10. Kapitel

Dreilindens Umgebung

[384] Dreilinden ist, nach allen Seiten hin, von landschaftlich und historisch anziehenden Plätzen, darunter Pfaueninsel, Kohlhasenbrück, Jagdschloß Stern, Klein-Machnow, Gütergotz (jetzt von Bleichröderscher Besitz) umgeben. In engerem Kreise liegen: Benschs Grab, Kleists Grab, Stolpe (mit der Stolper Kirche) und die Kirche von Nikolskoe.

Diesen vier Punkten wenden wir uns zum Schlusse zu.


1. Benschs Grab

Salz- und Schiffahrtsdirektor Bensch (siehe Seite 321), der eigentliche Schöpfer, der erst später, 1865, zum »Rittergute Düppel« erhobenen Kolonie Neu-Zehlendorf, hing an dieser seiner Schöpfung derart, daß er, trotzdem er sich 1856 derselben entäußerte, doch auf ihr begraben sein wollte. Das geschah dann auch und zwar in unmittelbarer Nähe von Dreilinden.

Benschs Grab, wie im Volksmunde die Stelle heißt, ist nicht bloß ein Grab, sondern ein Friedhof und besteht aus zwei mitten im Walde gezogenen Kreisen, einem weiteren Laubholz- und einem engeren Nadelholzkreis, in dessen Mittelpunkte sich ein holzumgittertes, großes und von einem alten Lindenbaum überschattetes Familiengrab befindet. Alles von Efeu dicht überwachsen und voll jenes eigentümlichen Zaubers, den immer nur die Begräbnisplätze haben, die sich von aller Kunst fernzuhalten und sich statt dessen an die Natur möglichst eng anzuschließen wissen. Es hat das allertiefste Zusammenhänge mit dem »Wieder zu Erde werden«, ein natürlicher Prozeß, den wir so wenig wie möglich gestört sehen wollen. Die mehr oder minder zwangvoll herangezogene künstlerische Betätigung, die, je nachdem, ins Museum oder in die Kapelle gehört, wird draußen wie Disharmonie. Keine gegossenen Kreuze, mit dem Schmetterling oder dem Engel mit der gesenkten Fackel darauf, haben mich je so tief bewegt, wie die Feldsteingräber in Jütland und Schleswig, oder hier dies unter Bäumen geborgene »Benschsche Grab«. Unvergeßne Stunde, die mich in seine mystisch gezogenen Kreise führte! Die Dämmerung war gekommen, eine Himbeerhecke duftete, tiefer [385] im Walde schlugen die Nachtigallen und die Mondessichel (ein Ring, eine Linie nur) stand hoch über uns im Blauen.


2. Kleists Grab

Ein noch größeres Interesse weckt das etwa tausend Schritt von Dreilinden, unmittelbar am kleinen Wannsee gelegene Grab von Heinrich von Kleist. Erst der Prinz erwarb diesen Uferstreifen. Die Stätte selbst ist seit Eröffnung der in geringer Entfernung vorüberführenden Grunewaldbahn eine vielbesuchte Pilgerstätte geworden und in schöner Jahreszeit vergeht wohl kein Nachmittag, an dem nicht Sommervergnüglinge von Station Neu-Babelsberg her aufbrächen, um, am Wannsee hin ihren Weg nehmend, dem toten Dichter ihren Besuch zu machen.

Der Weg von Dreilinden her aber ist ein andrer und mündet erst in verhältnismäßiger Nähe von »Kleists Grab« in einen sowohl dem Neu-Babelsberger wie dem Dreilindner Wege gemeinschaftlichen, von Werft und Weiden umstandenen Wiesenpfad ein, der auf die (wie schon hier bemerkt werden möge) sich dem Auge völlig entziehende Begräbnisstätte zuführt.

An eben erwähntem Einmündungspunkte gesellt' ich mich einer »Partie« zu: vier Personen und einem Pinscher, die, den Pinscher nicht ausgeschlossen, mit jener Heiterkeit, die, von alter Zeit her, allen Gräberbesuch auszeichnet, ihre Pilgerfahrt bewerkstelligten. Es waren kleine Leute, deren ausgesprochenster Vorstadts- und Bourgeoischarakter mir, in dem Gespräche, das sie führten, nicht lange zweifelhaft bleiben konnte.

Die Tochter ging ein paar Schritte vorauf. »Er soll ja so furchtbar arm gewesen sein«, sagte sie mit halber Wendung, während sie zugleich mit einem an einer Kette hängenden großen Medaillon spielte. »Solch berühmter Dichter! Ich kann es mir eigentlich jar nich denken.«

»Ja, das sagst du wohl, Anna«, sagte der Vater. »Aber das kann ich dir sagen, arm waren damals alle. Und der Adel natürlich am ärmsten. Und war auch schuld. Denn erstens diese Hochmütigkeit und dann dieser Kladderadatsch und diese Schlappe. Na, Gott sei Dank, so was kommt nich mehr vor. Davor haben wir jetzt Bismarcken.«

»Ach, Herrmann«, unterbrach ihn hier die Frau, »laß doch den. Hier sind wir ja doch bei Kleisten. Und arm? Ich hab [386] es janz anders gehört; um eine kranke Frau war es. Und er soll ihr ja so furchtbar geliebt haben.«

»I, Gott bewahre«, sagte der Mann in einem Ton, als ob es sich um das denkbar unglaublichste gehandelt hätte.


*


Während dies Gespräch noch andauerte, hatten wir einen Punkt erreicht, wo der über die Wiese führende Weg ein Ende zu haben schien, bis wir zuletzt, bei schärfrem Hinsehn, eines Fußpfades gewahr wurden, der sich, zwischen allerlei Gestrüpp hin, in einer schmalen Schlängellinie fortsetzte. War das unser Weg? Ein Versuch schien wenigstens geboten, und siehe da, keine hundert Schritt und wir hatten es und standen an der Grabstelle, die, seitab und einsam im Schatten gelegen, denselben düstren Charakter zeigte, wie das Leben, das sich hier schloß. Auch eine pietätvolle Wiederherstellung der durch viele Jahre hin vernachlässigten Stelle, hat an diesem Eindruck nichts ändern können. Ein Eisengitter zwischen vier Steinpfeilern schließt das Grab ein, das zwei Grabsteine trägt: einen abgestumpften Obelisken aus älterer und einen pultartig zugeschrägten Marmor aus neurer Zeit. Auf dem abgestumpften Obelisken fanden wir ein Häuflein Erde, darin eine sinnige Hand, vielleicht keine Stunde vor uns, einen Strauß unterwegs gepflückter Feldblumen eingesetzt hatte. Zu Füßen des Obelisken aber, auf dem zugeschrägten Marmorsteine, stand das folgende:


Heinrich von Kleist

Geb. 10. Oktober 1776,

gest. 21. September 1811.


Er lebte, sang und litt in trüber, schwerer Zeit,

Er suchte hier den Tod und fand Unsterblichkeit.


Die Tochter las die Verse laut und ob es nun die Nähe des Grabes oder vielleicht auch nur die Verlegenheit war, in die so viele Menschen geraten, wenn sie Verse hören (ein Rest von Respekt vor dem alten Propheten-und Bardentum), gleichviel, alles im Kreise wurde still und diese Stille wirkte wie Huldigung und Gebet.

Erst der Rattenpinscher, dem die Szene zu lange dauern mochte, gab uns durch einen dreimaligen Unmutsblaff unsren Augenaufschlag und gleich danach auch unsre Bewegung wieder und denselben Schlängelpfad entlang, auf dem wir [387] gekommen waren, schritten wir nunmehr auf die draußenliegende Waldwiese zurück.


*


Neben der Tochter ging jetzt ein in dem doppelten Abhängigkeitsverhältnis von Geschäft und Liebe stehender junger Mann und versuchte das auf dem Hinweg unterbrochene literarische Gespräch wieder aufzunehmen. Er begann mit Heinrich von Kleists Käthchen, das alle sonderbarerweise kannten, und gebrauchte dabei den Ausdruck »holdseliges Geschöpf«.

Aber darin versah er es durchaus und Anna, die das Prinzip der »Erziehung von Anfang an« aller Wahrscheinlichkeit nach von der Mutter adoptiert hatte, replizierte scharf: »Ich weiß nicht, Herr Behm, was Sie so nennen. Ich find' es bloß unnatürlich, immer so nachlaufen und sich alles gefallen lassen. Und es verdirbt bloß die Männer, die schon nichts taugen.«

Er wollte mit Nachdruck und Wärme das Gegenteil versichern, aber die Mutter trat peremtorisch dazwischen und sagte: »Recht, mein Anneken... Ja, Herr Behm, Anna hat recht.«

Und nun waren wir wieder an der Stelle, wo der Weg sich teilte, weshalb ich meinen Hut zog und mich aufs artigste verabschiedete. Nichtsdestoweniger konnt' ich, rückblickend, an Blick und Gesten unschwer erkennen, daß die Meinungen über mich schwankend und nur die der Mutter zu meinen Gunsten waren. Was mich allerdings über den endlichen Ausgang der Sache beruhigte.

Bald danach, als ich einen höher gelegenen Punkt erreicht hatte, hielt ich noch einmal an und überschaute das vor mir ausgebreitete, landschaftliche Bild. Nach Westen hin lagen Fluß und Wald in einem goldenen Abendschimmer und Villentürme, Kiosks und Kuppeln wuchsen daraus empor. Alles was ich sah, war Leben, Reichtum, Glück. Und daneben gedacht' ich des Dichtergrabes, das einsam ist, trotz der Neugier, die jetzt tagtäglich nach ihm pilgert. Aber ich gedachte zugleich auch der unbekannten Hand, die vor wenig Stunden erst einen Feldblumenstrauß in jenes Häuflein Erde gepflanzt hatte und getröstete mich: »Eine Hand voll Liebe besiegt jedes Geschick.«


3. Die Kirche zu Stolpe

[388] Stolpe, Stolpeken oder Wendisch-Stolpe, scheint – so schreibt Berghaus, dem ich die Verantwortung dafür zuschiebe – das am frühesten in unserer Landesgeschichte genannte Teltowdorf zu sein. 1197. Es war eine wendische Besiedlung, auf der sich bis diesen Tag zahlreiche Totenurnen vorfinden. Im übrigen gedeiht hier, und zwar in besonderer Vortrefflichkeit, die Teltower Rübe, nachdem die Bevölkerung jahrhundertelang vorwiegend von Fisch- und Honigfang gelebt hatte. Die Lage des Dorfes ist sehr malerisch, wozu die von Wannsee bis nach Klein-Glienicke sich hinziehende Seenkette das ihrige beiträgt. Bis zur Reformation gehörte Stolpe zum Brandenburger Bistum, nach welcher Zeit es zum Amte Ziesar und dann zum Amte Potsdam kam. Dahin ward es eingepfarrt und seine hochgelegene Kirche zeichnete sich, neben andrem, auch durch eine große Glocke aus.

