Zehntes Kapitel

Sonntag früh

[317] Der Heidereiter war am anderen Morgen zeitig auf. Er liebte sonntags früh eine ruhige Betrachtung und einen inspizierenden Gartenspaziergang, an dem er um so lieber festhielt, als ihm die Woche die Gelegenheit dazu nicht gönnte. Das wußte jeder im Haus, und natürlich auch Hilde, die, so wenig sie sich persönlich aus Gartendienst und Blumen machte, doch immer emsig beflissen war, alles fortzuschaffen, was des gestrengen Spaziergängers gute Laune hätte stören können.

Und so war es auch heut, und der Alte freute sich der überall herrschenden Ordnung. Die Wege waren geharkt, das Unkraut gejätet, und innerhalb der noch grünen Buchsbaumrabatten blühten ihm Astern und andere Herbstblumen entgegen. Auf dem Levkojen- und Resedabeet erkannt er wohl, daß es geplündert worden war, aber er wußte ja, weshalb, und lächelte nur und war der Unordnung eher froh als nicht. Und zuletzt kam er auch an ein kleines Rondel, drin neben den rotstengligen Balsaminen allerhand Rittersporn stand, und er pflückte davon und wollte sich eine der blauen Blüten ins Knopfloch stecken. Aber er besann sich eines anderen wieder und warf sie fort.

Indem war Grissel aus dem Hof in den Garten gekommen und hatte dem Heidereiter kaum erst ihren guten Tag geboten, als dieser auch schon bemerkte, daß das aus dem Garten ins Feld führende Gatter bloß angelehnt und nicht geschlossen[317] war. Das verdroß ihn oder war ihm wenigstens nicht recht, und er warf im Gespräch hin: ein Heidereiter habe viel Feindschaft und dürfe das Gesindel nicht eigens noch einladen, ihm die Blumenbeete zu zertreten oder die Äpfel von den Bäumen zu stehlen. Und so ging es noch eine Weile fort. »Aber das ist der Joost«, schloß er endlich. »Der kann's nicht bequem genug haben und will sich partout die fünfzig Schritte sparen. Er soll's aber nicht. Er soll den großen Weg nehmen oder die Hecke.«

»'s ist nicht der Joost«, sagte Grissel. »Joost ist ein Gewohnheitstier und geht immer die große Straße.«

»Nun?«

»'s ist unsere Hilde; die geht hier, wenn sie nach den Sieben-Morgen will.«

»Und was hat sie da?«

»Nun, da sind ja doch unsere drei Küh oben; und wenn's ihr paßt, da setzt sie die Butt auf den Kopf und den Arm in die Hüft, und heidi geht's in die Höh. Und sie weiß wohl, es kleidet ihr, und das Mannsvolk sieht ihr nach. .. Oh, sie kann schon, wenn sie will! Es muß sich ihr bloß verlohnen. Und das muß wahr sein, wenn sie so geht, so prall und drall, ist es gar nicht die Hilde mehr.«

All das hörte Baltzer nicht gern, und er sah sie scharf an. Aber sie kannte seine Schwächen, und weil sie sie kannte, hatte sie keine Furcht vor ihm. Und nun gar heute; wenn sie sich auch gefürchtet hätte, es brannt ihr zu vieles auf der Seele, was herunter mußte. »Ja, Heidereiter, Ihr habt es ja selber so gewollt, als Ihr damals ein Frölen aus ihr machen wolltet und als sie mit eins zu gut für die Grissel war, obwohlen ich ehrlicher Leute Kind bin und einen richtigen Namen habe, was nicht jeder von sich sagen kann. Ja, ja, Heidereiter, damals, als sie mit eins die Kammer allein haben mußt und ich in die Küche kam oder doch dicht daneben. Und das alles mitten im Sommer und immer die warme Wand und die Sonne von vier Uhr morgens. Und sowie die Sonne da war, waren auch die Fliegen da und summten und brummten, und waren auch Stechfliegen dabei, weil es das Hoffenster ist, kleine, rote, die giftig sind und wo[318] einem die Hand abgenommen werden kann. Und ich habe keine Nacht geschlafen.«

