Friedrichs 11. Besuch im Rhin- und Dossebruch

[361] Um acht Uhr morgens kamen Ihro Majestät auf Seelenhorst an und hatten den Herrn General Grafen von Görtz im Wagen bei sich. Ihro Majestät sprachen bei der Umspannung mit den Zietenschen Husaren-Offiziers, die auf den umliegenden Dörfern auf Grasung standen, und bemerkten mich nicht. Weil die Dämme zu schmal sind, konnte ich neben dem Wagen nicht reiten. (Fromme ritt also vorauf oder hinterher.) In Dechtow bekamen Ihro Majestät den Herrn Rittmeister von Zieten, dem Dechtow gehört, zu sehen, und behielten ihn – der Weg war hier breiter – neben sich, bis dahin, wo die Dechtowsche Feldmark zu Ende geht. Hier wurde wieder umgespannt, und Hauptmann von Rathenow auf Carwesee, ein alter Liebling des Königs, trat an den Wagen heran:

Hauptmann von Rathenow. Unterthänigster Knecht, Ihro Majestät!

König. Wer seid Ihr?

Hauptmann. Ich bin der Hauptmann von Rathenow67 aus Carwesee.

[361] König (die Hände faltend). Mein Gott! lieber Rathenow, lebt Er noch? ich dacht', Er wäre längst todt. Wie geht es Ihm? ist Er gesund?

Hauptmann. O ja, Ihro Majestät.

König. Aber mein Gott! wie dick ist er geworden.

Hauptmann. Ja, Ihro Majestät, Essen und Trinken schmeckt immer noch; nur die Füße wollen nicht fort.

König. Ja, das geht mir auch so. Ist Er verheirathet?

Hauptmann. Ja, Ihro Majestät!

König. Ist seine Frau mit unter den Damen dort?

Hauptmann. Ja, Ihro Majestät!

König. Laß Er sie doch herkommen! (Sogleich den Hut ab.) Ich find' an Ihrem Herrn Gemahl einen guten alten Freund.

Frau von Rathenow. Sehr viel Gnade für meinen Mann.

König. Was sind Sie für eine geborene?

Frau von Rathenow. Ein Fräulein von Kröcher!

König. Haha! eine Tochter vom General von Kröcher!

Frau von Rathenow. Ja, Ihro Majestät.

König. Oh, den hab' ich recht gut gekannt. – Hat Er auch Kinder, Rathenow?

Hauptmann. Ja, Ihro Majestät! Meine Söhne sind in Diensten, und dies sind meine Töchter!

König. Na! das freut mich. Leb' Er wohl, mein lieber Rathenow! Leb Er wohl! –

Nun ging der Weg nach Fehrbellin, und Förster Brand ritt als Forstbedienter mit. Als wir an einen Fleck von Sandschollen kamen, die vor Fehrbellin liegen, sagten Ihro Majestät: Förster, warum sind die Sandschollen nicht besäet?

Förster. Ihro Majestät, sie gehören nicht zur königlichen Forst; sie gehören mit zum Acker. Zum Theil besäen die Leute sie mit allerlei Getreide. Hier, rechter Hand, haben sie Kienäpfel gesäet!

König. Wer hat die gesäet?

Förster. Hier der Oberamtmann!

König (zu mir). Na! sagt es meinem geheimden Rath Michaelis, daß die Sandschollen besäet werden sollen. – (Zum Förster.) Wißt Ihr aber auch, wie Kienäpfel gesäet werden müssen?

Förster. O ja, Ihro Majestät!

[362] König. Na! wie werden sie gesäet? von Morgen gegen Abend, oder von Abend gegen Morgen?

Förster. Von Abend gegen Morgen.

König. Das ist recht; aber warum?

Förster. Weil aus dem Abend die meisten Winde kommen.

König. Das ist recht! –

Nun kamen Ihro Majestät zu Fehrbellin an, sprachen daselbst mit dem Lieutenant Probst vom Zieten'schen Husaren-Regiment (Schon sein Vater stand als Rittmeister bei den Zieten'schen.) und mit dem Fehrbellinischen Postmeister Hauptmann von Mosch. Als angespannt war, wurde die Reise fortgesetzt, und da Ihro Majestät gleich danach an meinen Gräben, die im Fehrbellinischen Luch auf königliche Kosten gemacht sind, vorbei fuhren, so ritt ich an den Wagen und sagte: Ihro Majestät, das sind schon zwei neue Gräben, die wir durch Ihro Majestät Gnade hier erhalten haben, und die das Luch uns trocken erhalten.

König. So so; das ist mir lieb! Wer seid Ihr.

Fromme. Ihro Majestät, ich bin der Beamte hier von Fehrbellin.

König. Wie heißt Ihr?

Fromme. Fromme.

König. Ha ha! Ihr seid ein Sohn von dem Landrath Fromme.

Fromme. Ihro Majestät halten zu Gnaden, mein Vater ist Amtsrath im Amte Lähme gewesen.

König. Amtsrath! Amtsrath! Das ist nicht wahr! Euer Vater ist Landrath gewesen. Ich habe ihn recht gut gekannt. Sagt mir einmal, hat Euch die Abgrabung des Luchs hier viel geholfen?

Fromme. O ja, Ihro Majestät!

König. Haltet Ihr mehr Vieh als Euer Vorfahr?

Fromme, Ja, Ihro Majestät! Auf diesem Vorwerk halt' ich vierzig, auf allen Vorwerken siebenzig Kühe mehr!

König. Das ist gut. Die Viehseuche ist doch nicht hier in der Gegend?

