßt die Wogen bellen,

auch nicht so viel giebt sie drauf.

Laß das Unglück' auf sie gehen,

Tugend steht, wie Klippen stehen.


Rost verzehrt den stillen Degen;

stehnde Sümpfe werden faul,

Lüft' auch, die sich nicht bewegen;

unberitten dient kein Gaul;

Müssiggang verderbt die Jugend;

ungeübt verschält die Tugend.


Tugend, die ist niemals müssig,

sucht ihr allzeit einen Feind

nie der Arbeit überdrüssig,

aller Mühe steter Freund.

Ihre Sinnen und Gedanken

sind: stets laufen in dem Schranken.


Die berühmbten Dattelstämme

heben ihre Last empor,

und tun zwischen solcher Klemme

reicher ihre Zier hervor.

Ein stark Herze wird erblicket,

wenn es sein Verhängnüß drücket.


Aus den ausgequetschten Trauben

kömpt Lyäus süßer Saft.

Eine Rose hat, bei Glauben,

ungerieben schwächre Kraft.

Tugend schmeckt und reucht gepresset,

welche Kost ihr Weisen esset.


Bellet, ihr erzürnten Hunde,

bellt die stille Phöben an:

sie bleibt wol, wo sie vor stunde,

und hält ihre hohe Bahn.

Weisheit ist zu hoch gestiegen,

da kein Haß ihr nach kan fliegen.


Jene, die ich sie sein lasse,

die nicht mehr sind als nur sein,

sind nicht wert, daß ich sie hasse,

reich an Nichts, klug auf den Schein.

Wahn ists, des ein Weiser lachet,

der sie so voll Hoffart machet.


Unser Pöfel hat die Sitten:

schilt, was er nicht haben kan,

tadelt, warumb er muß bitten,

sieht den Nachbar hart drumb an,

und an dem er muß verzweifeln,

das vergönnt er allen Teufeln.


Bessern soll michs, nicht betrüben,

daß mich der zu tadeln pflag.

Wer nicht etwas hat zu lieben,

hat nicht, was man hassen mag.

Und umb was mich dieser neidet,

ist, an dem er Mangel leidet.


Ich kan Einem ja vergönnen,

daß er seines Maules braucht,

redet er mir nicht zu Sinnen;

wie bald ist ein Wort verhaucht!

Hüte dich nur für den Taten!

Gott, der wird den Lügen raten.


Steht denn meine Schand' und Ehre

so in Eines Lob und Schmach?

Weit gefehlt! Wenn dieses wäre,

so gäb' auch kein Weiser nach.

In die Zeit sich schicken künnen,

künnen nur geübte Sinnen.


Diß mein redliches Gewissen

ist mir Zeuge gnug für mich.

Wes ich allzeit mich beflissen,

wissen zwene: Gott und ich.

Welcher Alles will verfechten,

der muß heut' und allzeit rechten.


Jupiter, wie hoch er sitzet,

ist nicht von den Lästrern frei.

Wenn er allzeit würd' erhitzet,

wenn man ihn schilt ohne Scheu,

so würd' er in kurzen Weilen

werden arm an Blitz und Keilen.


Will dich Einer nicht begrüßen,

so behältst du deinen Dank.

Setzt er dich schon nicht auf Küssen,

sei vergnügt mit bloßer Bank!

Er und alle, die dich hassen,

müssen doch dich dich sein lassen.


Laß sie sein, die Theons-Brüder,

die Geschwister Zoilus',

und laß deine guten Lieder,

die der Haß auch lieben muß,

die die Unehr' auch muß ehren,

umb die Flüß und Püscher hören!


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 81,366.
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