»Aber bist doch nicht abgefallen«, sagte der Heidereiter in einem Tone, darin sich gute und schlechte Laune die Waage hielten, und setzte dann, während er, ohne recht zu wissen, was er tat, ein paar Samenkapseln abbrach und die Körner in seine Hand schüttete, hinzu: »Und nun sage mir, was soll das? Was meinst du?«

»Was ich meine? Daß Ihr selber schuld seid, Heidereiter, schuld mit Eurer neuen Einrichtung und mit allem... Und du lieber Himmel, die Milchwirtschaft! Ja, da hat sich was mit Milchwirtschaft, und ich möchte wohl sehen, wie's damit stünd ohne die Rentschen oder ohne die Christel. Aber versteht sich, immer so getan, als ob es was wär, und immer geklappert und immer unterwegs und immer auf die Sieben-Morgen. Und da sitzen sie.«

»Wer?« fragte Baltzer, in dem der Ärger allmählich das Übergewicht gewann.

»Wer? Nu, mein Gott, wer! Der alte Melcher sitzt da, mit seinem Kamm unterm Hut und mit seinem Hochmut unterm Hut. Und ist auch gut, daß er ihn festhält, er könnt ihm sonst wegfliegen. Und ist eine alte Geschichte, daß die Konventikelschen alle den großen Nagel haben, das hat mir schon mein Vater selig ins Gewissen geredt, und sein letztes Wort war immer: ›Und der Melcher Harms, das ist der Schlimmste.‹ Ja, das ist nun freilich schon eine kleine Ewigkeit, aber Kamm-Melcher hieß er auch schon, und bloß den Saal hatten sie noch nicht und noch keine Freitagabend-Andacht, und der alte Graf war noch gut bei Weg und dachte noch an kein Sterben. Und war das Jahr vorher, eh der preußische Krieg anfing. Aber du mein Gott, wenn mein Vater selig ihn jetzt so säh, immer mit Strumpf und Strickzeug, und wie er so klein tut, als könnt er kein Wasser trüben, und dann abends aufs Schloß in die kleine Kapellenstube mit dem fliegenden Engel – oh, du mein Gott und Vater! und wenn er dann gar noch säh, wie sie jeden geschlagenen Freitag in den Saal geht und sitzt da mit auf der[319] Bank und weint und schluchzt, als ob sie so wär wie das arme Volk oder der alte Nagelschmied Eschwege, der immer vorsingt – und er soll ihr auch das Abendmahl gegeben haben; aber das glaub ich nicht, da wäre doch ein Blitz vom Himmel gekommen –, oh, du mein Gott und Vater, wenn er das noch gesehen und erlebt hätt, da würd er noch ganz anders gesprochen haben! Und das soll auch nicht sein, Baltzer. Aber Sörgel ist zu gut und denkt bloß immer: es schadet nichts. Aber es schadet doch. Und von Ordnung ist keine Rede mehr, und weiß kein Mensch mehr, ob er ein Hirt ist oder ein Papst. Und was Katholisches hat er, das sieht jeder, und war auch mit nach 'm Eichsfeld. Ihr müßt es ja selber wissen, Baltzer. Und was habt Ihr zuletzt davon? Was? Daß sie mit katholisch wird!«

»Hilde?«

»Ja, Hilde. Wer anders als Hilde. Denn den ganzen Tag ist das Püppchen oben, wenn nicht gerad Regen ist oder Wind, und da priestert er ihr was vor und setzt ihr Raupen in 'n Kopf und erzählt ihr vornehme Geschichten von Schloß und Rittersleut', und wenn sie dann wiederkommt, sieht sie sich um, als ob sie selber so was wär. Und Martin auch immer mit dabei, wenn er aus 'm Wald kommt, und muß ja dran vorüber, versteht sich, weil es der nächste Weg ist – und ist eigentlich die Meile Siebenviertel –, und da sitzen sie denn und haben ihr Konvivchen oder ihr Konventikelchen, oder wie Ihr's nennen wollt. Ja, Baltzer, der Martin auch. Aber mit dem hat's keine Not nicht, der ist seines Vaters Sohn, und den wird der Alte nicht katholisch kriegen. Und hört auch nicht recht zu, weil er immer bloß Hilden angafft, und ist immer Brüderchen und Schwesterchen. Ja, ja, Baltzer, seht mich nur an! Und ich weiß noch den Tag, wo die Muthe gestorben und begraben war und Hilde mit Euch herüberkam und Martin und ich und Joost auf der Diele standen, dicht an der Treppe, wie Ihr da sagtet: ›Ihr sollt euch liebhaben. Wollt ihr?‹ Und seht, Heidereiter, das ist auf guten Boden gefallen. Und immer wie Bruder und Schwester Haha!«