Fromme. Nein, Ihro Majestät.

König. Habt ihr die Viehseuche hier gehabt?

Fromme. Ja!

König. Braucht nur fein fleißig Steinsalz, dann werdet Ihr die Viehseuche nicht wieder bekommen.

Fromme. Ja, Ihro Majestät, das brauch' ich auch; aber Küchensalz thut beinah eben die Dienste.

König. Nein, das glaubt nicht! Ihr müßt das Steinsalz nicht klein stoßen, sondern es dem Vieh so hinhangen, daß es dran lecken kann.

[363] Fromme. Ja, es soll geschehen.

König. Sind sonst hier noch Verbesserungen zu machen?

Fromme. O ja, Ihro Majestät. Hier liegt die Kremmensee. Wenn selbige abgegraben würde, so bekämen Ihro Majestät an achtzehnhundert Morgen Wiesenwachs, wo Kolonisten könnten angesetzt werden, und würde dadurch die ganze Gegend hier schiffbar, welches dem Städtchen Fehrbellin und der Stadt Ruppin ungemein aushelfen würde; auch könnte vieles aus Mecklenburg zu Wasser nach Berlin kommen.

König. Das glaub' ich! Euch wird aber wohl bei der Sache sehr geholfen, viele dabei ruiniert, wenigstens die Gutsherren des Terrains; nicht wahr?

Fromme. Ihro Majestät halten zu Gnaden; das Terrain gehört zum königlichen Forst und stehen nur Birken darauf.

König. O, wenn weiter nichts ist, wie Birkenholz, so kann's geschehen! Allein Ihr müßt auch nicht die Rechnung ohne den Wirt machen, daß nicht die Kosten den Nutzen übersteigen.

Fromme. Die Kosten werden den Nutzen gewiß nicht übersteigen! Denn restlich können Ihro Majestät sicher darauf rechnen, daß achtzehnhundert Morgen von dem See gewonnen werden; das wären sechs und dreißig Kolonisten, jeder zu funfzig Morgen. Wird nun ein kleiner leidlicher Zoll auf das Floßholz gelegt, und auf die Schiffe, die den neuen Kanal passiren, so wird das Kapital sich gut verzinsen.

König. Na! sagt es meinem geheimden Rath Michaelis! Der Mann versteht's und ich will Euch rathen, daß Ihr Euch an den Mann wenden sollt in allen Stücken, und wenn Ihr wißt, wo Kolonisten anzusetzen sind. Ich verlange nicht gleich ganze Kolonien; sondern wenn's nur zwoo oder drei Familien sind, so könnt Ihrs immer mit dem Mann abmachen!

Fromme. Es soll geschehen, Ihro Majestät.

König. Kann ich hier nicht Wustrau liegen sehen?

Fromme. Ja, Ihro Majestät; hier rechts, das ist's.

König. Ist der General zu Hause?

Fromme. Ja!

König. Woher wißt Ihr das?

Fromme. Ihre Majestät, der Rittmeister von Lestocq liegt in meinem Dorf auf Grasung und da schickten der Herr General gestern einen Brief durch den Reitknecht an ihn. Da erfuhr ich's.

König. Hat der General von Zieten auch bei der Abgrabung des Luches gewonnen?

Fromme. O ja; die Meierei hier rechts hat er gebaut und eine[364] Kuh-Molkerei angelegt, welches er nicht gekonnt hätte, wenn das Luch nicht abgegraben wäre.

König. Das ist mir lieb! Wie heißt der Beamte zu Alten-Ruppin?

Fromme. Honig!

König. Wie lang ist er da?

Fromme. Seit Trinitatis.

König. Seit Trinitatis? Was ist er vorher gewesen.

Fromme. Canonicus.

König. Canonicus? Canonicus? Wie führt der Teufel zum Beamten den Canonicus?

Fromme. Ihro Majestät, er ist ein junger Mensch, der Geld hat, und gern die Ehre haben will, Beamter von Ihro Majestät zu sein.

König. Warum ist aber der Alte nicht geblieben?

Fromme. Ist gestorben.

König. So hätte doch die Wittwe das Amt behalten können.

Fromme. Ist in Armuth gerathen.

König. Durch Frauenwirthschaft?

Fromme. Ihro Majestät verzeihen, sie wirthschaftete gut, allein die vielen Unglücksfälle haben sie zu Grunde gerichtet; die können den besten Wirth zurücksetzen. Ich selber habe vor zwei Jahren das Viehsterben gehabt, und habe keine Remission erhalten; ich kann auch nicht wieder vorwärts kommen.

König. Mein Sohn, heut hab' ich Schaden am linken Ohr, ich kann nicht gut hören.

Fromme. Das ist schon eben ein Unglück, daß der geheimde Rath Michaelis den Schaden auch hat! (Nun blieb ich ein wenig vom Wagen zurück: ich glaubte, Ihro Majestät würden die Antwort ungnädig nehmen.)

König. Na! Amtmann, vorwärts! bleibt beim Wagen, aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht unglücklich seid. Sprecht nur laut, ich verstehe recht gut. (Diese Worte wiederholten Ihro Majestät wenigstens zehnmal auf der Reise.) Sagt mir mal, wie heißt das Dorf da? rechts.

Fromme. Langen.

König. Wem gehörts?

Fromme. Ein Drittel Ihro Majestät, unter dem Amte Alten-Ruppin; ein Drittel dem Herrn von Hagen; und dann hat der Dom zu Berlin auch Unterthanen darin.