Das ging so bis 1848, wo die große Glocke sprang, und als bald danach die ganze, noch der gotischen Zeit entstammende, zur Zeit des Großen Kurfürsten oder ersten Königs aber umgebaute Kirche baufällig wurde, beschloß man regierungsseitig, alles von Grund aus abzutragen und genau anstelle der alten Kirche die Fundamente zu einer neuen zu legen. Bei diesen Fundamentierungsarbeiten stieß man auf zwei Grüfte, von denen eine sogleich als Erbbegräbnis der Hofgärtnerfamilie Heydert erkannt wurde, deren Ahnherr, Martin Ludwig Heydert, kurfürstlicher Hofgärtner zu Neu-Glienicke, sich bei Gelegenheit des vorerwähnten, in die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts fallenden Umbaues der Stolper Kirche durch eine reiche Beisteuer von 800 Talern derart wohlverdient gemacht hatte, daß ihm das Recht auf Anlegung einer Familiengruft in besagter Kirche bewilligt wurde. Martin Ludwig Heydert starb 1728 und bezog nun, als erster, die wahrscheinlich zu seinen Lebzeiten gebaute Gruft. Ob auch seine zwei Frauen hier beigesetzt wurden, stehe dahin; jedenfalls aber fanden sein jüngster Sohn und eine seiner Schwiegertöchter ihren Platz an seiner Seite. Das erhellt mit Bestimmtheit aus einem in den Neubau der Kirche mit hinübergenommenen, von Gestalten des Todes und der Trauer eingefaßten Epitaphium, das der junge Heydert (Joachim Ludwig) zu nicht näher zu bestimmender Zeit dem Andenken seines Vaters Martin Heydert errichtete, bei welcher Gelegenheit neben dem [389] etwas vorspringenden und mit des Vaters Grabschrift ausgefüllten Mittelfelde zwei reich ornamentierte Seitenfelder freigelassen wurden, in die dann später einerseits die Grabschrift des Sohnes, andererseits die der Schwiegertochter eingetragen werden sollte. Was auch geschah. Mit Hilfe dieser drei Grabschriften lesen wir jetzt die Geschichte der Familie Heydert von dem ihrem Andenken errichteten Steine herunter.

Die Grabschriften selbst aber lauten wie folgt.

Mittlere Grabschrift. Dieses Denkmal decket die Asche des weyland Herrn Herrn Martin Heydert, geboren 1656 in Rathe im Fürstenthum Oels in Schlesien. Hat im fürstlichen Garten (zu Oels) die Gärtnerei erlernt. Hernach von Churfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg aus Holland als Gärtner und Planteur nach Klein-Glienicke berufen, den 18. Februar 1686. Ist gestorben im August 1728. Er war zweimal verheirathet und zeugete fünf Söhne und drei Töchter, von denen zwei Töchter und der jüngste Sohn noch itzt am Leben sind. Dieser noch lebende jüngste Sohn hat nach seines Vaters letztem Willen dieses Denkmal setzen lassen.

Grabschrift links. Allhier ruhet in Gott Frau Maria Margarethe Heydert geb. Kroocken (wahrscheinlich Krogh) geb. in Dänemark den 11. November 1715, verwaist erzogen von ihrer Tante in Holland, verehelicht daselbst den 26. März 1752 mit Herrn Joachim Ludwig Heydert, nachher berufenen Königl. preußischen Oberhofgärtner, aus welcher Ehe eine Tochter entsprossen, die in ihrem ersten Jahre in Holland verstorben. Sie (Frau Maria Margarethe) endete ihr ruhmvolles Leben in christlicher Aussicht zur Ewigkeit zu Potsdam den 29. Dezember 1777. Dies setz' ich Dir in Lieb' und Pflicht. Joachim Ludwig Heydert.

Grabschrift rechts. Hier ruht die Asche des K. Hofgärtners Joachim Ludwig Heydert, 1716 am 8. August zu Klein-Glienicke bei Potsdam (wo der Herr Vater als K. Gärtner und Planteur gestanden) geboren. Den 21. April 1733 ist weiland derselbe in den Königlichen Gärten bei dem K. Hofgärtner Herrn Saltzmann in die Lehre getreten und Anno 1736 in die Fremde gegangen. Zuerst nach Sachsen und Kopenhagen; dann nach Holland, wo derselbe 17 Jahre lang konditionirte, später aber von Ihro Majestät dem hochseligen Könige von Preußen, Friedrich II., engagirt worden ist. Hat sich dreimal verheirathet und hinterläßt aus der letzten Ehe zwei Söhne. Gründer [390] einer Stiftung, von deren Kapital die armen Kinder Freischule haben. Starb den 3. Januar 1794.


*


Außer diesem Epitaphium und der dazu gehörigen Heydertschen Gruft fand man im Mittelschiff der Kirche noch ein zweites Gewölbe mit einem noch wohl erhaltenen eichenen Sarge. Der Sage nach sollte dies der Sarg der Frau des Hans oder Michael Kohlhaas sein, die, so hieß es in der Dorfsage, »mit fast fürstlichem Gepränge, auf einem mit schwarzem Tuche ausgeschlagenen Wagen, von Kohlhasenbrück nach Stolpe geschafft und in der dortigen Kirche beigesetzt worden sei.« Dieser Spinnstubengeschichte gegenüber hat Rentier Heydert, ein Nachkomme der in der Kirche zu Stolpe ruhenden Familie Heydert, darauf hingewiesen, daß sein Urgroßvater, der königliche Hof-und Obergärtner Joachim Ludwig Heydert, wie das Epitaphium mit seinen Inschriften auch hervorhebt, dreimal verheiratet gewesen sei, von dessen drei Frauen eine jede das Recht der Beisetzung in der Kirche zu Stolpe gehabt habe. Da nun aber für die dritte Frau schließlich kein Platz mehr in der ursprünglichen Familiengruft vorhanden gewesen sei, so sei noch diese Nebengruft gebaut worden. Eine Vermutung, die ihm durch den merkwürdigen Kopfputz der in dieser Gruft beigesetzten Frauenleiche bestätigt werde. Denn zwei der Heydertschen Ehefrauen seien Holländerinnen gewesen, die stets einen eigentümlichen Kopfputz getragen hätten. Und damit sei denn ein für allemal widerlegt, daß dies Nebengewölbe – jetzt zugeschüttet, während man das andere belassen hat – die Gruft der Kohlhasin gewesen sein könne.58


[391] 1858 war, nach einem von Stüler herrührenden Plane, mit dem Bau der neuen Kirche begonnen worden und am 25. November 1859 wurde sie eingeweiht. Ein Querschiff scheidet das Langhaus vom Chor. Über der Durschschneidung ist der Turm, der mit seinen an den vier Ecken angebrachten gotischen Pyramidentürmchen zu dem romanischen Basilikenstil des Ganzen nicht recht paßt, aber in der Landschaft eine gute Wirkung macht. Die schön ausgeführte Sandsteinkanzel mit den vier Statuetten der Evangelisten, nimmt, neben dem Grabdenkmal der Familie Heydert, das künstlerische Interesse am meisten in Anspruch.


*


Früher umgab hier in Stolpe, wie überall, der Kirchhof die Kirche. Seit dem Umbau der letzteren aber ist der Kirchhof wegverlegt worden und hat sich, bei dem raschen Wachstum der Gemeinde, rasch mit Gräbern gefüllt. Auch die Nachbarschaft bestattet gelegentlich ihre Toten hier und der in der »Kolonie Wannsee« wohnhafte Zweig der Familie Begas hat ein offenes Erbbegräbnis auf dem Stolper Kirchhof. Ein von Strauchwerk und jungen Bäumen überwachsenes Eisengitter schließt einen geräumigen Platz mit zur Zeit zwei Grabhügeln ein. Der eine wird von einem Obelisken aus rötlichem Granit überragt und trägt die Inschrift:


Oscar Begas

geb. 21. Juli 1828

gest. 10. November 1883.


Unter dem zweiten Grabhügel ruht die zweiundzwanzigjährige Tochter; zu Häupten ein schwarzer Syenit mit folgender Inschrift:


Marie Veronika Eugenie Mathilde Begas

geb. 27. Mai 1862

gest. 8. Oktober 1884.


Der Tod der liebenswürdigen jungen Dame weckte damals eine besondere Teilnahme; sie starb an einem giftigen Insektenstich in die Lippe.

Ein anderer Fremder, der seine letzte Ruhestatt hier gefunden, ist der vieljährige Besitzer von Kohlhasenbrück, Heinrich Beyer, ein geborener Westfälinger. Ein Kreuz erhebt sich zu seinen Häupten und trägt folgende Inschrift:


[392] Hier ruht in Gott

der Gutsbesitzer Heinrich Beyer

geb. 15. März 1826

gest. 13. Oktober 1887.


Er war ein jovialer Herr, der es sich, von dem Augen blick an, wo Kohlhasenbrück in seinen Besitz kam, zur Lebensaufgabe machte, die Silberbarren wieder heraus zu graben, die Kohlhaas, nach der Beraubung des kurfürstlichen Hüttenfaktors, in die hinter dem Beyerschen Grundstück hinfließende »Beke« versenkt haben sollte. Natürlich verlief auch diese Schatzgräberei erfolglos.


