5. Auf Herrn Garlef Lüders und Jungfrau Margarethen Brauns Hochzeit in Moßkow

[69] 1634 November 27.


Ihr, die ihr Nacht und Tag auf Lieben zu gedenken

und euren matten Sinn mit Sehnen pflegt zu kränken[69]

nach jener schönen Zeit, bis daß die süße Lust,

von der ihr mir erzählt, als das euch ist bewust,

auch euch einst stehe frei; setzt, ihr verwirrten Leute,

diß, was ihr doch nicht habt, ein wenig auf die Seite,

vergnügt euch selbsten euch! Laßt euren eiteln Wahn,

und seht um so viel mehr die beiden Lieben an!

Schaut an diß fromme Paar, diß Paar, so zwei an Namen

und eins an Herzen ist, das wahrer Liebe Samen

aus seinen Augen streut und in zwei Herzen säet,

darin es allezeit in voller Blüte steht

und tausent Früchte trägt! Die Furcht, die Qual der Sinnen,

das angstgefüllte Kind der bösen Erebinnen,

hat ihren Tod erlebt. Die seufzende Begier,

die Tochter des Averns, die hat ein Ende hier.

Die müde Hoffnung stirbt, das reizende Verlangen,

das hat auf diesen Tag ganz seinen Rest empfangen.

Kein Harren harret mehr. Das matte Sehnen liegt

und tut den letzten Zug. Sie haben obgesiegt,

die Beide, wie ihr seht. Lauft aus, ihr kleinen Götter,

ihr Eivolk, Paphos Ruhm, bringt frische Myrtenblätter!

Du Amathunta, flecht in ihr würdiges Haar

die Krone, die du machst für deiner Fechter Schar!

Der Ruhm folgt auf den Sieg. Ihr weichen Najadinnen,

eilt, was ihr eilen könnt, zu euren kühlen Brünnen,

holt frische Schmergel her, pflockt Quendel, Pol und Klee!

Ihr, Napäinnen, bringt, was her komt über See,

gebt fremde Tulpen her! Geh, Klio, mit Melposen,

reuft Hiazynthen aus, brecht volle Zuckerrosen

und keusche Lilgen ab! Lest, was nach Pestum reucht

und was Alcinous und Flora Schönes zeugt!

Pflockt alle Körbe voll! Eilt, laufet um die Wette,

komt, bringt und schüttet aus! Hier wollen wir ein Bette

von Farben bauen auf. Sie, aller Blumen Schein,

die sollen ganz und gar verdeckt mit Blumen sein.

Diß ist des Bräutgams Lohn für seine hohe Gaben,

er will sonst keinen Dank, als von der Liebsten haben.

Sein ausgelehrter Mund, der redet, was er will,

vermischt Athen mit Rom, Französisch ist sein Spiel,[70]

Toscanisch seine Lust. Der Jüde steht betöret,

spricht: Landsman, fahre fort! wenn er ihn reden höret,

und daß man wissen mag, daß er mehr Sprachen kan,

so redet er sein Lieb itzt auch auf Russisch an.

Bisher ist Alles falsch. Der Zirkel hat gelogen,

das Lineal geirrt, das Augenmaß getrogen.

Er maß, er übermaß, es wolte doch nicht sein,

Quadrant und Transporteur, die trafen ganz nicht ein,

der Fleiß, der war umsonst. Nun hat er endlich, troffen

den viel gesuchten Zweck. Sein Mittelpunct steht offen.

Er spannt sein Instrument, so weit es gehn will, aus:

so kommt ihm, was er sucht, auch auf ein Härlin raus.

Er wundert sich selbselbst. Die Tiefe, Breite, Länge,

das rechte Gegenmaß, die Weite samt der Enge,

und was man sonst so mißt, das weiß er ungefähr

und rechnets ohne Maß auf einem Nagel her.

Die Künstler irren nicht. Prometheus, wem du grübest

ein Herze güldner Art, und wen du, Phöbus, liebest,

Der lernet, was du lehrst, wird deiner Künste voll.

Unähnlich ist ihm nichts, als daß er fehlen soll.

So ist sein Drechselwerk bisher fast mißgelungen,

kein Ansatz, der war recht, die spröden Eisen sprungen,

die Hand ging vor den Fuß, als der verstieß die Hand,

es wurde nichts nicht drauß, als was da wird genant

nach Nürnberg, die so fehlt. Ich weiß nicht, was man saget?

Ists aber dieses nur, darüber man so klaget?

Wird nirgends sonst geirrt? Geht ihre kluge Hand

durch alle Länder nicht? Ja, ja, so ists bewandt!

Irrt einer etwan grob, so ist er stracks bemühet,

bis er denselben Fehl an großen Leuten siehet:

denn, meint er, seis schon gut, wenn er nur sagen kan:

Gott weiß, wie recht und wahr! das hat der auch getan!

Wer haßt sein Laster itzt? Forthin so will er machen

sonst nichts nicht als oval und kugelrunde Sachen.

Weil auch die Kupferstich' ihm mißgeraten sein,

so will er seinen Zeug gewisser setzen ein.

Nun kan er besser auch nach dem Gestirne gucken:

sein Himmel steht vor ihm. Er schauet nach der Glucken,[71]

besieht den Angelstern, merkt, wo der Milchweg geht

und wo das helle Liecht der Jungferähre steht.

Wol dem, den so wie ihn sein Himmel würdig achtet,

daß er zu Tag und Nacht die schöne Zier betrachtet,

die um und in ihm ist! Er ist den Göttern gleich

und hat schon, weil er lebt, ein sterblichs Himmelreich.

Er läßt die kleine Welt in seinen Armen rasten,

er unterstützet sie, ein Atlas ihren Lasten,

hebt sie, daß sie ihn trägt. Sein Leben, seinen Sinn,

sein Alles, was er ist und hat, das legt er hin

in seiner Liebsten Schoß. Er hat das beste Leben,

das iemals Jupiter den Sterblichen gegeben.

Kein Sinn, der ist an ihm, der unvergnüget blieb'.

Er sieht, er hört, er reucht, er schmäckt, er fühlt sein Lieb

nicht wie ein Ander tut, der Tag und Nacht sich grämet

um etwas, das Nichts ist, doch sichs zu sagen schämet;

ist elend auf den Schein, hat Alles und doch Nichts,

wird oft um Mittagszeit beraubet des Gesichts,

blind sehend, hörend taub. Er denkt nicht, was er denket,

besinnet keinen Sinn, weiß gar wol, was ihn lenket,

und weiß es gleichwol nicht, lobt, was er schon verspricht.

Das Wündschen hat er frei, das Haben hat er nicht.


Seid selig, wie ihr seid, ihr wolgetrauten Beide!

Und wenn ihr denn nun schmäckt die angenehme Freude,

so denkt auch derer Not, die ihr vor kurzer Zeit

noch waret, was sie sein, nun, was sie nicht sein, seid!


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 69-72.
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