König. Ihr irrt Euch, der Dom zu Magdeburg!

Fromme. Ihro Majestät halten zu Gnaden, der Dom zu Berlin.

[365] König. Es ist aber nicht wahr, der Dom zu Berlin hat keine Unterthanen.

Fromme. Ihro Majestät halten zu Gnaden, der Dom zu Berlin hat in meinem Amtsdorfe Carwesee drei Unterthanen.

König. Ihr irrt Euch, das ist der Dom zu Magdeburg.

Fromme. Ihro Majestät, ich müßte ein schlechter Beamter sein, wenn ich nicht wüßte, was in meinen Amtsdörfern für Obrigkeiten sind.

König. Ja, dann habt Ihr Recht! Sagt mir einmal: hier rechts muß ein Gut liegen, ich kann mich nicht auf den Namen besinnen, nennt mir die Güter, die hier rechts liegen.

Fromme. Buskow, Radensleben, Sommerfeld, Beetz, Karwe.

König. Recht! Karwe. Wem gehört das Gut?

Fromme. Dem Herrn von Knesebeck.

König. Ist er in Diensten gewesen?

Fromme. Ja! Lieutenant oder Fähnrich unter der Garde.

König. Unter der Garde? (An den Fingern zählend.) Ihr habt recht, er ist Lieutenant unter der Garde gewesen! Das freut mich sehr, daß das Gut noch in Knesebeck'schen Händen ist. – Na! sagt mir einmal, der Weg, der hier den Berg hinauf geht, geht nach Ruppin, und hier links ist die große Straße nach Hamburg?

Fromme. Ja, Ihro Majestät!

König. Wißt Ihr, wie lang es ist, daß ich nicht bin hier gewesen?

Fromme. Nein!

König. Das sind dreiundvierzig Jahr! Kann ich Ruppin liegen sehen?

Fromme. Ja, Ihro Majestät, der Thurm, so hier rechts über die Tannen herüber sieht, ist Ruppin!

König (mit dem Glas aus dem Wagen lehnend). Ja, ja, das ist er, ich kenn' ihn noch. – Kann ich Tramnitz liegen sehen?

Fromme. Nein, Ihro Majestät. Tramnitz liegt zu weit links, dicht an Kyritz.

König. Werden wir's nicht sehen, wenn wir besser hinkommen?

Fromme. Es könnte sein, bei Neustadt, aber ich zweifle.

König. Das ist schade! Kann ich Bechlin liegen sehen?

Fromme. Jetzt nicht, Ihro Majestät; es liegt zu sehr im Grunde. Wer weiß, ob es Ihro Majestät gar werden sehen können?

König. Na! gebt Achtung, und wenn Ihr's seht, so sagts! – Wo ist der Beamte von Alten-Ruppin?

Fromme. In Protzen beim Vorspann wird er sein!

[366] König. Können wir noch nicht Bechlin68 liegen sehn?

Fromme. Nein!

König. Wem gehört's itzo?

Fromme. Einem gewissen Schönermark.

König. Ist er von Adel?

Fromme. Nein!

König. Wer hat's vor ihm gehabt?

Fromme. Der Feldjäger Ahrens; der hat's von seinem Vater ererbt. Das Gut ist immer in bürgerlicher Familie gewesen.

König. Das weiß ich! Wie heißt das Dorf hier vor uns?

Fromme. Walchow.

König. Wem gehört's?

Fromme. Ihnen, Ihro Majestät, unter dem Amte Alten-Ruppin.

König. Wie heißt das Dorf hier vor uns?

Fromme. Protzen.

König. Wem gehört's?

Fromme. Dem Herrn von Kleist.

König. Was ist das für ein Kleist?

Fromme. Ein Sohn vom General Kleist.

König. Von welchem General Kleist?

Fromme. Der Bruder von ihm ist Flügeladjutant bei Ihro Majestät gewesen, und steht itzt zu Magdeburg beim Kalkstein'schen Regiment, als Obristlieutenant.

König. Ha ha! von dem? die Kleiste kenn' ich recht gut. Ist dieser Kleist auch in Diensten gewesen?

Fromme: Ja, Ihro Majestät; er ist Fähnrich gewesen unter dem Prinz Ferdinand'schen Regiment.

König. Warum hat der Mann seinen Abschied genommen?

Fromme. Das weiß ich nicht!

König. Ihr könnt's mir sagen; ich suche nichts darunter. Warum hat der Mann seinen Abschied genommen?

Fromme. Ihro Majestät, ich kann's wirklich nicht sagen. –

Nun waren wir an Protzen heran. Ich wurde gewahr, daß der alte General von Zieten in Protzen vor dem Edelhofe stand. Ich ritt an den Wagen heran und sagte: Ihro Majestät, der Herr General von Zieten sind auch hier.

[367] König. Wo? wo? o reitet vor, und sagt's den Leuten, sie sollen still halten; ich will aussteigen. –

Nun stiegen Ihro Majestät hier aus, und freuten sich außerordentlich über die Anwesenheit des Herrn Generals von Zieten, sprachen mit ihm und dem Herrn von Kleist über mancherlei Sachen, ob ihm die Abgrabung des Luchs geholfen? ob er die Viehseuche gehabt? und empfahl das Steinsalz gegen die Viehseuche. Mit einemmal gingen Ihro Majestät bei Seite, kamen wieder und riefen: Amtmann! (Dicht am Ohr.) »Wer ist der dicke Mann da mit dem weißen Rock?« (Ich ebenfalls dicht am Ohr.) »Ihro Majestät, es ist der Landrath von Quast auf Radensleben vom Ruppinischen Kreise.«

König. Schon gut!