4. Die Peter-Paulskirche zu Nikolskoe

Nikolskoe war ursprünglich nichts als ein russisches Blockhaus, das Friedrich Wilhelm III. auf einer Havelhöhe gegenüber der Pfaueninsel errichten ließ. Kastellan von Nikolskoe war ein geborener Russe mit Namen Iwan, ein schöner alter Mann, mit langem weißem Bart und in bequemer russischer Nationaltracht. »Als bald danach«, so erzählt Eylert, »Kaiser Nikolaus samt Gemahlin (Prinzessin Charlotte von Preußen) Potsdam besuchte, führte Friedrich Wilhelm III. seine russischen Gäste vor dies Blockhaus und sagte: ›Sieh, Charlotte, es ist eine getreue Kopie des Blockhauses, in dem wir, als ich Euch in Petersburg besuchte, so froh waren. Du wünschtest dir damals ein solches Haus und meintest, man könne darin ebenso vergnügt sein, als in einem kaiserlichen Palast. Dies dein Wort hab' ich behalten und im Andenken daran dies Haus errichten lassen. Und nach dem dir teuersten Namen soll es Nikolskoe heißen‹.«

Das alles war in den letzten zwanziger Jahren und wie damals die junge russische Kaiserin ahnungslos die Anregung zum Bau des Blockhauses Nikolskoe gegeben hatte, so sollte sie später die Veranlassung zum Bau der Kirche von Nikolskoe werden. Und zwar war dies bei einem abermaligen Besuche, den sie der preußischen Heimat abstattete. Mit ihrem Vater, dem Könige, bei Sonnenuntergang zwischen den Bäumen der Pfaueninsel auf und ab schreitend, äußerte sie »wie schön und erbaulich es sein müsse, wenn diese Abendstille vom Glockengeläut einer am andern Havelufer errichteten Kapelle durchtönt würde«, Worte, die ganz der Stimmung des Königs entsprachen und kurze Zeit danach bei diesem zu dem Entschlusse[393] führten, in der Nähe des russischen Blockhauses eine den Aposteln Petrus und Paulus zu stiftende Kirche entstehen zu lassen: die Kirche von Nikolskoe. In der betreffenden Kabinettsorder hieß es: »Die Kirche soll im Stil der russischen Kirchen, jedoch ohne die diesem Stile charakteristischen fünf Türme, sondern nur mit einem kuppelartigen Turme gebaut und danach die Zeichnung entworfen werden«.

Dies Reskript war vom 27. April 1833. Der Kronprinz entwarf eine Skizze, die bald danach vom Könige gutgeheißen und von den Hofbaumeistern Stüler und Schadow zu regelrechten Plänen erweitert wurde. Diesen Plänen entsprechend, erfolgte nunmehr der Bau selbst, nachdem noch vorher unterm 24. März 1834, folgendes in mehr als einem Punkte charakteristische Kabinettsschreiben an die vorgenannten Bauräte gerichtet worden war. »Ich genehmige, daß der Bau nach den mir eingereichten Plänen ausgeführt werde. Nur die Kanzel scheint mir unrichtig so gezeichnet, als ob sie über den Stufen, die zum Altar führen, aufgerichtet werden solle. Die für die Vergoldung der Kuppel und des Kreuzes angesetzten 455 Thaler 15 Sgr. fallen aus, da Kuppel und Kreuz grün gestrichen werden sollen. Friedrich Wilhelm.« Von der Hand des Kabinettsrats Albrecht war in einer Nachschrift hinzugefügt: »Bei Vollziehung dieser Kabinettsordre hat Seine Majestät geäußert, ›er habe nur bemerken wollen, daß man aus der Zeichnung nicht recht ersehe, wie die Kanzel eigentlich zu stehen kommen solle‹.« Der König hatte sehr wahrscheinlich die die Kanzel betreffenden Worte des vom Kabinettsrat abgefaßten Schreibens nicht allzu glücklich gewählt gefunden und wünschte durch diese postskriptliche Hinzufügung seine Bauräte vor dem Vorwurf einer in der Zeichnung zutage getretenen Unsorglichkeit zu schützen.

Am 1. August 1837 war der Bau beendet; am 13. August erfolgte die Einweihung durch den Generalsuperintendenten Bischof Neander und zwar in Gegen wart des Königs, des Oberpräsidenten von Bassewitz, des Hofmarschalls von Massow, des Schloßbaumeisters Schadow und vieler anderer. Acht Tage später wurde Pastor Fintelmann, Bruder des Hofgärtners Fintelmann auf der Pfaueninsel, eingeführt.

Die Kirche kann als eine frei behandelte Basilika gelten, bei der, ganz wie bei der Kirche zu Stolpe, »pittoreske Wirkung« die Hauptaufgabe bildete. Stüler und Schadow haben sich denn auch über die Rücksichten, die, nach dieser Seite hin, [394] beim Bau maßgebend waren, ausführlich ausgesprochen. »Die Höhe von Nikolskoe«, so heißt es im vierten Heft des Architektonischen Albums, »ist in der Landschaft von Potsdam weithin zu sehn. Das sie krönende Bauwerk konnte aber keine bedeutende Ausdehnung erhalten und so war die Ausbildung hoher Formen, namentlich die Anlage eines schlanken Turmes mit Kuppel, einem flacheren Kuppelbau vorzuziehen. Die Zusammenstellung der Formen mußte vor allem auf malerische Wirkung berechnet sein. Dazu kommt, daß die Pfaueninsel und die Höhe von Nikolskoe jährlich von einem großen Teil der Einwohner von Berlin und Potsdam besucht werden und die Aussicht gerade von diesem Punkt aus zu den schönsten hiesiger Gegend zählt. Beides veranlaßte die Anlage von Loggien neben dem Turm, die in solcher Höhe liegen, daß man, über die nächsten Bäume hinweg, das vielfach bewegte Waldterrain, das Flußgebiet mit zahlreichen Buchten und großen Wasserflächen, sowie die eine kleine Meile entfernte Residenz Potsdam mit ihren Schlössern und ihren rings um die Stadt gelegenen romantischen Villen übersieht. Die Loggien wurden außerdem noch durch Anordnung der Glocken motiviert, welche in dem kleinen Turm schwer Raum gefunden hätten und hier im Freien bei weitem besser geeignet sind, die auf eine halbe Meile entfernte Gemeinde zur Kirche zu rufen.«

Daß diese Glocken – die nach dem Wunsche der Prinzessin Charlotte (Kaiserin von Rußland) »mit ihrem Feierklange die abendliche Stille durchbrechen sollten« – in zurückliegender Zeit die recht eigentliche Veranlassung zum Bau der Kirche von Nikolskoe gewesen waren, diese Tatsache war den beiden Baumeistern (wenn sie je davon gewußt) bei Niederschreibung ihres Rechenschaftsberichtes sehr wahrscheinlich aus der Erinnerung gekommen, dem Pastor Fintelmann aber bei seinem Amtsantritt sicher ganz unbekannt geblieben, er würde sonst schwerlich, und zwar nach verhältnismäßig kurzer Zeit schon, angefragt haben: »ob nicht das tägliche dreimalige Läuten in der Kirche zu Nikolskoe auf die Sommermonate beschränkt werden könnte?« Worauf denn aus dem Hofmarschallamte der folgende, ziemlich ungnädige Bescheid erging: »Se. Majestät sind keineswegs mit der von Ihnen geäußerten Ansicht einverstanden und befehlen vielmehr, daß während des ganzen Jahres morgens, mittags und abends geläutet werde, und wollen auch, daß, wenn bisher in dem Filialdorfe Stolpe nicht geläutet wurde, dieses sogleich eingeführt werde.«

[395] Die Peter-Paulskirche zu Nikolskoe verfolgt also, um an dieser Stelle zu rekapitulieren, neben ihrer gottesdienstlichen Aufgabe vor allem zweierlei: sie soll als Bild in der Landschaft wirken und soll zweitens mit ihren Glocken die Stille romantisch-feierlichen Klanges unterbrechen. Und beides ist erreicht worden. Im übrigen gibt sich das Innere der Kirche ziemlich nüchtern. Welche Nüchternheit auch durch drei die Kanzel zierende Medaillonbildchen nur wenig gemindert wird, weil alle drei Bildchen, so hübsch und bemerkenswert sie sind, nicht unmittelbar und durch sich selbst, sondern erst durch ihre Geschichte zur Geltung kommen. Zwei davon, die Apostel Petrus und Paulus, sind wertvolle Mosaikarbeiten (besonders Petrus mit dem Unterkleide von Lapis Lazuli), die Papst Clemens XIII. in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dem König Friedrich II. zum Geschenk machte. Beide Bildnisse gehörten der Bildergalerie zu Sanssouci an, von der sie, während des Baues der Kirche, hierher kamen. Das dritte Medaillonbild ist ein »Christuskopf mit der Dornenkrone« nach Guido Reni und rührt nicht von einem kopierenden italienischen Meister, sondern vom Lehrer und Küster Fischer her, der, während der letzten Regierungsjahre König Friedrich Wilhelms IV., an der Schule von Nikolskoe amtierte. Fischer bat um die Erlaubnis, dies Bild machen und, wenn gut befunden, in das noch leere Kanzelfeld einsetzen zu dürfen. Nach erhaltener Erlaubnis begann er mit sorgfältiger Präparierung einer Tontafel. Dann schritt er zu einer majolikaartigen Bemalung derselben und brannte die Farben, unter Benutzung seines eigenen Backofens, ein. Einen ihm angebotenen Ehrensold lehnte er ab und bat nur um Bewilligung von »frei Arzt und Arznei«, welche Bitte mit dem Hinzufügen gewährt wurde, »daß diese Bewilligung nicht nur ihm, sondern, ein für allemal, allen Lehrern und Küstern an der Schule bzw. Kirche von Nikolskoe zugute kommen solle«. So wurde sein Fleiß und seine Kunst zum Segen auch für seine Nachfolger, die sich, bei zufällig viel Krankheit, ihres Amtsvorgängers in besonderer Dankbarkeit erinnern.