Baltzer, während die Grissel so sprach, hatte sich auf eine[320] der kleinen Erdstufen gesetzt, die zu dem Gatter hinaufführten, und riß einen breiten Grashalm aus, wand ihn um seinen Finger und warf ihn wieder fort. Er wiederholte das Spiel zwei-, dreimal und sagte nach einer Weile: »Höre, Grissel, du bist eine hämische Person. Und ich habe dich für besser gehalten, als du bist. Du hast einen Haß gegen den alten Melcher, weil er, deinen Vater selig in Ehren, klüger ist als drei Kantoren oder Schulmeister zusammengenommen... Und was redest du da von den Kindern? Laß die Hilde! Wenn ihr der Melcher gefällt, so mag er ihr gefallen. Und ob er das Abendmahl gibt oder nicht, ist all eins. Und wenn die Gräfin es gehen läßt, so müssen wir's auch gehen lassen. Katholisch wird die Hilde nicht und keiner nicht, und was ich da gestern bei der Flasche gesagt habe, dessen schäm ich mich heut, und war nichts, als was die Leute sagen, und was die sagen, ist immer Dummheit oder Lüge. Denn der alte Melcher – ob ich ihn leiden kann oder nicht, das ist eine Sach für sich – ist von den strengen und den festen Lutherschen und war letzte Woche nach Eisleben und nicht nach 'm Eichsfeld. Und du, Grissel, wenn du deinem Vater im Grabe keine Schande machen willst, so schreibe dir das achte Gebot hinter die Ohren: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!«

»Oh, das kenn ich und halt es auch!«

»Und das mit dem Martin«, fuhr der Heidereiter fort, ohne der Unterbrechung zu achten, »das sagst du bloß, weil du mich ärgern willst und weil du meinst, daß ich mit der Hilde höher hinaus will. Ja, Grissel, das will ich! Und darin hast du recht. Und ist keiner hier herum und bis Ilseburg hin und das Amt mit eingerechnet, dem ich sie gönne. Und auch dem Martin nicht. Er ist ein Jung und weiter nichts. Und daß er sie liebhat, ist mir recht. Ich habe sie auch lieb, und du hast sie wenigstens lieb-gehabt. Aber du bist eine herrschsüchtige Person, und von dem Tag an...«, er stockte, weil ihm plötzlich wieder das Bild von der Heide her vor die Seele trat und ihn verwirrte, »... ja, von dem Tag an, wo wir den Diskurs über die Hilde hatten, hast du sie gequält und beredt und hast sie's entgelten lassen,[321] daß ich damals gesagt habe: ›Wir wollen es ändern, und so soll es sein.‹ Aber du bringst sie bei mir nicht heraus. Und das mit dem Martin ist Kinderei.«

»Bruder und Schwester!« lachte sein unerbittlicher Gegenpart und zeigte die großen weißen Zähne.

Von drüben her aber gingen jetzt die Glocken, und das Gespräch brach ab, weil jeder sich noch für den Kirchgang zurechtzumachen hatte.

Grissel half dem Alten in seinen Festrock und gab ihm Gesangbuch und gebügelten Hut. Und nun ging er vorauf, über Brück und Weg, dann an der Kirchhofsmauer entlang, und vermied es, sich nach den Kindern umzusehen, die zwischen dem Stachelginster in einiger Entfernung folgten. Er wollte sich in seine Ruhe und Zuversicht wieder hineinleben.

Und mit diesem Entschluß trat er in die Kirche.

Sörgel hatte seinen guten Tag heut und sprach eindringlich und aus der Fülle des Erlebten. Und des Heidereiters große Augen waren auch wirklich unablässig nach der Kanzel hin gerichtet, und wer ihn so beobachtete, hätte glauben müssen, er verschlänge jedes Wort.

Aber es war eine Täuschung; seine Seele war wie geschlossen, und er hörte nichts von dem, was der Alte sprach.

Quelle:
Theodor Fontane: Romane und Erzählungen in acht Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 21973, S. 317-322.
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