Nun gingen Ihro Majestät wieder zum General von Zieten und Herrn von Kleist, und sprachen von verschiedenen Sachen. Herr von Kleist präsentirte Seiner Majestät sehr schöne Früchte. Sie bedankten sich; mit einemmal drehten Sie sich um und sagten: »Serviteur, Herr Landrath!« Als nun selbiger auf Ihro Majestät zugehen wollte, sagten Ihro Majestät: »Bleib er nur da, ich kenn' ihn, er ist der Landrath von Quast!«

Nun war angespannt. Ihro Majestät nahmen recht zärtlichen Abschied von dem alten General von Zieten, empfahlen sich den übrigen, und fuhren fort. Ob nun wohl Ihro Majestät in Protzen die Früchte nicht annahmen, so nahmen doch Dieselben, so wie wir aus Protzen waren, ein Butterbrod für sich und für den Herrn General Grafen von Görz aus der Wagentasche, und aßen während des Fahrens immer Pfirsich. Beim Wegfahren glaubten Ihro Majestät, ich würde zurückbleiben, und riefen aus dem Wagen: »Amtmann, kommt mitt«

König. Wo ist der Beamte von Alten-Ruppin?

Fromme. Er wird vermuthlich krank sein, sonst wär' er in Protzen beim Vorspann gewesen.

König. Na! sagt mir einmal, wißt Ihr wirklich nicht, warum der Kleist zu Protzen seinen Abschied genommen?

Fromme. Nein, Ihro Majestät, ich weiß es wahrhaftig nicht.

König. Wie heißt das Dorf hier vor uns?

Fromme. Manker.

König. Wem gehört's?

Fromme. Ihnen, Ihro Majestät, unter dem Amt Alten-Ruppin.

König. Hört einmal, wie seid Ihr mit der Ernte zufrieden?

Fromme. Sehr gut, Ihro Majestät!

König. Sehr gut? und mir haben sie gesagt, sehr schlecht!

[368] Fromme. Ihro Majestät, das Wintergetreide ist etwas erfroren; aber das Sommergetreide steht dafür so schön, daß es den Schaden beim Wintergetreide reichlich ersetzt.

(Nun sahen Ihro Majestät auf den Feldern Mandel an Mandel.)

König. Es ist eine gute Ernte, Ihr habt Recht; es steht ja Mandel bei Mandel hier!

Fromme. Ja, Ihro Majestät; und hier setzen die Leute noch dazu Stiege.

König. Was ist das, Stiege?

Fromme. Das sind zwanzig Garben zusammen gesetzt!

König. Oh, es ist unstreitig eine gute Ernte. – Aber sagt mir doch, warum hat der Kleist aus Protzen seinen Abschied genommen?

Fromme. Ihro Majestät, ich weiß es nicht! Mir deucht, er hat vom Vater müssen die Güter annehmen. Ein andre Ursach weiß ich nicht.

König. Wie heißt das Dorf hier vor uns?

Fromme. Garz.

König. Wem gehört's?

Fromme. Dem Kriegsrath von Quast.

König. Wem gehört's?

Fromme. Dem Kriegsrath von Quast.

König. Ei was! Ich will von keinem Kriegsrath was wissen! Wem gehört das Gut?

Fromme. Dem Herrn von Quast.

König. Na! das ist recht geantwortet. –

Nun kamen Ihro Majestät in Garz an! Die Umspannung besorgte Herr von Lüderitz aus Nakel, als erster Deputirter des Ruppin'schen Kreises. Dieser hatte einen Hut auf mit einer weißen Feder! Als nun die Anspannung geschehen war, ging die Reise gleich fort.

König. Wem gehört das Gut hier links?

Fromme. Dem Herrn von Lüderitz; es heißt Nakel.

König. Was ist das für ein Lüderitz?

Fromme. Ihro Majestät, der in Garz beim Vorspann war.

König. Haha! der Herr mit der weißen Feder. – Säet Ihr auch Weizen?

Fromme. Ja, Ihro Majestät.

König. Wie viel habt Ihr ausgesäet?

Fromme. Drei Wispel, zwölf Scheffel.

König. Wie viel hat Euer Vorfahr ausgesäet?

[369] Fromme. Vier Scheffel.

König. Wie geht das zu, daß Ihr so viel mehr säet, als Euer Vorfahr?

Fromme. Wie ich schon die Gnade gehabt, Ihro Majestät zu sagen, daß ich siebenzig Stück Kühe mehr halte, als mein Vorfahr, mithin meinen Acker besser in Stand setzen und Weizen säen kann!

König. Aber warum bauet Ihr keinen Hanf?

Fromme. Er geräth hier nicht. In kaltem Klima geräth er besser. Unsere Seiler können den russischen Hanf in Lübeck wohfeiler kaufen, und besser, als ich ihn bauen kann.

König. Was säet Ihr denn dahin, wo Ihr sonst Hanf hinsäet?

Fromme. Weizen!

König. Warum bauet Ihr aber kein Färbekraut, keinen Krapp?

Fromme. Er will nicht fort, der Boden ist nicht gut genug.

König. Das sagt Ihr nur so: Ihr hättet sollen die Probe machen.

Fromme. Das hab' ich gethan; allein sie ist mir fehlgeschlagen, und als Beamter kann ich viel Proben nicht machen; denn wenn sie fehlschlagen, muß doch die Pacht bezahlt sein.