*


In der Kirche von Nikolskoe blieb durch vierzig Jahre hin (von 1837 bis 77) so ziemlich alles beim alten. Erst das letztgenannte Jahr führte Veränderungen herauf. Am 18. Januar 1877 war die Prinzessin Karl gestorben und hatte, wohl in [396] Erinnerung an hier trostreich verlebte Stunden, in ihrem Testamente den Wunsch ausgesprochen, »in der Peter-Paulskirche zu Nikolskoe zu ruhn«. Im Einklange hiermit schritt man, nach einem Entwurfe des Hofbaumeisters Persius, zur Erbauung einer mit weißem, blauem und dunkelgrauem schlesischem Marmor getäfelten und zur Aufnahme von acht Särgen ausreichenden Gruft,59 in der am 24. Mai früh sechs Uhr die Prinzessin – deren Sarg bis dahin in Charlottenburg gestanden hatte – beigesetzt wurde.

Von dem Tage an war die Gruft zu Nikolskoe die designierte Begräbnisstätte der Karlschen Linie des Hauses Hohenzollern:

am 24. Januar 1883 wurde der alte Prinz Karl60hier beigesetzt,

am 18. Juni 1885 Prinz Friedrich Karl.

Und an den Geburts- und Sterbetagen legen Dankbarkeit und Liebe hier ihre Kränze nieder.

Fußnoten

[397] 1 Die gegenwärtig übliche Form des Namens ist Quitzöbel.


2 Dies 1381er Ereignis fällt in der Überlieferung mit einem gerade dreißig Jahre später stattfindenden, ebenfalls von einem von Bassewitz unternommenen Angriff auf Kyritz zusammen. Dieser zweite von Bassewitz, der des 1381 seitens der Bürgerschaft so tapfer abgeschlagenen Sturmes gedenken mochte, beschloß diesmal mittelst eines unterirdischen Ganges in die Stadt einzudringen. Es traf sich aber, daß ein schwerer Verbrecher im Stadtturme saß, der hörte das Wühlen und Klopfen und ließ dem Bürgermeister melden, daß er ihm etwas Wichtiges entdecken wolle, wenn man ihm das Leben schenke. Das wurde zugestanden. Und nun erzählte der Gefangene von dem Wühlen und Graben, das er in der Tiefe gehört habe. Zur Sicherheit ließ man eine Trommel bringen und streute Erbsen darauf. Da begannen diese hin und her zu springen von der Erschütterung, die die unterirdische Arbeit verursachte. Nun war man sicher und als bald danach der von Bassewitz, statt in der Kirche, wie sein Plan gewesen war, auf offenem Marktplatz zutage stieg, wurd' er gefangen genommen, entwaffnet und mit seinem eigenen Schwerte hingerichtet. Schwert und Panzer aber befinden sich bis diesen Tag im Rathause, während die Stadt selbst alljährlich am Montage nach Invokavit ihr doppeltes Bassewitzfest feiert.


3 Diese drei Wunderbluthostien blieben der Wilsnacker Kirche bis 1552 erhalten, in welchem Jahre sie der erste lutherische Geistliche Johann Ellefeld als Teufelswerk und papistischen Unfug verbrannte. Von seinem Standpunkt aus mit Recht; heute freilich würden uns die drei Hostien als »historisches Kuriosum« aufrichtig interessieren. Zugleich mit ihnen (den Hostien) ist vieles aus der alten Wunderblutzeit zerstört worden, anderes dagegen hat sich bis in unsere Tage hinein gerettet, darunter ein etwa zwanzig Fuß hoher Leuchter, der das Opferlicht der ungarischen Pilger zu tragen pflegte, die holzgeschnitzte buntfarbige Statue des Bischofs Wopelitz, die Sündenwaage, vor allem das ausgebrannte Kirchlein selbst, dessen, bei der Zerstörung von 1383 stehengebliebene Feldsteinwände, beim Bau der Neukirche mit in diese hineingezogen und zur »Wunderblutkapelle« hergerichtet wurden. Alle diese Dinge sind historisch interessant, ohne künstlerische Bedeutung beanspruchen zu können. Von künstlerischer Bedeutung ist nur eins: ein kleiner bronzener Klappaltar (Bestimmung unbekannt), hinsichtlich dessen Professor Bergau darauf drang, daß er aus der Kirche, darin er sich befand, in die Sakristei genommen werde, weil sonst der Tag zu berechnen sei, wo dies bemerkenswerte Kunstwerk, Rarität und Bijou zugleich, der Leidenschaft eines Kunstenthusiasten zum Opfer fallen müsse.


4 Jobst von Mähren, Neffe Kaiser Karls IV. und Vetter von König Wenzel und König Sigismund, war 1388 in den Besitz der ihm vom König Sigismund um Geldes willen abgetretenen Mark Brandenburg gekommen. Jobst war nun Landesherr, erschien aber nur selten in der Mark und ließ diese durch Statthalter oder Landesverweser, die man spöttisch »Landesverwüster« nannte, regieren. unter diesen waren Lippold von Bredow, Hauptmann der Mittelmark – und in Vertretung desselben zeitweise Johann von Quitzow – ferner Herzog Johann von Melckenburg, Graf Günther von Schwarzburg, Herzog Swantibor von Pommern und Kaspar Gans zu Putlitz, Hauptmann der Altmark und Priegnitz, die wichtigsten. Jobsts Interesse für die Mark beschränkte sich darauf, möglichst viel Geld aus ihr herauszuziehen und alle diejenigen Personen, die, wie die Quitzows (besonders aber Dietrich) bereit und in der Lage waren, ihm, gegen Pfand, in seinem Geiz oder seiner Geldbenötigung zu Diensten zu sein, waren ihm die liebsten.


5 Solche Parallelen zu ziehen, ist immer ein mißliches Tun, das leicht ins Komische fällt. Es läßt sich aber, wenn man über die freilich sehr verschiedenen Macht-und Größenverhältnisse hinwegzusehen vermag, von einer geradezu frappierenden Ähnlichkeit sprechen, in Charakteren, Daten und Zahlen, in Anfang und Ende. Von 1391 bis 1414 die Quitzow-Tragödie von 1793 bis 1814 die Napoleon-Tragödie. Folgendes sind die Hauptdaten aus der Quitzowzeit: 1391 erste Waffentat vor Schloß Kletzke, 1394 Vermählung mit Elisabeth von Schenk, 1400 Vermählung mit Agnes von Bredow und Einzug (als Gast) in Schloß Plaue, 1404 Besitznahme von Schloß Plaue, 1406 Eroberung von Saarmund und Köpenick, 1409 Erwerbung von Schloß Friesack, 1410 bis 1412 erste Zeichen des Niedergangs; Bündnisse zum Sturz beider Brüder, 1414 wirklicher Sturz. Was dieselben Zahlen unter selbstverständlicher Zurechnung von vierhundert, innerhalb der Napoleonischen Ära bedeuten, ist bekannt. Auch das Waterloo-Nachspiel, der Versuch, das Verlorene zurückzugewinnen, findet sich in veränderter und doch ähnlicher Gestalt bei Dietrich von Quitzow.


6 Der Eindruck, den man von dieser überaus lebendigen Schilderung empfängt, ist der, als ob es sich um Dinge von heut, um moderne Menschen und Vorgänge handle. So würde Bismarck Anno 1866 und 1870 empfangen, umworben und bis zum Abgöttischen gefeiert worden seine, wenn er nicht im Gegensatze zu Dietrich von Quitzow (der sich erst spät, und zwar in genanntem Jahre 1410, zum Anti-Berliner ausbildete) von Anfang an ein Gefühl starker und nicht einmal ausschließlich politischer Gegnerschaft gegen die Hauptstadt gehabt und gezeigt hätte. Gleichviel, damals wie heut etwas Nervöses und Exzentrisches. Ja, man ist geradezu frappiert, die Berlinerinnen des 15. Jahrhunderts den Berlinerinnen des 19. Jahrhunderts so ähnlich zu sehen. Oder war es immer und allerorten so?


7 Es sind das die 100000 Goldgulden, die zu der Annahme geführt haben, Burggraf Friedrich sei lediglich auf eine Summe vorgestreckten Geldes hin, also wenn man so will als Pfandleiher in den Besitz der Mark gekommen. Das ist aber nicht richtig, wenigstens nicht in dem gewöhnlichen Sinne. Hunderttausend Goldgulden wurden allerdings, als eine Schuld Sigismunds an Friedrich, auf die Mark Brandenburg eingetragen, aber diese Summe war nicht ein zuvor empfangenes Darlehn, sondern um modern zu sprechen »ein nicht ausgezahltes Gehalt samt Repräsentationskosten«. Sigismund, einsehend, daß die Landeseinnahmen kein Äquivalent für die zu gewärtigenden Dienste des neuen Landesverwesers, insonderheit aber nicht ausreichend zur Bestreitung eines Hofhaltes sein würden, bewilligte dem Burggrafen eine Zubuße von 100000 Gulden und weil er (Sigismund) sich außer stande sah, dies aus freien Stücken Bewilligte sofort bar auszuzahlen, so ließ er diese Zuschußsumme, ganz so wie wenn es geborgte hunderttausend Goldgulden gewesen wären, auf die Mark eintragen. Die Mark wurde »Pfand« und ging schließlich, als nicht eingelöstes Pfand, in den Besitz des Burggrafen über. Riedel, in seinem ausgezeichneten Buche »Zehn Jahre aus der Geschichte der Ahnherrn des Preußischen Königshauses« hat dies alles in musterhafter Weise klargelegt und für historische Korrektheit Sorge getragen, aber so dankbar wir ihm für diese Korrektheit sein müssen und so gewiß es zuzugestehen ist, daß zwischen einem »geleisteten Darlehn« und einem »nicht empfangenen Gehalt:« – trotzdem beides eine Schuld repräsentiert – immerhin noch ein Unterschied obwaltet, so bin ich doch ganz außerstande, mich in der Gesinnung zurechtzufinden, die Riedel bei dieser Gelegenheit zum Ausdruck bringt. Er behandelt die Frage mit einem Nachdruck und einer Feierlichkeit, als ob er, mit Hilfe dieser seiner Aufklärungen, das Hohenzollerntum von einem Makel befreit und die Vorgeschichte desselben von etwas Krampfhaftem und Geldgeschäftlichem gereinigt hätte. Das ist aber offenbar zu weit gegangen. Es kann, meinem Ermessen nach, für die Hohenzollern, die seitdem ihre Legitimation über jeden Zweifel hinaus nachgewiesen haben, ziemlich gleichgültig sein, wie sie damals zur Mark gekommen sind, so oder so. Sollte dies aber bestritten werden können, so doch schwerlich das, daß es, nach der moralischen oder, wenn man so will, nach der Feinheitsseite hin, absolut bedeutungslos ist, ob die 100000 Goldgulden von 1412 eine vom Burggrafen geleisteter Vorschuß oder ein ihm versprochener und nicht ausgezahlter Zuschuß waren. Das sonst so hervorragende, von der größten Sachkenntnis getragene Riedelsche Buch hat einen schwachen Punkt in dieser hier und da geradezu störend hervortretenden Hyperloyalität, auf die wir in einem späteren Kapitel, wo sich's über das Recht oder Unrecht der Quitzows handelt, noch ausführlicher zurückkommen.


