38. An Anna, die spröde

[437] 1639 April.


Als Echo ward zu einem Schalle,

zu einer unbeleibten Luft,

die durch das Tal mit halbem Halle,

die, so sie rufen, wieder ruft,

da ward der hole Wald voll Klage,

das feige Wild stund als betört,

die Nymfen ruften Nacht und Tage,

wo bist du, Lust, die man nur hört?


Narzissus, dir ist recht geschehen,

vor sahst du sie und woltst sie nicht.

Itzt wilt du, die du nicht kanst sehen,

und hörst nur, was sie dir nachspricht.

Der Brunnen, der dich dich ließ schauen,

der strafte deinen stolzen Muth,

daß nun nicht eine von den Frauen

dir bis auf diesen Tag ist gut.


Nicht, nicht so ist mein Sinn gesinnet,

bei mir ist alles umgewant.

Ich liebe, die mir Böses gönnet,

ich folge der, die nicht hält Stand.

Ich lauf', ich ruf', ich bitt', ich weine;

sie weicht und schweigt und stellt sich taub.[437]

Sie läugnets und ists doch alleine,

die mir mein Herze nimmt in Raub.


Ach, Freundin, scheu der Götter Rache,

daß da dir nicht zu sehr gefällst,

daß Amor nicht einst deiner lache,

den du itzt höhnst und spöttlich hältst.

Daß, weil du nichts von mir wilst wissen,

ich nicht mit Echo lasse mich,

und du denn müssest mit Narzissen

selbst lieben und doch hassen dich.


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 437-438.
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