König. Was säet Ihr denn dahin, wo Ihr würdet Färbekraut hinbringen?

Fromme. Weizen!

König. Na! so bleibt beim Weizen! Eure Unterthanen müssen recht gut im Stande sein?

Fromme. Ja, Ihro Majestät! Ich kann aus dem Hypothekenbuche beweisen, daß sie an fünfzigtausend Thaler-Kapital haben.

König. Das ist gut!

Fromme. Vor drei Jahren starb ein Bauer, der hatte eilf tausend Thaler in der Bank.

König. Wie viel?

Fromme. Eilf tausend Thaler.

König. So müßt Ihr sie auch immer erhalten!

Fromme. Ja! es ist recht gut, Ihro Majestät, daß der Unterthan Geld hat; aber er wird auch übermüthig wie die hiesigen Unterthanen, welche mich schon siebenmal bei Ihro Majestät verklagt haben, um vom Hofedienst frei zu sein.

König. Sie werden auch wohl Ursach dazu gehabt haben.

Fromme. Sie werden gnädigst verzeihen: es ist eine Untersuchung gewesen, und ist befunden, daß ich die Unterthanen nicht gedrückt, sondern immer Recht gehabt, und sie nur zu ihrer[370] Schuldigkeit angehalten habe! dennoch bleibt die Sache, wie sie ist: die Bauern werden nicht bestraft; Ihro Majestät geben den Unterthanen immer Recht, und der arme Beamte muß Unrecht haben!

König. Ja! daß Ihr Recht bekommt, mein Sohn, das glaub' ich wohl: Ihr werdet Euerm Departementsrath brav viel Butter, Kapaunen und Puters schicken.

Fromme. Nein, Ihro Majestät, das kann man nicht; das Getreide gilt nichts. Wenn man für andre Sachen nicht einen Groschen Geld einnähme, wovon sollte man die Pacht bezahlen?

König. Wohin verkauft Ihre eure Butter, Kapaunen und Puters?

Fromme. Nach Berlin.

König. Warum nicht nach Ruppin?

Fromme. Die mehrsten Bürger halten Kühe, so viel als sie zu ihrem Aufwand brauchen! Der Soldat ißt alte Butter; der kann die frische nicht bezahlen!

König. Was bekommt Ihr für die Butter in Berlin?

Fromme. Vier Groschen für das Pfund. Der ruppinische Soldat aber kauft die alte Butter für zwei das Pfund.

König. Aber eure Kapaunen und Puter könnt Ihr doch nach Ruppin bringen?

Fromme. Beim ganzen Regiment sind nur vier Stabsoffiziere, die gebrauchen nicht viel! und die Bürger leben nicht delicat; die danken Gott, wenn sie Schweinefleisch haben.

König. Ja, da habt Ihr Recht! die Berliner essen gern was Delicates. – Na! macht mit den Unterthanen, was Ihr wollt; nur drückt sie nicht!

Fromme. Ihro Majestät, das wird mir nicht einfallen, und keinem rechtschaffnen Beamten.

König. Sagt mir einmal, wo liegt hier Stölln?

Fromme. Stölln können Ihro Majestät nicht sehen. Die großen Berge dort links sind die Berge bei Stölln, auf welchen Ihro Majestät alle Kolonien übersehen können!

König. So? das ist gut! dann reitet mit bis dahin. –

Nun kamen Ihro Majestät an eine Menge Bauern, die Roggen mäheten, zwei Glieder machten, die Sensen strichen, und Ihro Majestät so durchfahren ließen.

König. Was Teufel wollen die Leute? die wollen wohl gar Geld von mir haben?

Fromme. O nein, Ihro Majestät! Sie sind voll Freuden, daß Sie so gnädig sind, und die hiesige Gegend bereisen.

[371] König. Ich werd' ihnen auch nichts geben! Wie heißt das Dorf hier vorn?

Fromme. Barsikow.

König. Wem gehört's?

Fromme. Dem Herrn von Mütschefall.

König. Was ist das für ein Mütschefall?

Fromme. Er ist Major gewesen unter dem Regiment, das Ihro Majestät als Kronprinz gehabt haben.

König. Mein Gott! lebt er noch?

Fromme. Nein; er ist todt, die Tochter hat das Gut. –

Nun kamen wir in's Dorf Barsikow, wo der Edelhof eingefallen ist.

König. Hört! Ist das der Edelhof?

Fromme. Ja!

König. Das sieht ja elend aus! – Hört einmal: den Leuten geht's hier wohl nicht gut?

Fromme. Recht schlecht, Ihro Majestät! Es ist die größte Armuth.

König. Das ist mir leid! – Sagt mir doch; es wohnte hier vor diesem ein Landrath. Er hatte viel Kinder: könnt Ihr euch nicht auf ihn besinnen?

Fromme. Es wird der Landrath von Jürgaß zu Ganzer gewesen sein.

König. Ja, ja! der ist's gewesen. Ist er schon todt?

Fromme. Ja, Ihro Majestät. Er ist 1771 gestorben und es war was Besondres damit: in vierzehn Tagen starb er, seine Frau, die Fräulein, und vier Söhne. Die andern vier Söhne mußten dieselbe Krankheit ausstehen, die wie ein hitzig Fieber war, und obwohl die Söhne, weil sie in Diensten waren, in verschiedenen Garnisonen standen und kein Bruder zum andern kam, so bekamen sie alle viere doch dieselbe Krankheit und kamen nur so eben mit dem Leben davon.

König. Das ist ein verzweifelter Umstand gewesen! Wo sind die noch lebenden vier Söhne?