8 Daß man sich bei Niederlegung der Mauern von Friesack und Plaue solcher »großen Büchse« bedient, ist wohl sicher, aber einer bestimmten Namensgebung dieser großen Büchse, wie beispielsweise »faule Grethe« begegnet man bei gleichzeitigen Geschichtsschreibern nicht. Im Besitze der Braunschweiger, so viel weiß man, befand sich eine große Büchse mit Namen »die faule Metze«, welche im Jahre 1411, als der Erzbischof Günther von Magdeburg mit den Herzögen Bernd und Heinrich von Braunschweig-Lüneburg, die Edlen von Schwicheldt wegen ihrer Raubtaten in der festen Harzburg belagerte, ausgezeichnete Dienste leistete. Vielleicht brachte der Erzbischof von Magdeburg diese Büchse mit und die »faule Metze« vor Harzburg und die »faule Grethe« vor Plaue sind ein und dasselbe Geschütz. Metze (von Margarete) und Grethe sind ohnehin dieselben Namen.


9 Nach einer dieser Lesarten, die die magdeburgische Schöppenchronik gibt, entkamen Hans und Henning von Quitzow unbemerkt und verbargen sich in dem hohen Rohr an der Havel, ja, dem älteren Bruder konnte sogar sein Hengst durch seinen Knecht Lüdeke Schwalbe (Wusterwitz nennt ihn Dietrich) nachgebracht werden. Aber, so heißt es weiter, als Hans von Quitzow sich aus dem Rohr erhob und nach dem Zügel des Hengstes griff scheute dieser, warf den Kopf und entlief. Dies sah der Schulze von Schmitsdorf (einem magdeburgischen Dorfe), der mit im Belagerungsheer vor Plaue stand, und eilte mit einigen Leuten auf die Stelle zu. Beide Quitzows, Johann und Henning, samt dem Knechte, der das Pferd gebracht hatte, suchten sich durch Ducken im Rohr und durch Flucht zu retten, aber sie verirrten sich in dem Havelbruch und wurden gefangengenommen. Einer dritten Lesart zufolge, die sich in Peter Beckers Chronik von Zerbst findet, bewerkstelligte Hans von Quitzow seine Flucht dadurch, daß er, zur Nachtzeit einen Kahn besteigend, die Havel auf Pritzerbe zu hinunterglitt. Aber der Erzbischof hatte die Havel an beiden Ufern mit Wachtposten besetzen lassen. Diese sahen den Kahn, bemächtigten sich desselben und führten Hans von Quitzow als Gefangenen ins magdeburgische Lager. Unter den verschiedenen Lesarten ist diese dritte die wenigst glaubhafte. Sehr wahrscheinlich war die Havel zugefroren und Hans von Quitzow entkam, zunächst wenigstens, gerade dadurch, daß er diesen Umstand benutzte.


10 K. Fr. von Klöden in seinem mehrfach von mir zitierten Buche »Die Quitzows und ihre Zeit« widmet dem Hinscheiden Dietrichs von Quitzow ein ganzes Kapitel, das in seinen Einzelangaben jedes historischen Anhalts entbehrend, doch bemerkenswert ist durch Schönheit und Tiefe. Wie denn überhaupt gesagt werden muß, daß sich in diesem nicht genugsam gewürdigten vierbändigen Werke, neben viel überraschlich Prosaischem auch viel überraschlich Poetisches findet. In dem vorerwähnten Kapitel sehen wir Dietrich von Quitzow in einer von Veltheimschen Waldhütte, wohin er sich menschenscheu zurückgezogen hat. Die letzten, die sich hier an ihn drängen und ihm in prahlerischer Weise von ihrer Vornehmheit und ihrer Freiheit erzählen, sind Zigeuner, deren große Worte (zu denen die begleitenden Diebestaten so wenig stimmen) ihn mehr demütigen als alles andere, weil er, im Vernehmen dieser Worte, dem anspruchsvollen Zerrbilde der Freiheit ins Gesicht starrt. Schwerlich werden ihm Betrachtungen wie diese den Tod verbittert haben, aber alle diejenigen, die von einer Schuld der Quitzows überzeugt sind, müssen diese Szene für dichterisch gut ersonnen ansehen.


11 In dieser Versöhnung mit dem Kurfürsten die Vorhand zu gewinnen, ward unserem Kaspar Gans zu Putlitz durch einen besonderen Umstand erleichtert, auf den hier noch nachträglich als auf ein höchst wichtiges und vielleicht entscheidendes Ereignis in der Geschichte jener Tage hingewiesen werden mag. Ausgangs 1413, an demselben 30. November, an welchem Johann von Quitzow das siegreiche Gefecht gegen die Magdeburger führte, das dann mit der Gefangennahme Peters von Kotze und Gebhards von Plotho schloß, an eben demselben Tage wurde der gerade damals in Fehde mit dem Brandenburger Bischof liegende Kaspar Gans von dem bischöflichen Hauptmann Johann von Redern im Dorfe Dallgow bei Spandau gefangengenommen und über Pritzerbe nach Ziegesar ins Gefängnis geführt. Dort saß er noch, als zwei Monate später zur Belagerung der vier Schlösser Golzow, Beuthen, Friesack, Plaue geschritten wurde, so daß er den Bedrängten keine Hilfe bringen konnte. Dadurch war die Widerstandskraft der Quitzowschen von Anfang an halbiert und schuf ihnen eine Niederlage, die, bei Vollzähligkeit ihrer Streitkräfte, vielleicht ausgeblieben wäre. Niemand erkannte dies klarer als der, dem der Sieg zugefallen war, und wenn Kaspar Gans in dem Entscheidungskampfe des frondierenden Adels auch nur gefehlt hatte, weil er, als Gefangener, fehlen mußte, so wird der Burggraf doch nicht gesäumt haben, ihm auch diesen Zufall zum Guten anzurechnen.


12 Woher die Bezeichnung Ketzer- oder plattdeutsch Kett'r-Angermünde kommt, diese Frage hat seit mehr als einem Jahrhundert die märkische Geschichtsschreibung beschäftigt. Einige meinen, im 13. und 14. Jahrhundert hätten sich unter den Einwohnern von Angermünde viele Ketzer befunden andere meinen, Ketzer bedeute Kietzer, noch andere heben hervor, daß Ketzer ein Handwerksausdruck sei und bei den Wollarbeitern eine Spindel voll Garn bedeute. Ketzer-Angermünde kann also bedeuten: eine Ketzer-Stadt oder eine Kietzer-Stadt oder eine Tuchmacher-Stadt. Alle drei Annahmen haben etwas für sich und ich habe, der Reihe nach, jede einzelne für richtig gehalten, bin aber schließlich doch wieder zu eins zurückgekehrt und glaube jetzt: Ketzer bedeutet Ketzer in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes. Nach Gercken starben in Angermünde um 1336 vierzehn der Ketzerei angeklagte Bewohner den Feuertod. Es sollen Luciferaner, Anhänger des Bischofs Lucifer von Cagliari gewesen sein. Mir scheint es jetzt das Wahrscheinlichste, daß der Beiname der Stadt von diesem Vorgang her datiert.


13 Zwischen der den Douglas- und Percykampf behandelnden Chevyjagd und der den Kampf zwischen Markgraf Ludwig und Herzog Barnim behandelnden Cremmer-Damm-Ballade tritt eine große Verwandtschaft zutage, wie folgende Gegenüberstellung zeigen mag:

Es ist nicht möglich, sich gegen die Wahrnehmung einer geradezu frappierenden Ähnlichkeit zu verschließen, die vor allem inhaltlich, desgleichen in Ton und Bau, zutage tritt und nur zu kleinem Teil aus der von derselben Hand herhörenden Übersetzung beider Balladen erklärt werden kann. Es ist mir ganz unzweifelhaft, daß man in Schottland entweder die pommersche oder in Pommern die schottische Ballade gekannt haben muß. Ist die pommersche Ballade echt, so muß sie die ältere sein, denn das Ereignis, das ihr zugrunde liegt: die Schlacht am Cremmer Damm, fällt in das Jahr 1334, während das der englisch-schottischen Ballade zugrunde liegende Ereignis, die Schlacht bei Otterbourne, erst in das Jahr 1388 fällt. Bischof Thomas Percy, der Herausgeber der berühmten altenglischen Balladensammlung, die seinen Namen trägt (Percy's Reliques of ancient english Poetry), setzt sogar die Chevyjagd noch um ein Jahrhundert später, in die Zeit Heinrichs VI. Und so hätten wir denn eventuell einen neuen Triumph altdeutscher Lied- und Balladendichtung zu verzeichnen. Aber freilich, ist die Cremmer-Damm-Ballade, die zuerst im Jahre 1765 auftaucht, echt? Sosehr ich es wünsche, so kann ich doch Zweifel nicht ganz unterdrücken. Ihnen Ausdruck zu geben, ist hier nicht der Platz, ich würde mich aber freuen, mit einem Balladen-Sachkundigen, der außerdem des Plattdeutschen mächtig ist, also mit Männern wie Klaus Groth, Adolf Wilbrandt, Karl Eggers, Heinrich Seidel, in einen Meinungsaustausch über diesen Punkt eintreten zu können. Das plattdeutsche Original findet sich im 21. Stück der Greifswaldschen Nachrichten und daraus abgedruckt in Buchholtz' Geschichte der Churmark Brandenburg Teil 11. S. 383


