1. Herr Seydlitz auf dem Falben

[208] Herr Seydlitz auf dem Falben

Sprengt an die Front heran,

Sein Aug' ist allenthalben,

Er mustert Roß und Mann,

Er reitet auf und nieder

Und blickt so lustig drein,

Da wissen's alle Glieder:

Heut wird ein Tanzen sein.


Noch weit sind die Franzosen;

Doch Seydlitz will zu Ball,

Die gelben Lederhosen,

Sie sitzen drum so prall;

Schwarz glänzen Hut und Krempe,

Im Sonnenschein zumal,[208]

Und gar die blanke Plempe

Blitzt selbst wie Sonnenstrahl.


Sie brechen auf von Halle,

Die Tänzer allbereit,

Bis Gotha hin zu Balle

Ist freilich etwas weit.

Doch Seydlitz, vorwärts trabend,

Spricht: »Kinder, wohlgemut!

Ich denk', ein lust'ger Abend

Macht alles wieder gut.«


Die Nacht ist eingebrochen;

Zu Gotha, auf dem Schloß,

Welch Tanzen da und Kochen

In Saal und Erdgeschoß,

Die Tafel trägt das Beste

An Wein und Wild und Fisch –

Da, ungebetne Gäste

Führt Seydlitz an den Tisch.


Die Witz- und Wortspieljäger

Sind fort mit einem Satz,

Die Schwert- und Stulpenträger,

Sie nehmen hurtig Platz;

Herr Seydlitz bricht beim Zechen

Den Flaschen all' den Hals,

Man weiß, das Hälsebrechen

Verstund er allenfalls.


Getrunken und gegessen

Hat jeder, was ihm scheint,

Dann heißt es: »Aufgesessen

Und wieder nach dem Feind!«

Der möchte sich verschnaufen

Und hält bei Roßbach an,

Doch nur, um fortzulaufen

Mit neuen Kräften dann. –[209]


Das waren Seydlitz' Späße;

Bei Zorndorf galt es Zorn,

Als ob's im Namen säße,

Nahm man sich da aufs Korn;

Das slawische Gelichter –

Herr Seydlitz hoffte traun

Noch menschliche Gesichter

Aus ihnen zuzuhaun.


Des Krieges Blutvergeuden,

Die Fürsten kriegten's satt;

Nur Seydlitz wenig Freuden

An ihrem Frieden hat;

Oft jagt er drum vom Morgen

Bis in die Nacht hinein,

Es können dann die Sorgen

So schnell nicht hinterdrein.


Er kam nicht hoch zu Jahren,

Früh trat herein der Tod:

Könnt' er zu Rosse fahren,

Da hätt's noch keine Not;

Doch auf dem Lager, balde

Hat ihn der Tod besiegt,

Der draußen auf der Halde

Noch lang' ihn nicht gekriegt.


Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 208-210.
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