Fromme. Einer unter Zieten-Husaren, einer unter den Gensd'armes! Einer ist unter dem Prinz-Ferdinand'schen Regiment gewesen, und wohnt auf dem Gute Dessow. Der vierte ist der Schwiegersohn vom Herrn General von Zieten. Er war Lieutenant beim Zieten'schen Regiment! Ihro Majestät haben ihm aber in diesem letzten Kriege, wegen seiner Kränklichkeit, den Abschied gegeben; nun wohnt er in Ganzer.

König. So? Ist das schon einer von den Jürgassen? – Macht Ihr sonst noch Proben mit ausländischem Getreide?

[372] Fromme. O ja! Dieses Jahr habe ich spanische Gerste gesäet. Allein sie will nicht recht einschlagen; ich gehe wieder ab. Aber den holsteinischen Staudenroggen find' ich gut!

König. Was ist das für Roggen?

Fromme. Er wächst im Holsteinischen in der Niederung. Unterm zehnten Korn hab ich ihn noch nie gehabt!

König. Nu, nu! nicht gleich das zehnte Korn!

Fromme. Das ist nicht viel! Belieben Ihro Majestät den Herrn General von Görz zu fragen, die werden Ihnen sagen, daß dies im Holsteinischen nicht viel ist. –

Nun sprachen Sie in dem Wagen eine Weile von dem Roggen. Mit einemmal riefen Ihro Majestät aus dem Wagen: Na! so bleibt bei den Holsteinischen Staudenroggen, und gebt den Unterthanen auch welchen.

Fromme. Ja, Ihro Majestät!

König. Aber macht mir einmal eine Idee: wie hat das Luch ausgesehen, ehe es abgegraben war?

Fromme. Es waren lauter hohe Hüllen, dazwischen setzte sich das Wasser. Bei den trockensten Jahren konnten wir das Heu nicht herausfahren, sondern wir mußten's in großen Miethen setzen. Im Winter nur, wenn's scharf gefroren hatte, konnten wir's herausfahren. Nun aber haben wir die Hüllen herausgehauen, und die Gräben, die Ihro Majestät machen lassen, ziehen das Wasser ab. Nun ist das Luch so trocken, wie Ihro Majestät sehen, und wir können unser Heu herausfahren, wann wir wollen.

König. Das ist gut! Halten Eure Unterthanen auch mehr Vieh wie sonst?

Fromme. Ja!

König. Wie viel wohl mehr?

Fromme. Mancher eine Kuh, mancher zwo, nachdem es sein Vermögen verstattet.

König. Aber wie viel halten sie wohl sämmtlich mehr? ohngefähr nur!

Fromme. Bis einhundert und zwanzig Stück!

Nun mußten Ihro Majestät wohl den Herrn General von Görz gefragt haben, woher ich ihn kennte? weil ich wegen des holsteinischen Roggens zu Ihro Majestät sagte: Sie möchten nur den General nach dem Roggen fragen; und hat der Herr General vermuthlich, der Wahrheit gemäß, geantwortet: daß er mich im Holsteinischen kennengelernt, und daß ich daselbst Pferde gekauft hätte, auch in Potsdam mit Pferden gewesen wäre. Mit einemmal sagten Ihro Majestät:[373]

Hört! Ich weiß, Ihr seid ein Liebhaber von Pferden. Geht aber ab davon und zieht Euch Kühe dafür; Ihr werdet Eure Rechnung besser dabei finden.

Fromme. Ihro Majestät, ich handle nicht mehr mit Pferden. Ich ziehe mir nur etliche Füllen alle Jahr.

König. Zieht Euch Kälber dafür, das ist besser!

Fromme. Oh, Ihro Majestät, wenn man sich Mühe giebt, ist kein Schade bei der Pferdezucht. Ich kenne jemand, welcher vor zwei Jahren tausend Thaler für einen Hengst von seinem Zuwachs bekam.

König. Der ist ein Narr gewesen, der sie gegeben hat!

Fromme. Ihro Majestät, es war ein Mecklenburgischer Edelmann.

König. Er ist aber doch ein Narr gewesen. –

Nun kamen wir auf das Territorium des Amts Neustadt, wo der Amtsrath Klausius, der das Amt in Pacht hat, auf der Grenze hielt, und Ihro Majestät vorbeireisen ließ. Weil mir aber das Sprechen schon sehr sauer wurde, Ihro Majestät immer nach den Dörfern fragte, so hier in Menge sind, und ich immer den Gutsbesitzer mit nennen und sagen mußte, welche von ihnen Söhne im K. Dienst hätten, so holt' ich den Herrn Amtsrath Klausius an den Wagen heran und sagte: Ihro Majestät, das ist der Amtsrath Klausius vom Amt Neustadt, unter dessen Jurisdiktion die Kolonien stehen.

König. So, so! das ist mir lieb! Laßt ihn herkommen!69 – Wie heißt Ihr?

Amtsrath. Klausius!

König. Klau-si-us. Na, habt Ihr viel Vieh hier auf den Kolonien?

Amtsrath: Achtzehnhundert sieben und achtzig Stück Kühe. Ihro Majestät! Es würden weit über dreitausend sein, wenn nicht die Viehseuche gewesen wäre.

König. Vermehren sich auch die Menschen gut? giebt's brav Kinder?

Amtsrath: O ja, Ihro Majestät; es sind itzt funfzehnhundert sechs und siebenzig Seelen auf den Kolonien!

König. Seid Ihr auch verheirathet?