14 Engelbert Wusterwitz – so schreibt Dr. Julius Heidemann, dem wir auch den Ausdruck »die märkische Fronde« verdanken, in einem der Wusterwitzschen »Märkischen Chronik« geltenden Aufsatze – war in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu Brandenburg geboren und hatte sich für den geistlichen und richterlichen Beruf entschieden. Bald nach dem Jahre 1400 befand er sich in Rom »im Dienste von Kardinälen« und war hier Zeuge der feierlichen Huldigung, welche die Römer im November 1404 dem eben erwählten Papste Innocenz VII. darbrachten. Schon in den nächsten Jahren muß er nach Brandenburg zurückgekehrt sein und fungierte hier als Mitglied eines Schiedsgerichts, das berufen war, einem zwischen dem Abte Stich von Lehnin und Johann von Quitzow über den Besitz der Havel bei Schloß Plaue entstandenen Konflikt gütlich beizulegen. Von 1408 bis 1415 ist seine Chronik am inhaltreichsten und ihre Darstellung so voll Leben und Anschauung, daß man annehmen muß, er habe gerade diese Zeit dauernd oder vorwiegend in seiner Vaterstadt Brandenburg verbracht. Die Stellung, die er hier einnahm, war aller Wahrscheinlichkeit nach die eines geistlichen Richters. 1412, beim Erscheinen des Burggrafen Friedrich in der Mark, scheint er in Berlin gewesen zu sein. Bald nach dem Sturze der Quitzowschen Partei wurde Wusterwitz, auf Grund seiner praktischen Tüchtigkeit als Jurist, von der Stadt Magdeburg zum Syndikus ernannt.

Die Magdeburger Schöffenchronik bemerkt: »daß die Stadt Magdeburg 1418 beim königlichen Hofgericht in einen Prozeß verwickelt worden sei und mit der Führung desselben ihren Syndikus Engelbert Wusterwitz von Brandenburg betraut habe, welcher dem Hofe nach Regensburg in Bayern, nach Ungarn, Schlesien und Böhmen gefolgt sei und ein obsiegendes Erkenntnis erstritten habe«. 1420 war er noch in Magdeburg 1424 aber finden wir ihn in amtlicher Tätigkeit (vielleicht ebenfalls als Syndikus) in seiner Vaterstadt Brandenburg wieder. Nach Hafftiz wäre er schon 1409, lange bevor er nach Magdeburg ging, Domherr zu Brandenburg gewesen. Hier verblieb er während seiner letzten Lebensjahre, fand Muße zur Abfassung seiner Chronik (Diese berühmte Chronik, der wir, mit Rücksicht auf die Quitzowzeit, das meiste, ja, fast ließe sich sagen, alles verdanken, ist im Original verlorengegangen. Wir kennen sie nur aus Auszügen, die 1592 Andreas Angelus in seine märkischen Annalen und 1595 Peter Hafftiz in sein Microchronologicon hinübergenommen hat.) und errichtete einen Altar in der Katharinenkirche. Hier ward ihm auch, gestorben am s. Dezember 1433, seine letzte Ruhestätte.


15 Dies ist ein mitunter, so z.B. auf S. 157 und S. 170 der Riedelschen »Zehn Jahre«, sehr störend hervortretender Zug. Dietrich von Quitzow hatte, nachdem er landflüchtig war, eine Klageschrift aufgesetzt, in der er nachzuweisen trachtete, daß der Burggraf ihm, seinem Bruder Hans und dem Kaspar Gans zu Putlitz verschiedene Zusagen nicht gehalten habe. Riedel weist dies ohne weiteres zurück. Nun mag diese Zurückweisung berechtigt sein, obschon ich nicht leugnen kann, daß ich auch nach der Seite hin wieder starke Zweifel unterhalte, Zweifel, die, wenn ich nicht irre, von Raumer geteilt werden. Riedel aber behandelt die Sache so, wie wenn in einer derartigen Kontroverse zwischen einem fränkischen Fürsten wie Friedrich von Nürnberg und einem märkischen Adligen wie Dietrich von Quitzow, von einem Zweifel überhaupt gar nicht die Rede sein könne. Hierin spricht sich aber, ich muß es wiederholen, eine Gesinnung aus, mit der ich durchaus nicht mit kann. Im Mittelalter galten List und Vorteil überall, und die Fürstlichkeiten, die beständig, und oft mehr als die von ihnen Beherrschten, zu den fragwürdigsten Mitteln griffen, was dann Politik hieß, entbehrten noch ganz, wenn man den Ausdruck gestatten will, jenes Heiligenscheines, mit dem wir sie heutzutage ganz aufrichtig, weil im ganzen genommenen wohlverdient, umgeben. Es gibt zur Zeit kaum einen Fürsten, sicherlich nicht in Deutschland von dem wir einer listigen Pfiffigkeit oder Zweideutigkeit oder gar Unehrlichkeit gewärtig wären. Das lag aber damals überall in der Welt sehr anders. Man lese beispielsweise den Schluß von Shakespeares Heinrich IV. 2. Teil. Johann von Lancaster, Bruder des Prinzen Heinz, des spätern Heinrichs V., lädt den im feindlichen Lager stehenden Erzbischof von York samt den Lords Hastings und Mowbray zu einer Zusammenkunft ein und läßt sie dann, sein Wort brechend, zum Tode führen. Alle drei bezahlen ihr Vertrauen mit dem Leben. Und doch war Johann Langsamer ein Prinz, ein Königssohn. Die Szene wirkt widerlich und verdirbt einem modernen Menschen in gewissem Sinne das ganze Stück, aber noch zu Shakespeareschen Zeiten lag es so, daß man aus einem tudor-lancastrischen Parteigefühl heraus, an dieser Widerlichkeit keinen Anstoß nahm.


16 In dem zweiten Kapitel dieses Aufsatzes habe ich, nach Wusterwitz' Aufzeichnungen, die Bestürmung und Eroberung der Stadt Rathenow durch den Erzbischof von Magdeburg, damals Albert von Querfurt, ausführlich geschildert. Was zu jener Zeit seitens des Erzbischofs geschah, repräsentiert ein Quantum von Grausamkeit, das durch keine Tat der Quitzows erreicht, jedenfalls nicht übertroffen wird. Es gab in diesen Fehden überhaupt nur eine Form der Aktion; alles was Wusterwitz erzählt, gleichviel nun, ob es die Pommern oder Mecklenburger, die Bischöflichen oder Erzbischöflichen die Lüneburger oder Lauenburger waren, alles trägt denselben Kriegführungsstempel und es ist unbegreiflich, daß derselbe Mann, Wusterwitz, der diese moralisch vollkommen gleichwertigen Kämpfe hintereinander aufzählt, die von seiten der »etablierten Mächte« begangenen Übergriffe gutheißen oder entschuldigen oder ignorieren, die von seiten der »Fronde« begangenen aber so hart verurteilen kann. In der Handelsweise war hüben und drüben kein Unterschied und auch hinsichtlich der Rechtsbefugnis lag es, einerseits kraft des bestehenden Fehderechtes und andererseits bei der Kompliziertheit weiterer zur Erwägung kommender Fragen, keineswegs so schlimm für die Quitzows, wie die Feinde derselben wahr haben wollen.


17 Wir begegnen, von 1347 an, dem Quitzownamen durch vier Jahrhunderte hin unausgesetzt in Stellungen von mittlerer Bedeutung, sei es in der Verwaltung, sei es in der Armee. Was ihre Stellungen in der letzteren angeht so bevorzugten sie, wie die meisten Altadligen der Mark, die Truppe, die, bis diesen Tag, die letzten Reste von Rittermäßigem auch in ihrer äußeren Erscheinung zu wahren trachtet: die schwere Reiterei. Während der Friderizianischen, bzw. der ihr unmittelbar folgenden Zeit standen drei Priegnitzische Quitzows an der Spitze dreier Kürassier-Regimenter, darunter die Regimenter von Beeren und von Reitzenstein. Der älteste dieser drei Kürassierobersten starb 1806 »nach fünfzigjähriger Dienstzeit, ehrenvollen Wunden erliegend«, der zweite 1817, der dritte 1824. In diesem Augenblicke stehen noch drei Quitzows in der Armee, Sekondeleutnants der Infanterie und Artillerie. Veränderte Zeiten!


