Einzug

[239] (16. Juni 1871)


Und siehe da, zum dritten Mal

Ziehen sie ein durch das große Portal;

Der Kaiser vorauf, die Sonne scheint,

Alles lacht und alles weint,


Erst die Garde. Brigaden vier,

Garde und Garde-Grenadier':

Elisabether, Alexandriner,

Franziskaner, Augustiner,

Sie nahmen, noch nicht zufrieden mit Chlum,[239]

Bei Privat ein Privatissimum. –

Mit ihnen kommen, geschlossen, gekoppelt,

Die Säbel in Händen, den Ruhm gedoppelt,

Die hellblauen Reiter von Mars la Tour,

Aber an Zahl die Hälfte nur.


Garde vorüber. – Garde tritt an:

Regiment des Kaisers, Mann an Mann,

»Kein Schuß; Gewehr zur Attacke rechts.«

Die Siebner, die Phalanx jedes Gefechts,

Die Sieben ist eine besondere Zahl,

Dem einen zur Lust, dem andern zur Qual;

Was von den Turkos noch übrig geblieben,

Spricht wohl von einer bösen Sieben.


Blumen fliegen aus jedem Haus,

Der Himmel strömt lachende Lichter aus,

Und der Lichtball selber lächelt in Wonne:

»Es gibt doch noch Neues unter der Sonne.«


Gewiß. Eben jetzt einschwenkt in das Tor,

Keine Linie zurück, keine Linie vor,

En bataillon, frisch wie der Lenz,

Die ganze Armee in Double-Essenz.

Ein Korps bedeutet jeder Zug,

Das ist kein Schreiten, das ist wie Flug,

Das macht, weil ihnen ungesehn

Dreihundert Fahnen zu Häupten wehn.


Bunt gewürfelt Preußen, Hessen,

Bayern und Baden nicht zu vergessen,

Sachsen, Schwaben, Jäger, Schützen,

Pickelhauben und Helme und Mützen,

Das Eiserne Kreuz ihre einzige Zier;

Alles zerschossen; ihr ganzes Prahlen

Nur ein Wettstreit in den Zahlen,

In den Zahlen derer, die nicht hier.[240]


Zum dritten Mal

Ziehen sie ein durch das große Portal;

Die Linden hinauf erdröhnt ihr Schritt,

Preußen-Deutschland fühlt ihn mit.


Hunderttausende auf den Zehenspitzen!

Vorüber, wo Einarm und Stelzfuß sitzen,

Jedem Stelzfuß bis in sein Bein von Holz

Fährt der alte Schlachtenstolz.

Halt,

Vor des Großen Königs ernster Gestalt.


Bei dem Fritzen-Denkmal stehen sie wieder,

Sie blicken hinauf, der Alte blickt nieder;

Er neigt sich leise über den Bug:

»Bon soir, Messieurs, nun ist es genug.«


Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 239-241.
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