4. Erstes Bataillon Garde (1780)

[218] Erstes Bataillon Garde. Parad' oder Schlacht

Ihm wenig »Differenzen« macht.

Ob in Potsdam sie trommelnd auf Wache ziehn,

Ob sie stehen und fallen bei Kolin,

Ob Patronenverknattern, ob Kugelpfiff,

Immer derselbe feste Griff,

Dieselbe Ruh'. Jede Miene drückt aus:

»Ich gehör' zur Familie, bin mit vom Haus.«


Ihrer viere sitzen im Knapphans-Zelt.

Eine Kottbuser hat sich jeder bestellt,

Einen Kornus dazu; das Bier ist frisch.

Ein Berliner setzt sich mit an den Tisch,

Ein Berliner Budiker – da währt's nicht lange,

Plappermühl' ist im besten Gange.

»Wahrhaftig, ihr habt die schönste Montur,

Litzen, Paspel, Silberschnur,

Blechmützen wie Gold, gut Traktement,

Und der König jeden von euch kennt.

Erstes Bataillon Garde, Prachtkerle vor all'n,

Solch Götterleben sollt' mir gefall'n.«


Drei schwiegen. Endlich der vierte spricht:

»Ne, Freund Berliner! so is es nicht.

Eine propre Montur, was soll uns die geben?

Unser Götter- is bloß ein Jammerleben.

Potsdam, o du verfluchtes Loch,

Führst du doch heut' in die Hölle noch

Und nähmst Ihn mit mitsamt seinen Hunden,

Da wär' auch Der gleich mit abgefunden,

Ich mein' den da oben, – uns läg' nichts dran,

Is doch bloß ein Quälgeist und Tyrann,

Schont nicht Fremde, nicht Landeskinder,

Immer derselbe Menschenschinder,[218]

Immer dieselbe verfluchte Ravage –

Potsdam, o du große Blamage!«


Das war dem Berliner nach seinem Sinn,

Er lächelte pfiffig vor sich hin:

»Ich sag' das schon lange. Was hat er denn groß?

Große Fenstern hat er, sonst is nich viel los.

Und reden kann er. Na, das kann jeder,

Hier aber, er zieht nicht gerne von Leder.«


Da lachten all' vier, und der eine spricht:

»Ne, Freund Budiker, so geht es nicht.

Zuhören kannst du, wenn wir mal fluchen,

Aber du darfst es nicht selber versuchen,

Wir dürfen frech sein und schimpfen und schwören,

Weil wir selber mit zugehören,

Wir dürfen reden von Menschenschinder,

Dafür sind wir seine Kinder;

Potsdam, o du verfluchtes Loch,

Aber Er, er ist unser König doch,

Unser großer König. Gott soll mich verderben,

Wollt' ich nicht gleich für Fritzen sterben.«


Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 218-219.
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