18 Desto reicher ist die Kirche zu Rühstädt an interessanten, einer späteren Zeit angehörigen Monumenten und Bildwerken, die, weil in der Mehrzahl durch besondere Schönheit ausgezeichnet, an dieser Stelle genannt werden mögen, obschon sie jeder Beziehung zu den Quitzows entbehren. Alle gehören nämlich der Jagowzeit an – der Zeit der jetzigen Besitzer von Quitzöwel und Rühstädt –, die mit dem Jahre 1777 beginnt. Ein Monument, in Form einer aus der Kirchenwand vorspringenden Tempelfassade, gemahnt dankbar an den, der berufen war, den Jagoweinzug an dieser alten Quitzowstelle herbeizuführen. Es war dies Thomas Günther von Jagow auf Aulosen. Die diesem geltende Tempelinschrift lautet: »Dem verehrungswürdigen Andenken des hochwohlgeborenen Herrn Thomas Günther v. Jagow, Erbherrn auf Alt-Haus Aulosen, geb. den 28. Juli 1703 und als der letzte der Aulosen'schen Linie, gest. am 16. Juli 1777, widmen dies Denkmal Magdalene Charlotte v. Jagow, geb. v. Bismarck und Georg Otto Friedrich v. Jagow auf Rühstädt.« Dieser G. O. F. von Jagow, Vetter oder Neffe des kinderlosen Thomas Günther von Jagow auf Aulosen, war der Erbe des letztgenannten. Er verdankte das, einer Dorftradition nach, weniger seiner nahen Verwandtschaft, als einem Akte ritterlicher Gesinnung. Thomas Günther von Jagow vermählte sich, in seinem Alter noch, mit Charlotte von Bismarck. Der Ruf der schönen jungen Frau wurde verdächtigt, was dem Vetter, Georg Otto Friedrich von Jagow, Veranlassung gab, den Verleumder seiner Anverwandten zum Zweikampf herauszufordern. Dies gewann ihm das Herz des Alten, der nun dahin testierte, daß seiner Frau das Barvermögen, dem Vetter aber der Güterbesitz zufallen solle. Nach dem Tode des so Testierenden kam es zum Ehebündnis zwischen Vetter und Muhme, was dann erfreulicherweise das kaum geteilte Gesamtvermögen wieder zusammenbrachte. Rühstädt wurde gekauft und das Monument in Dankbarkeit errichtet. – Was sich sonst noch an modernem künstlerischen Schmuck in der Rühstädter Kirche befindet, sind zunächst zwei Marmorbüsten auf Pfeilern oder Säulen von sehwarzem Marmor und ferner ein Marmorrelief. Die beiden Büsten von Professor Wichmann und Professor Cauer herrührend, sind Bildnisse des Georg Otto Friedrich von Jagow, gest. 1810, und des Friedrich Thomas Achatz von Jagow, gest. 1854. Das Marmorrelief, von Drake gefertigt und von ganz besonderer Schönheit (selbst unter Drakes Werken noch hervorragend), ist dem Andenken der 1835 früh verstorbenen Berta von Jagow, vermählte von der Schulenburg, gewidmet. Es stellt eine schöne junge Frau dar, die, mit dem Ausdruck stillen Glückes, auf ihr Kind blickt, das ihr, der Mutter, ein kleines Kruzifix reicht. Sie starb jung, mit zweiundzwanzig Jahren, und war eine Schwester des gegenwärtigen Besitzers von Rühstädt.


19 Die Kirche zu Kletzke, nicht so wohl erhalten, wie die zu Rühstädt, war noch um 1750 reich an Quitzowgrabsteinen und Quitzowmonumenten. An ihrer Fülle ließ sich erkennen, daß Kletzke, durch Jahrhunderte hin, mit Quitzöwel und Rühstädt an Bedeutung gewetteifert, ja beide vielleicht übertroffen hatte. Daß neuere Historiker, im Gegensatz zu Klöden, davon ausgehen: Dietrich und Johann von Quitzow seien nicht zu Quitzöwel, sondern zu Kletzke geboren worden, habe ich schon an anderer Stelle hervorgehoben. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts befand sich noch eine von Anna von Quitzow 1591 dem Gedächtnis ihrer Brüder und Schwestern errichtete Bretterwand in der Kirche, worauf neun Figuren – »vier Manns – und fünf Weibsbilder« wie Bekmann schreibt – in Temperafarben gemalt waren. Alle diese Figuren trugen Unterschriften, von denen die Mehrzahl im Jahre 1750 noch zu lesen war: Antonius von Quitzow war bei einem Feuer umgekommen, Köne von Quitzow in einer Schlacht in Frankreich gefallen. All dies ist jetzt fort und nur zwei Grabsteine sind geblieben. Letztere gelten dem Andenken Dietrichs von Quitzow, gest. 1605 (ihm gewidmet von Achatz von Quitzow), wie dem Andenken Philipps von Quitzow, gest. 1616, und erinnern lebhaft an die beiden in unserem vorigen Kapitel ausführlicher beschriebenen Quitzowdenkmäler von 1569 und 1593 in der Kirche zu Rühstädt.


20 Von der Eldenburg in seiner gegenwärtigen Gestalt, wie von fast allen Schlössern, Kirchen und Denkmälern, die dieser Quitzöwel-Aufsatz genannt hat, hat Hofphotograph David Schwartz, Potsdamer Platz (Eingang Bellevuestraße 22) die verschiedensten Bilder angefertigt und die Gesamtheit derselben zu einem Album zusammengestellt. Es befinden sich darunter: die Wunderblutkirche zu Wilsnack in vier Aufnahmen, Einzelheiten aus der Kirche, Bildnis des Havelberger Bischofs Johann von Wopelitz, Blick von Quitzöwel auf die Elbe, Schloß Quitzöwel, die Kirche von Quitzöwel, die Ruinen der Quitzowburg in Kletzke, die Kirche zu Kletzke, verschiedene Quitzowepitaphien in der Kirche zu Kletzke, die Kirche zu Rühstädt, Quitzowepitaph in der Kirche zu Rühstädt, Marmorbildnisse der Familie von Jagow ebendasselbe, Quitzowdenkmal auf der Dorfstraße zu Legde, die Eldenburg bei Lenzen, der Quitzowturm in der Eldenburg, Schloß Plaue, das Kreuz am Cremmer Damm, der Marktplatz zu Angermünde u.a.m.


21 Das dem Georg von Waldenfels verliehene Privilegium knüpfte sich übrigens an allerlei Bedingungen, unter denen die Wiederherstellung des Schosses die wichtigste war. Es heißt in der betreffenden Urkunde, daß das alte Schloß, »das sehr zerbrochen, verfallen und ungefestigt sei«, zu Nutz und Frommen der Herrschaft wie des Landes »wieder aufgebracht, gefestigt und gehaut und in gutem Zustande gehalten werden solle«. Dem allen unterzog sich der von Waldenfels auch wirklich und stellte den Bau (wenigstens partiell) wieder her, was sich insoweit ohne sonderliche Mühe tun ließ, als das vierzig Jahre früher angeordnete »Brechen und Schleifen« der vierzehn Fuß dicken Schloßmauern nur sehr unvollkommen ausgeführt worden war. Dies vergleichsweise Neue hieß nun zum Unterschiede von der ehemaligen Quitzowburg »der von Waldenfelssche Bau«, war aber im wesentlichen nichts anderes als das alte Schloß, das man in einem Einzelteile – der übrigens noch immer groß genug war – wieder fest und wohnlich gemacht hatte.


22 Dieser Turm war 1717, also fünfzig Jahre vor Pastor Löseckes obiger Beschreibung, noch so gut erhalten, daß ihn Friedrich von Görne dem im Sommer genannten Jahres auf der Reise nach Magdeburg in Plaue vorsprechenden Könige Friedrich Wilhelm I. als eine Sehenswürdigkeit zeigen konnte. Der König liebte dergleichen aber nicht. Alles was an Adelsmacht erinnerte, verdroß ihn, und so fragte er den in nicht geringen Sehreck und mindestens in große Verlegenheit geratenden Schloßherrn, »ob er den Turm etwa habe stehen lassen, um auch einmal einen Markgrafen darin festzusetzen«. Das war zu deutlich, um nicht verstanden zu werden, und so ließ denn von Görne den Turm bis auf die Höhe von acht Fuß abtragen. Auch dieser Rest verschwand gegen das Ende des Jahrhunderts unter General von Anhalt. Nur das unterirdische Gefängnis, also das Haupterinnerungsstück, blieb und hat sich bis diesen Tag erhalten.


23 Als Wilhelmi dem Könige diese Einwilligung überbrachte, entspann sich folgende Gespräch:

»Hat Er Geschwister?«

»Ja, Majestät; noch einen Bruder.«

»Wo ist der und was ist er?«

»Er lebt in Offenbach und ist Barbier.«

»Wie kann einer so dumm sein und ein Barbier werden? Schreib' Er ihm gleich und laß Er ihn herkommen.«

Dieser jüngere Bruder, Philipp, traf denn auch wirklich aus Offenbach ein, wurde von dem älteren Bruder in den Militärwissenschaften unterrichtet und machte gleichfalls Karriere, wenn auch nicht voll so glänzend wie der ältere (Wilhelm). Philipp von Anhalt starb als Generalmajor.


24 Mirabeau war, bei Personalangaben wie diese, regelmäßig auf Hofklatsch angewiesen und konnte Wahres von Falschem nicht sichten. so läuft denn auch hier viel Falsches mit drunter. Aber all dies Falsche betrifft nur nebensächliche Dinge. Das Gesamtbild, das er hinstellt, ist richtig.


25 Man ist in der Tat bei Lektüre dieser »Tagebuchblätter« wieder und wieder erstaunt über die von vergnüglichster Laune getragenen Formen, immer unter denen das damalige Hofleben verlief, als ob die Frage nach der Fortexistenz des Staates gar nicht existiert habe. So stimm' ich denn auch folgenden Bemerkungen durchaus bei. »Diese Tagebuchblätter aus dem Jahre 1760 und 1761 zeigen uns in beinahe rätselhafter Weise, wie man sich in derselben Zeit, wo der König inmitten schwerster Verluste mit um so größerem Heldenmute gegen die Übermacht seiner Feinde rang, wie man sich in eben dieser Zeit am Hofe seiner Gemahlin, seiner Schwester und Schwägerinnen die Langeweile mit kleinen Lustbarkeiten zu vertreiben suchte. Dies frappiert um so mehr, wenn man den damaligen äußerst bedrohlichen Gang der Ereignisse (die Zeit vor und nach der Schlacht bei Torgau) scharf ins Auge faßt. Es macht alles, um es zu wiederholen, einen befremdlichen Eindruck. Aber es würde ungerecht sein, den einzelnen Personen aus dem einen Vorwurf machen zu wollen, was in der Auffassung und Lebensweise der Zeit lag.«


26 Nicht besser als auf das Land war Mr. Harris auf den König selbst zu sprechen. Er schrieb über diesen: »Um bei seinem System verharren zu können, hat er sich der Moral und Religion entäußert. An die Stelle der Moral hat er eine gewisse Sentimentalität, an die Stelle der Religion den Aberglauben gesetzt. Nur so läßt sich jene buntscheckige Mischung von Barbarei und Humanität erklären, die seiner Regierungsart eigentümlich ist.«


27 Ich gebe aus dem Streit, der sich weithin zog, nur dies Wenige. Das Interessanteste daran ist, daß auch Elliot, aller seiner Shakespeare-Schwärmerei zum Trotz, so weit Kind seiner Zeit war, daß er die »Niedrigkeiten« Shakespeares, auf die Thiébault beständig rekurrierte, gelten ließ. In den hundert Jahren, die seitdem verflossen sind, hat sich das Urteil speziell über diesen Punkt total geändert, und wir finden die Szene zwischen Prinz Heinz und Franz (»Gleich, gleich Herr«) zwischen Falstaff und Dorchen Lakenreißer, ja selbst die zwischen den beiden Kärrnern zu Beginn des Stücks, gerade so »sublim« wie Hamlet und Macbeth. Wir haben uns von der Vorstellung befreit, daß das Komische, ja selbst das niedrig Komische, sobald es nur einer vollendeten Charakteristik dient, niedriger stehe, als das Tragische.