Amtsrath: Ja, Ihro Majestät!

[374] König. Habt Ihr auch Kinder?

Amtsrath: Stiefkinder, Ihro Majestät!

König: Warum nicht eigene?

Amtsrath. Das weiß ich nicht, Ihro Majestät, wie das zugeht.

König (zu mir). Hört: ist die Mecklenburgische Grenze noch weit von hier?

Fromme. Nur eine kleine Meile. Es sind aber nur etliche Dörfer, die mitten im Brandenburgischen liegen. Sie heißen Netzeband und Rossow.

König. Ja, ja! sie sind mir bekannt. Das hätt' ich aber doch nicht geglaubt, daß wir so nah am Mecklenburgischen wären. (Zum Herrn Amtsrath Klausisus.) Wo seid Ihr geboren?

Amtsrath. Zu Neustadt an der Dosse.

König: Was ist Euer Vater gewesen?

Amtsrath. Prediger.

König. Sind's gute Leute, die Kolonisten? die erste Generation pflegt nicht viel zu taugen!

Amtsrath: Es geht noch an.

König: Wirthschaften sie gut?

Amtsrath. O ja, Ihro Majestät! Ihro Excellenz, der Minister von Derschau, haben mir auch eine Kolonie von fünf und siebenzig Morgen gegeben, um den andern Kolonisten mit gutem Exempel vorzugehen.

König (lächelnd). Haha! mit gutem Exempel! Aber sagt mir, ich sehe ja hier kein Holz; wo holen die Kolonisten ihr Holz her?

Amtsrath: Aus dem Ruppinischen.

König. Wie weit ist das?

Amtsrath. Drei Meilen.

König. Das ist doch sehr weit! da hätte müssen gesorgt werden, daß sie's näher hätten! (Zu mir.) Was ist das für ein Mensch, der da rechts?

Fromme. Der Bauinspector Menzelius, der hier die Bauten in Aufsicht gehabt hat.

König. Bin ich denn hier in Rom? es sind ja lauter lateinische Namen! Warum ist das hier so hoch eingezäunt?

Fromme. Es ist das Maulthiergestüte.

König. Wie heißt die Kolonie?

Fromme. Klausiushof.

Amtsrath. Ihro Majestät, sie kann auch Klaushof heißen.

König. Sie heißt Klau-si-ushof. Wie heißt da die andere Kolonie?

[375] Fromme. Brenkenhof.

König: So heißt sie nicht.

Fromme. Ja, Ihro Majestät, ich weiß es nicht anders!

König. Sie heißt Bren-ken-ho-fi-ushof; – Sind das die Stöllnschen Berge, die da vor uns liegen?

Fromme. Ja, Ihro Majestät!

König. Muß ich durch's Dorf fahren?

Fromme. Es ist eben nicht nöthig; aber der Vorspann steht drinn. Wenn Ihro Majestät befehlen, so will ich vorreiten und den Vorspann aus dem Dorf heraus nehmen, und hinter die Berge legen.

König. O ja, das thut! Nehmt Euch einen von meinen Pagen mit. –

Nun besorgte ich den Vorspann, richtete mich aber doch so ein, daß, sobald Ihro Majestät auf den Bergen waren, ich auch da war. Als Ihro Majestät ausstiegen aus dem Wagen, ließen Sie sich einen Tubum geben und besahen die ganze Gegend, und sagten dann: Das ist wahr, das ist wider meine Erwartung! das ist schön! Ich muß Euch das sagen, alle, die Ihr daran gearbeitet habt! Ihr seid ehrliche Leute gewesen! (Zu mir.) Sagt mir mal: Ist die Elbe weit von hier?

Fromme. Ihro Majestät, sie ist zwo Meilen von hier! Da liegt Werben in der Altenmark, dicht an der Elbe.

König. Das kann nicht sein! Gebt mir den Tubum noch einmal her. – Ja, ja; es ist doch wahr! Aber was ist das andre für ein Thurm?

Fromme. Ihro Majestät, es ist Havelberg.

König. Na! Kommt alle her! (Es waren der Amtsrath Klausius, der Bauinspector Menzelius und ich.) Hört einmal, der Fleck Bruch, hier links, soll auch noch urbar gemacht werden, und was hier rechts liegt, ebenfalls, soweit als der Bruch geht. Was steht für Holz drauf?

Fromme. Elsen und Eichen, Ihro Majestät!

König. Na! die Elsen können gerodet werden, und die Eichen, die können stehen bleiben; die können die Leute verkaufen, oder sonst nutzen! Wenn's urbar ist, dann rechne ich so dreihundert Familien und fünfhundert Stück Kühe; nicht wahr?

Nun antwortete keiner; zuletzt fing ich an und sagte:

Ja, Ihro Majestät; vielleicht!

König. Hört mal, Ihr könnt mir sicher antworten: Es werden mehr oder weniger Familien! Das weiß ich wohl, daß man das so ganz genau sogleich nicht sagen kann. Ich bin nicht da gewesen,[376] kenne das Terrain nicht; sonst versteh ich's so gut wie Ihr, wie viel Familien angesetzt werden können.

Bauinspector. Ihro Majestät, das Luch ist aber noch in großer Gemeinschaft.

