Drittes Kapitel
Wieder in Berlin. Letztes halbes Jahr bei »Franz«. Auf Pulvermühlwache

[143] Wir kamen mit einem Frühzug an. Wenige Stunden später meldete ich mich bereits bei meinem guten Hauptmann. Er ließ alle Dienstlichkeit fallen und sprach ganz menschlich zu mir, beinah väterlich.

»Nun, lieber F., wie war es?«

»Himmlisch, Herr Hauptmann.«

»Glaub' ich ... Ja, London ... Ich habe auch mal hingewollt.«

Er plauderte noch eine kleine Weile so weiter und sah mich dabei gütig und halb wehmütig an, mit einem Ausdruck, wie wenn er bei sich gedacht hätte: »Ja, der junge Mensch da ... wenn dies Jahr nun hinter ihm liegt, so liegt das Leben wieder vor ihm. Und schon jetzt war er drüben und hat ein Stück Welt gesehen und sich die Brust ausgeweitet. Und ich! Ich bin nun fünfundvierzig und komme nicht vom Fleck. Immer Rekruten und Vorstellung und Manöver. Und dann wieder Rekruten.«

Er war loyal und preußisch und königstreu bis in die Fußspitzen. Aber solche Gedanken mochten ihm doch wohl öfter kommen, und er hatte auch Grund dazu. Denn seine Stellung war eingeengt und gedrückt. Dessen war ich selber einmal Zeuge. Wir machten, das ganze Bataillon, eine große Felddienstübung, ich glaube nach Tegel zu. Seit kurzem war ich Unteroffizier geworden und hatte mit einer Patrouille von drei oder fünf Mann irgendwas zu rekognoszieren. Um uns her lag Wald, und wir verliefen uns gründlich. Als wir uns dann schließlich, vielleicht auf Signalrufe hin, die wir aus der Ferne hören mochten, wieder herangefunden hatten, war schon alles vorbei und das ganze Bataillon zum Abmarsch fertig. Vor der Front hielt der Kommandeur, Major von Ledebur, der an des alten Wnuck Stelle gekommen war, ein schöner Mann, Gardeoffizier comme il faut. Ich marschierte mit angefaßtem Gewehr auf ihn zu, um meine Meldung abzustatten. Er hatte wohl von der verlorengegangenen Patrouille schon gehört und machte[143] nicht viel davon, um so weniger, als er auf dem Punkte stand, über die stattgehabte Felddienstübung seine Schlußmeinung abzugeben. Im ganzen genommen hielt er sich in seiner Kritik innerhalb bestimmter Grenzen, als er aber der Führung der sechsten Kompanie gedachte, goß er, immer heftiger werdend, die Schalen seines Zornes über meinen unglücklichen Hauptmann aus. Nichts war gut, und es gereicht mir noch in diesem Augenblick zum Troste, daß wenigstens meiner in die Irre gegangenen Patrouille gar nicht dabei gedacht wurde; die Hauptfehler – wenn es Fehler waren, denn auch Bataillonskommandeure können irren – schienen nach ganz anderer Seite hin zu liegen. Armer Hauptmann! Da stand er nun am rechten Flügel, die Augen zur Erde gerichtet, mit einem Ausdruck von Bitterkeit und Sorge, ja auch von Sorge, weil er, neben dem Tadel, auch noch allerhand anderes Unliebsame mit herausgehört haben mochte. Das furchtbar Schwere dieses so beneideten und auch so beneidenswerten Berufes kam mir in jener Minute zu vollem Bewußtsein. Immer schweigen und sich höchstens an dem Satze »Heute mir, morgen dir« aufrichten zu müssen – das ist hart und nicht jedermanns Sache. Man muß es hinnehmen wie sein Schicksal oder jene berühmte »Wurschtigkeit« haben, die Lob und Tadel gleichmäßig als Ulk auffaßt – sonst geht es nicht.

