51. An Herrn Hansen Arpenbeken, vertrauten Bruders, auf dessen seiner Liebsten ihren Namenstag in Gilan begangen

[180] 1638 Februar 1.


Hilft Gott dir dieses Jahr, mein Bruder, überleben,

so wirstu zweifelsfrei in größrer Freude schweben,

wenn du auf diesen Tag dein Schönstes von der Welt

mit dir selbst binden wirst um dein und ihren Belt.

Denn wirstu alles Leid der langen dreien Jahre,

die Persien uns verzehrt und Manchem graue Haare

bei frischer Jugend macht, auf einmal werden los,

wenn du gebunden liegst in deiner Liebsten Schoß

und in der deinen sie. Wie frölich wird sichs denken

an das, warum wir uns anitzt noch furchtsam kränken!

Wie sicher wirstu denn erzälen von Gefahr;

es wird dir Zucker sein, was vormals Galle war.

Ich zweifle sehr daran, daß ich dann werde leben

und dir auch meinen Wundsch mit andern Freunden geben,

weil dieser schwere Zug mich täglich mürber macht

und meinen stärksten Teil schon längst hat umgebracht.

Tut uns die Reise nach und sagts uns dann, ihr Brüder,

wie stark ihr zoget aus, wie schwach ihr kommet wieder!

Wer reich und stark und alt zu werden ihm erkiest,

der lasse Reisen sein und bleibe, wo er ist!

Zu dem erschrecken mich die oft besorgten Posten,

was sich mein Vaterland anitzt noch lasse kosten,

um nur verderbt zu sein; es freue sich der Pein

und wolle noch nicht tot in seinem Tode sein

So große Lust ich vor mich hatte weg zu machen,

um des Gradiven Zorn von fernen zu verlachen:

Zeit, Eltern, Vaterland, Studiren, Ehr' und Gut,

das schlug ich Alles aus für diese Handvoll Blut,[180]

die mir doch hier verdirbt; ich dachte: Laß es fahren,

gib alles hin für dich! Kanst du dich nur ersparen,

so hastu satt an dir. Beschau indeß die Welt

und denke, daß man viel von Vielgereisten hält!

inzwischen wird es gut –, so groß und größer Grauen

befällt mich itzund nun, da ich soll näher schauen

mein durch fünf ganze Jahr' entschlagnes Meißner-Land,

das von der Kriegesglut zu Pulver wird verbrant.

Ach, hast du noch nicht satt vom Schaden deiner Feinde?

Was, Landsman, schlägst du dich denn nun mit deinem Freunde?

Verzeih mirs, hastu Recht! Ich aber kan mehr nicht

als um dich sein betrübt von wegen meiner Pflicht.

Die Angst hat mir vorlängst mein Erbteil aufgerieben,

die Mutter umgebracht; nun muß ich mich betrüben,

in was vor Stande wol der alte Vater sei,

den dieser mein Verlust mehr als sonst Alles reu'.

Ich war sein Einziger, an den er alles wandte,

bis daß Apollo mich für seinen Freund erkante

und nach zwei Kränzen mir den dritten flochte schon;

nun aber ist mit mir ihm aller Trost darvon.

So muß ich über das auch dieses mich befahren,

daß die bei jener Zeit die besten Freunde waren

mich, weil ich nun so lang' und weit von ihnen bin,

längst der Vergessenheit geopfert haben hin.

Indem ich denn auch hier in so viel Toden lebe

und zwischen Furcht und Lust in Trost' und Zweifel schwebe,

daher ich werde denn zum Grabe reif gemacht,

doch gleichwol noch auf mich und Freunde bin bedacht:

daß, wenn ich meine Schuld dem Schöpfer hab' entrichtet,

und diß, was faulen kan, der Leib, längst ist vernichtet,

ich dennoch könne frisch und unverweset sein

durch etwas, das mich schreibt den Ewigkeiten ein, –

so lasse Bruder denn zu mein und deinen Ehren

um deinen Hochzeittisch diß kurze Liedlein hören

und wisse, daß mein Geist, der um die Schatten irrt,

auch in dem Dunkeln sich hierüber freuen wird![181]

Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 180-182.
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