Viertes Kapitel


König Heinrich und Rosamunde in Woodstock

[106] Schloß Woodstock ist ein alter Bau

Aus König Alfreds Tagen,

Man sieht es weithin stolz und grau

Die Tannen überragen;

Zu Füßen ihm ein Garten liegt,

Wie wohl ein blühend Kind umschmiegt

Das Knie des Ältervaters.


Der Garten ist an Blumen reich,

An Quellen und an Bronnen,

Und auf dem Rasen, teppichgleich,

Tanzt gern das Licht der Sonnen;

Doch finster an des Gartens Saum

Drängt sich urplötzlich Baum an Baum

Zu mächt'gem Forst zusammen.


In seine Tiefen glückt es nicht

Der Sonn' ihr Licht zu senden,[106]

Nur knisternd durch die Zweige bricht

Der Hirsch von sechzehn Enden;

Scheu folgt das Elen seiner Bahn,

Und kreischend lockt der Auerhahn

Herab vom Tannengipfel.


Am Waldrand, in des Gartens Näh',

Ist eine offne Stelle:

Es glitzert dort, halb Teich, halb See,

Im Sonnenstrahl die Welle;

Viel Erlen stehn am Uferrand,

Und wo die Quelle küßt den Sand,

Da sprießen blaue Blumen.


Und hier im duft'gen Wiesengrund,

Wo Wald und See sich grüßen,

Da sitzt die schöne Rosamund

Zu König Heinrichs Füßen:

Es ruht ihr Haupt auf seinem Schoß,

Und ihre Augen, blau und groß,

Schaun lächelnd in die seinen.


Ein frischer Bronnen ist ihr Mund,

Und Heinrichs Lippen senken,

Wie Krüge, tief sich auf den Grund,

Um so sein Herz zu tränken;

Doch wie solch Trunk ihn auch erquickt,

Aus seinen Augen finster blickt

Von Zeit zu Zeit die Seele.


Das junge Weib, es bangt und blaßt

Vor seines Auges Schatten,

Und sieh', ihr eignes Herz erfaßt

Der Trübsinn nun des Gatten;

Sie weint und ruft in bittrem Harm:

»Ist auch die Liebe selbst zu arm,

Ein ganzes Glück zu schaffen![107]


Was soll nur, Heinrich – spricht sie fort –

Der Ernst in deinen Zügen?

Sag', will mein schlichtes Liebeswort

Dir fürder nicht genügen?

Ach, als ich dir mein Herze gab,

Gab ich dir all mein Gut und Hab –

Ich hab' nichts mehr zu geben.«


Sie spricht's, und sieh, ein Tropfen warm

Rollt über Heinrichs Wange:

Er preßt sie fester in den Arm

Und küßt sie heiß und lange;

Dann spricht er: »Was mir raubt die Ruh,

Du reines Herz, das bist nicht du,

Das ist mein bös Gewissen.«


Er legt sie auf den Blumenplan,

Und kniend vor der Armen

Ruft er: »Was ich dir angetan,

Des woll' sich Gott erbarmen!

Ich, der gefreit um deine Hand,

Bin König über Engelland

Und Leonorens Gatte.«


Da flieht die letzte Rose scheu

Von Rosamundens Wangen,

Der König aber hält aufs neu

Voll Inbrunst sie umfangen;

Laut ruft er: »So du kannst, vergib,

Und sei mein Leben, sei mein Lieb,

So treu, wie ich dich liebe!«


Wohl durch die Tränen leuchtet da

Ihr Auge wie die Sonne:

Was immer sei, er liebt sie ja,

Und das allein ist Wonne.

Sie spricht: »Dein bin ich alle Zeit,[108]

Und kostet's meine Seligkeit,

Es soll kein Tod uns trennen!«


Da heben ringsum alsobald

Die Vöglein an zu singen,

Es will das Rauschen in dem Wald

Wie Orgelton erklingen.

Der König still sein Liebchen preßt,

Und seiner Seele Hochzeitsfest

Hat nur der Wald vernommen.

Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 106-109.
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