König. Das schadet nicht! Man muß eine Vertauschung machen, oder ein Aequivalent dafür geben, wie sich's thun läßt am besten. Umsonst verlang ich's nicht. (Zum Amtsrath Klausius.) Na! Hört mal, Ihr könnt's an meine Kammer schreiben, was ich urbar will gemacht haben; das Geld dazu geb ich! (Zu mir.) Und Ihr geht nach Berlin und sagt es meinem Geheimen Rath Michaelis mündlich, was ich noch urbar will gemacht haben. –

Nun setzten Ihro Majestät sich in den Wagen, und fuhren den Berg hinunter; es wurd' umgespannt. Weil nun Ihro Majestät befohlen hatten, daß ich bis an die Stöllnschen Berge Sie begleiten sollte, so ging ich an den Wagen und fragte: Befehlen Ihro Majestät, daß ich noch weiter mit soll?

König. Nein, mein Sohn; reitet in Gottes Namen nach Hause! –


So weit die Unterredung, die Fromme größtenteils direkt mit dem Könige geführt. Er fügt aber seinem Bericht noch einiges hinzu, was er nachträglich über den Verlauf der Reise erfahren hat. Dies lautet in Frommes Aufzeichnungen (an Gleim) wie folgt:

Herr Amtsrath Klausius brachte sodann Ihro Majestät bis nach Rathenow, wo Sie im Posthause logirt haben. In Rathenow sind Ihro Majestät über Tafel ungemein vergnügt gewesen, haben mit dem Herrn Obristlieutenant von Backhoff von den Karabiniers gespeist und haben der Herr Obristlieutenant von Backhoff selbst erzählt, daß Ihro Majestät gesagt hätten:

Mein lieber Backhoff! ist Er lange nicht in der Gegend von Fehrbellin gewesen, so reise er hin! Die Gegend hat sich ungemein verbessert. Ich hab' in langer Zeit mit solch einem Vergnügen nicht gereist. Ich nahm die Reise mir vor, weil ich keine Revüe hatte, und es hat mir so sehr gefallen, daß ich gewiß wieder künftig solch eine Reise vornehmen werde! – Hör' Er mal: wie ist es ihm gegangen im letzten Kriege? Vermuthlich schlecht! Ihr habt in Sachsen auch nichts ausgerichtet... Ich hätte können was ausrichten; allein ich hätte mehr als die Hälfte meiner Armee aufgeopfert und unschuldig Menschenblut vergossen. Aber dann wär' ich werth gewesen, daß man mich vor die Fähndel-Wache gelegt, und mir einen öffentlichen Produkt gegeben hätte. Die Kriege werden fürchterlich zu führen. –[377]

Nachher haben Ihro Majestät gesagt:

»Von der Schlacht bei Fehrbellin bin ich so orientiert, als wenn ich selbst dabei gewesen wäre! Als ich noch Kronprinz war, und in Ruppin stand, da war ein alter Bürger, der Mann war schon sehr alt! der wußte die ganze Bataille zu beschreiben und kannte den Wahlplatz sehr gut! Einmal setzt' ich mich in den Wagen, nahm meinen alten Bürger mit, welcher mir dann alles zeigte, so genau, daß ich sehr zufrieden war mit ihm. Als ich nun wieder nach Hause reiste, dacht' ich, du mußt doch deinen Spaß mit dem Alten haben! Da fragte ich ihn ›Vater, wißt ihr denn nicht, warum die beiden Herren sich miteinander gestritten haben?‹ ›O jo, Ihro Königliche Hoheiten, dat will ick se wohl seggen. As unse Chorförst is jung west, hat he in Utrecht studeert, und doa is de König von Schweden as Prinz ok west. Doa hebben nu de beede Herrn sich vertörnt und hebben sich bi de Hoar' kricht. Un dat is nu de Pike davon!‹«

Ihro Majestät haben wirklich so plattdeutsch gesprochen.

Weiter kann ich von der Reise keine Beschreibung machen. Denn Ihro Majestät haben zwar noch viel gesagt und gefragt, es würd' aber wohl schwer sein, es alles zu Papier zu bringen.

67

Von Rathenow stand 1732 und die folgenden Jahre als Leutnant beim Kronprinzlichen Regiment in Neu-Ruppin und war einer aus dem näheren Umgangskreise des Prinzen. Überhaupt werden wir im Verlauf des Aufsatzes sehen, daß der König überall alte Bekanntschaften erneuert und die fast ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Ruppiner Tage wieder lebendig werden fühlt.

68

Bechlin liegt nur eine Viertelmeile von Ruppin und war oft der Schauplatz der ausgelassenen Späße, die zur »kronprinzlichen Zeit« beim Regiment im Schwange waren. – Ein noch bevorzugterer Ort war das unmittelbar vorher genannte Tramnitz (vergl. weiterhin das gleichnamige Kapitel).

69

»Von hier an«, so bemerkt Fromme, »sprach der König meist mit dem Amtsrath Klausius und ich (Fromme) schreibe nur, was ich selbst noch 50 nebenbei gehört habe.«

Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 9, München 1959–1975, S. 361-378.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Wanderungen durch die Mark Brandenburg: Eine Auswahl
Wanderungen durch die Mark Brandenburg, 8 Bde., Bd.2, Das Oderland
Wanderungen durch die Mark Brandenburg: Vollständige, kommentierte Ausgabe in 3 Bänden
Wanderungen durch die Mark Brandenburg, 5 Tle.
Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Band 1: Band 1: Die Grafschaft Ruppin

Buchempfehlung

Wilbrandt, Adolf von

Gracchus der Volkstribun. Trauerspiel in fünf Aufzügen

Gracchus der Volkstribun. Trauerspiel in fünf Aufzügen

Die Geschichte des Gaius Sempronius Gracchus, der 123 v. Chr. Volkstribun wurde.

62 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon