38. Auf den Jungferberg in Nagaien der Reußen

[477] 1636 August 25.


Ists, wie ihr Keußen es nicht lasset unerwiesen,

daß Niemand von uns weiß, ist diß derselbe Berg,

auf dem auf eine Zeit gewohnt ein kluger Zwerg

und eine Jungfrau auch, der Ankunft von den Riesen,


darvon er itzt noch heißt, und langet bis nach Niesen,

der weitgelegnen Stadt? Was für ein Wunderwerk[477]

bekräftigt euer Wort? Zeugt nichts nicht ihre Stärk',

ihr Leben und ihr Tun, der Tochter der Odrysen?


Nein. Die vergeßne Zeit hat Alles mit sich fort.

Ich wunder mich des Tuns und ehre diesen Ort,

der mir fast halbe Furcht mit seiner Wildnüß machet.


Der wolkengleiche Fels wirft frech sein Haupt empor.

So tut ein wilder Mensch und trutzt der Götter Chor,

der ihn doch mehr nicht scheut, als daß er seiner lachet.


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 477-478.
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