15. An Herrn Johan Klipstein

[122] Was Orpheus jener Zeit auf Venus Klippen sunge

und wie er durch den Witz die starken Saiten zwunge

in dem beseelten Ton, daß auch der Thracen Hain'

und ungefüßte Klüft' ihm nachgegangen sein;

und daß der Linus auch die Thebischen Gefilder,

das ungezahmte Land, gemachet hat viel milder

durch seiner Harfen Kraft; wie auch Arions Kunst

den liebenden Delfin zu einer solchen Gunst,

die über Wundern ist, bei Lesbus hat bewogen;

und daß das wilde Wild Amphion nachgezogen,

im Fall' er Stimm' und Spiel zugleiche tönen ließ, -

ist mancher Klügling noch zu gläuben ungewiß.

Wie, spricht er, kan es sein, daß Felsen hören können?

Und hat der dumme Forst auch die Vernunft der Sinnen,

daß er den Ton vernimmt? Drum weiß er nicht, wohin

die hohen Schriften sich in ihrer Deutung ziehn.

Das strenge Heidenvolk sind die bewegten Klippen,

der Wald das wilde Tun der ungeschlachten Lippen

und grober Sitten Wust, die durch die kluge Hand

und feurige Vernunft der Weisen sich erkannt

und sich aus sich verjagt. Diß hat der Kastalinnen

geneunte Schwesterzunft so glücklich enden können

durch ihrer Musik Macht. Wer ist so taub und blind,

daß er der Stimmen nicht ein Ohr und Auge gönnt?

Sie hat uns Menschen erst zu Menschen recht gemachet

und durch ihr Lieblichsein uns freundlich zugelachet

als wir noch waren grob. Was nichts nicht zwingen kan,

das bändigt ein Gesang. Wenn Hermes stimmet an,[122]

so schläft auch Argus ein. Was kan man bessers finden,

wenn uns der Trauermut die lassen Geister binden

und ganz umnebeln will, als wenn bei guter Kost

man um sich haben kan der Musik süße Lust,

der Kummertöterin? Da können deine Gaben,

Licinta, dich und uns in voller Wollust laben

und uns dir machen gleich, wenn dein bejahrter Wein

springt in der Schalen auf, und Einer spielet drein

es sei auch was es sei. Die Sing- und Saiten-Schulen,

die lernen uns bevor das wolvergunte Buhlen,

und wie man sittsam wird. Cytheris und ihr Sohn

sind, wo man singt und spielt, nicht gerne weit darvon.

Saul raset ohne sie. Misenus muste singen,

solt' Hector lustig sein. Wenn Schützens Lieder klingen,

so wächst des Sachsens Lust. Wenn Nauwach das Pandor

läßt hören und mit ihm den künstlichen Tenor,

da wacht mein Opitz auf, daß er des Künstlers Stimmen,

so hoch, wo über uns der Leier Sternen klimmen,

durch seinen ersten Preis, die deutschen Vers' empört,

weil immer eine Kunst die ander' liebt und ehrt.

Wo laß ich aber dich und deine schöne Laute,

Herr Klipstein, welche dir von Hand zu Hand vertraute

Apollo Phöbus selbst, der sie vorerst erdacht,

der deine schnelle Faust ihr griffreich hat gemacht?

Wo lass' ich dich und sie, sie, Fürstin aller Saiten,

dich, ihrer Künstler Gott? Wenn du die Traurigkeiten

durch deine Kunst bestürmst, so dringt der Helicon

auch selbsten sich zu dir, daß ihm dein großer Ton

noch mache göttlicher. Du schaffst, daß unsre Sinnen

sich weit, weit über uns ans Blaue schwingen können,

wo man kein Leid nicht kennt. Der wollustvolle Klang

verzäubert uns den Sinn und macht uns sehnend krank,

doch durch ein süßes Weh. Wem soll ich dich vergleichen?

Ich weiß, an Lieblichkeit muß dir Iopus weichen

und Demodokus auch. Was Thamyras gespielt,

das stichst du leichtlich hin. Wen dieses Lob vervielt,

der komm' und höre dich! Du hast den Preis erworben,

daß du nach deinem Tod' auch bleibest ungestorben.[123]

Die Kunst verlacht das Grab. Du wirst sein hochgepreist,

solange Cynthius der Lauterfinder heißt.


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 122-124.
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