Im Sommerhalbjahr, oder was dasselbe sagen will, solang ich noch kein »Avancierter« war, beschränkte sich mein Ehrgeiz, was den Wachdienst angeht, darauf, auf die »Schloßwache« zu kommen, und zwar, um hier vielleicht, auf einem wegen seiner Spukerei verrufenen Korridor, der »Weißen Frau« zu begegnen. Ich kam denn auch wirklich auf »Schloßwache«, leider aber, statt auf den ersehnten Korridor, in das architektonisch berühmte Eosandersche Portal, wo es, da es gerade ziemlich windig war, furchtbar zog. Die Folge davon war, prosaischerweise, daß ich statt mit der »Weißen Frau« mit einer drei Tage später sich einstellenden dicken Backe abschloß. So verlief der sommerliche Wachdienst. Im Winterhalbjahr aber, ich war inzwischen mit den Tressen ausgerüstet, fielen mir verschiedene Wachkommandos zu, zuletzt das »bei den Pulvermühlen«, die schon damals für unsicher galten. Von diesem[144] Wachkommando, meiner militärischen Großtat, muß ich hier noch erzählen. Ende gut, alles gut.

Ich erfuhr also eines Tages, daß ich für die Pulvermühlwache designiert sei – fatal genug. Was mir aber viel fataler war, war die Zubemerkung, »daß ich das Kommando nicht über Leute meiner eignen sechsten Kompanie, sondern über Mannschaften der fünften anzutreten hätte«. Das mag nun für einen altgedienten Unteroffizier nicht viel bedeuten, aber für einen jungen Freiwilligen, der, weil er ewig unsicher ist, auch nicht recht zu befehlen versteht, ist dies eine sehr wesentliche Beschwerung der Situation. Indessen, was half es? Vorwärts also! Bei gräßlichem Wetter tappten wir hinaus. Anfangs ging alles ganz leidlich; die Leute waren trätabel, und so kam der Abend heran. Ein rotblonder Westfale, Bulldoggenkopf, mit nicht allzu vielen, aber dafür desto größeren Sommersprossen im Gesicht, hatte draußen den Posten vorm Gewehr, und ich ließ mir, bei einer Blaklampe, von den Leuten allerhand aus ihrer Heimat erzählen, als plötzlich ein paar Zivilisten in größter Aufregung in die Wachstube kamen und um Hülfe baten: »In einer Schifferkneipe, hart am Kanal, gehe es drunter und drüber; ein Betrunkener sei da, mit ein paar Freunden, und drangsaliere den Wirt und seine Frau.« Das Lokal, um das sich's handelte, war ziemlich weit entfernt. Aber ich hatte keine Wahl und schickte also drei Mann ab, die denn auch nach einer halben Stunde wiederkamen und einen großen Kerl ablieferten, der übrigens kaum ein Kerl, sondern vielmehr ein brutaler Elegant war, gut gekleidet und sogar von einer Art Bildung. In seiner Trunkenheit entschlug er sich freilich aller Vorsicht, zu der, wie sich bald ergab, nur zu guter Grund für ihn vorlag. Im Wachtlokal war er nicht anders wie vorher in der Kneipe randalierte, schlug um sich und stellte sich schließlich vor mich hin, dabei mich anschreiend: »Himmelwetter, ich bin auch Soldat gewesen ... so geht das nicht, Herr Fähnrich ... Sie verstehen den Dienst nicht.« Alle solche Szenen sind mir immer gräßlich gewesen. Aber wenn sie da sind, amüsieren sie mich eigentlich. So war es auch diesmal, und ich kam in ein Lachen, bis ein Zwischenfall mich mit einemmal in eine sehr schwierige Lage brachte. Der Posten draußen vorm Gewehr, wahrscheinlich[145] ein Gefreiter, also halbe Respektsperson, glaubte, – als das Toben da drinnen kein Ende nehmen wollte, daß er mir zur Hülfe kommen müßte, stürzte ohne weiteres in das Wachtlokal herein und stieß dem Randaleur den Kolben derart vor die Brust, daß er in die Ecke taumelte. Das war nun alles sehr gut gemeint, aber doch eigentlich ganz unverschämt; er hatte draußen Posten zu stehen, statt ungerufen hereinzustürzen und mir seine gar nicht gewollte Hülfe aufzudrängen. Es hieß doch nicht viel was anderes als wie: »Der Freiwillige weiß nicht mehr aus noch ein, da muß ich einspringen« – und so war ich denn in der unangenehmen Lage, daß ich meinen Hülfebringer andonnern und wieder an seinen Posten 'raus verweisen mußte. Glücklicherweise war er Soldat genug, um gleich zu gehorchen. Der Randaleur aber wurde bei Tagesanbruch nach der Stadtvogtei hin abgeliefert und wurde daselbst von den Beamten als »alter Bekannter« begrüßt, als Radaubruder, Händelsucher und ganz besonders als Falschspieler. Mir selbst gratulierte man zu dem Fange.

Wochen vergingen, und ich hatte die ganze sonderbare Szene schon wieder vergessen, als sie mir noch einmal in Erinnerung gebracht wurde. Draußen tanzten Schneeflocken, während es in meiner Mansardenwohnung in der Jüdenstraße schon dunkelte. Vor mir lag »Childe Harold«, in dem ich gerade gelesen, und ich schickte mich eben an, mich mehr ans Fenster zu setzen, um da für meine Lektüre noch einen letzten Rest von Licht aufzufangen, als draußen die Klingel ging. Ich stand auf, um nachzusehen, wer in dieser Dunkelstunde mich noch besuchen wolle, und sah auf dem kleinen Flur draußen drei kolossale Kerle stehen, die durch die Schafpelze, die sie trugen, womöglich noch größer wirkten.

»Sie sind der Herr Unteroffizier?«

Immer noch ahnungslos, um was es sich handle, sagte ich: »Ja, der bin ich. Aber kommen Sie 'rein; es ist kalt hier draußen.«

Und nun folgten sie mir in mein Zimmer zu weiterer Ansprache.

»Ja«, fuhr drinnen der Sprecher fort, »wenn Sie der Herr Unteroffizier sind ... wir sind nämlich so gut wie seine Bekannten,[146] alte Bekannte von ihm, und wenn er nu vorkommt und Sie von ihm aussagen sollen ...«

Jetzt dämmerte mir's und, wie ich sagen muß, nicht gerade zu meiner Freude. Wenn die Kerle da kamen, um Rache an mir zu nehmen! ... Aber Courage! Ich berappelte mich also und sagte mit so viel Unbefangenheit, wie sich in der Eile auftreiben ließ: »Nun gut, ich verstehe; Sie sind also seine Freunde ...«

»Ja, wir sind so seine Freunde, und das können wir sagen: er ist nich so schlimm. Und wenn er nun vorkommt un Sie gegen ihn aussagen sollen ...«

»Ja, hören Sie, ich muß aber doch sagen, wie es ist.«

»Nu ja, nu ja ... man bloß nich zuviel ... Und wir würden Ihnen auch gerne ...«

Diese Worte, so dunkel sie waren, waren von einer Bewegung begleitet, die mir keinen Zweifel darüber ließ, daß man mir einen Taler oder dergleichen in die Hand stecken wollte ...

Das gab mir meine ganze Haltung wieder, und ich versprach in rasch wiederkehrender guter Laune, daß ich ihm nichts besonders Schlimmes einbrocken wolle.

Diese Zusicherung schien die Leute auch zu beruhigen, und unter Verbeugung gegen mich schickten sie sich an, in guter Ordnung ihren Rückzug anzutreten. Aber als sie schon beinah draußen waren, kehrte der eine noch einmal um, schudderte sich und rieb sich mit Ostentation die Hände, wie wenn ihn bitterlich fröre, was aber bei seinem dicken Pelz ganz unmöglich und in der Tat nichts als eine diplomatische Gesprächsüberleitung war, und sagte: »Herr Unteroffizier, en bisken kalt is et hier, en paar Kiepen Torf ... wat meenen Sie? ...«

»Nu, schon gut«, sagte ich. »Lassen wir's. Und wie ich Ihnen gesagt habe, ich werde nichts Schlimmes gegen ihn vorbringen.«

So verlief es denn auch.

Das Angebot von ein »paar Kiepen Torf« aber war der Schlußakt meines Dienstjahres bei »Kaiser Franz«.


Ostern 45 schloß dies Dienstjahr ab, währenddessen ich, außer meiner vorgeschilderten Reise nach England, noch manch anderes, das nicht gerad im Bereiche des dienstlich Soldatischen lag, erlebt hatte. Darunter war vor allem mein Eintritt in die[147] gerade damals in Blüte stehende Dichtergesellschaft: »Der Tunnel über der Spree«.

Über diesen im nächsten Abschnitt.[148]

Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 15, München 1959–1975, S. 143-149.
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