28 In einem anderen Briefe heißt es über diesen königlichen Dispens: »Sollte der geschiedenen Frau von Elliot, meiner mir seit 1. Oktober v. J. heimlich angetrauten Frau, dieser Dispens verweigert werden, so wird sie den König wissen lassen, daß die ganze Löwenbergsche Herrschaft in Folge dieser Verweigerung aller Wahrscheinlichkeit nach auf Miß Elliot übergehen, also Besitztum einer Engländerin werden wird. Und in der betreffenden Eingabe wird hinzugefügt werden, daß dies, nach allem in Erfahrung Gebrachten, auch dann noch geschehen wird, wenn die zur Zeit in England oder Schottland lebende Miß Elliot sterben sollte, da das aus Schwiegermutter und Schwiegersohn bestehende Komplott fest entschlossen ist, das Löwenberger Erbe lieber an ein untergeschobenes englisches Straßenkind als an meine Frau gelangen zu sehen.« Es scheint übrigens nicht, daß ein solches Skriptum tatsächlich an den König gerichtet wurde, die Verhältnisse machten es unnötig, jedenfalls aber war es sehr geschickt auf die Neigungen und Abneigungen des Königs berechnet. Ein solches Erbe gleichsam außer Landes gehen zu sehen, war ihm, dem König, ein unerträglicher Gedanke.


29 Frau von Arnstedt wird hier Luise von Arnstedt genannt, in der Knyphausen-Zeit hieß sie Charlotte. Widersprüchen und Abweichungen derart begegnet man beständig, und Kirchenbücher, Grabdenkmäler und Hausinschriften, an deren Zuverlässigkeit man zu glauben gewöhnt ist, lassen einen gerade so gut im Stich, wie Mitteilungen und Briefe der Hinterbliebenen. Das schöne Fräulein von Voß (später Gräfin Ingenheim) heißt im Bucher Kirchenbuche Amalie, in den Tagebuchaufzeichnungen ihrer Tante der Gräfin von Voß aber heißt sie Julie; am Herrenhause zu Lichterfelde wird auf einem über der Tür angebrachten Inschriftsteine Herr »Joachimus de Roncha ex Italia de Manila« als Baumeister genannt, ein nie dagewesener Name, zu dem sich ein geographischer Unsinn gesellt; auf dem Bilde des berühmten Otto Christoph von Sparr in der Marienkirche zu Berlin ist 1605 als Geburtsjahr von Sparrs angegeben, eine Zahl, die mindestens einem Zweifel unterliegt; an dem berühmten Scharnhorstdenkmal auf dem Invalidenkirchhofe erweisen sich Geburtsort und Geburtsjahr als falsch, und der Maler Wilhelm Hensel, der sein Grab auf dem alten Dreifaltigkeitskirchhof hat, wurde nicht in Linum (wie der Grabstein angibt), sondern in Trebbin geboren. Die Reihe solcher Beispiele ließe sich leicht fortsetzen, und in aber – hundert Fällen bestätigt es sich in der Tat, daß nichts schwerer ist, als einfach festzustellen, welche Namen Personen führten, wann und wo sie geboren wurden und wann und wo sie starben.


30 Alles dies ist Dorferfindung, in der sich übrigens deutlich erkennen läßt, daß etwas von der Vorgeschichte der Frau von Arnstedt in Hakenberg bekanntgeworden war und zwar ihr damals dreißig Jahre zurückliegendes Verhältnis zu Baron Knyphausen und die Wegführung ihres Töchterchens durch Elliot. Es ist selten, daß solche Dorflegenden ohne jede Spur von Anlehnung entstehen, aber das Volk macht von seinem Geschichten- und Märchenerfindungsrecht Gebrauch und gestaltet das Übernommene mit einer an Willkür grenzenden Freiheit.


31 Ein Jahr vorher, im Juli 1784, war ein Sohn geboren worden, Karl Wilhelm Tido. Derselbe starb vierjährig (1788), und ward in der Familiengruft zu West-Ekelbur in Ostfriesland beigesetzt. – Der oben im Text zitierte Name »Oriane« der fünfzig Jahre vor Tennyson noch ein Fremdling in unserer Mark war, war augenscheinlich verwirrend für die damaligen Pastoren des Löwenberger Landes und findet sich deshalb als »Organe« in ihre Kirchenbücher eingetragen.


32 Um diese Zeit soll Wülknitz einem Anverwandten die Lebensregel mit auf den Weg gegeben haben: »Wenn du einem Bredow begegnest, so wisse, er ist dein Feind.« Ob die Bredows ebenso summarisch verfahren sind weiß ich nicht. In jedem Falle war ihnen stark mitgespielt worden.


33 Ich entnehme den Wortlaut dieser »Warnungsanzeige« der am 29. April 1837 ausgegebenen Nummer des von Dr. C. W. Spicker redigierten »Frankfurter Wochenblattes«. Diese Nummer ist aus bloß drei Stücken sehr merkwürdig komponiert. Sie beginnt mit einem Nekrologe des wenige Tage vorher, 77 Jahre alt verstorbenen Majors Wenzel, des Großvaters des von Arnstedt erschossenen Leutnants Wenzel. Dann folgen drei Spalten »Sentenzen und Erzählungen aus Rückerts Weisheit des Brahmanen«, an welche Weisheitssentenzen sich die ›Warnungsanzeige‹ mit dem Bericht über die Arnstedtsche Hinrichtung unmittelbar anschließt. In den Weisheitssentenzen heißt es gleich zu Beginn:


Im Meer gen Süden wohnt auf Inseln ein Geschlecht,

Reich in Zufriedenheit, in Einfalt schlicht und recht;

Und über alle herrscht die Inselkönigin,

Die hat nicht Waffenmacht und friedlich ist ihr Sinn,

Ihr Waffen ist Gebet usw.


34 Seine Mutter, eine noch sehr schöne Frau, war von Sorau nach Frankfurt gekommen, um von hier aus Schritte zur Rettung ihres Sohnes zu tun, oder wenigstens eine Strafmilderung durchzusetzen. Bei dem großen Interesse das die Stadt, namentlich die Frauenwelt, an dem Hergange nahm, kam man ihr vielfach entgegen und unterstütze sie mit Rat und Tat. Auch mit Geld, denn sie war unbemittelt. Eine von ihrer Hand geschriebene Quittung liegt mir vor. Dieselbe lautet: »Vier Doppel-Louisdor zur hülfreichen Verwendung für meinen unglücklichen Sohn von edlen Menschenfreunden anonym erhalten zu haben, bescheinige ich hiermit, und sage den edlen Gebern meinen heißesten, gerührtesten Dank. Frankfurt, 28. Dezember 1836. Verwitwete von Arnstedt, geb. von Aldobrandini.«


35 In diesem Briefe war auch ein kaum zwei Finger breiter Zettel mit Fräulein Franziskas jüngster, an von Arnstedt gerichteter Dichtung eingeschlossen. Diese lautete:


Ewig wird die Freundin Dich lieben,

Mit Dir sterben will sie, bei Dir ruhn.

Immer mag die Welt mich auch darum verdammen,

Leben kann ich ohne Dich nicht mehr.

Nur um eine Zeile von Ihrer Hand bittet Franz....


(Darunter hatte von Arnstedt mit Bleistift geschrieben: äußerst dumm.)


36 Geheimrat Serre, einer Refugié- oder vielleicht auch Emigré-Familie zugehörig, lebte jahrelang in Kalisch, und hatte mit Graf Dankelmann, als dieser in Sachen der polnischen Grenzregulierung tätig war, in Warschau Freundschaft geschlossen. Ein Sohn des Geheimrats trat in die Armee, war lange Zeit Adjutant des Artilleriegenerals von Blumenstein zu Glogau, und starb als Major in Dresden. Er ist derselbe, der die Schillerstiftung ins Leben rief. Über den hier genannten General von Blumenstein möge folgendes eingeschaltet werden. Er war auch Emigré, hieß eigentlich Rochefleur und hatte sich schon 1794 in der Schlacht bei Kaiserslautern den Pour le mérite erworben. 1806 war er Ordonnanzoffizier im Fürst Hohenloheschen Hauptquartier, in welcher Eigenschaft ihn Marwitz kennenlernte. Beide wurden gute Kameraden und waren einige Tage vor der Jenaer Schlacht beim Herzog von Weimar zur Tafel geladen. Die Gesellschaft bestand, ihrem Kerne nach, aus sechs Personen, einerseits aus dem Herzoge selbst, der zwischen dem Prinzen Louis Ferdinand und dem General von Grawert saß, und andrerseits (diesen Dreien gegenüber) aus Goethe, dem der Hauptmann von Blumenstein und von Marwitz als Nachbarn gegeben waren. Als sie schon saßen, erschien Generalleutnant von Holtzendorf, ein Freund Goethes, an den nun Marwitz seinen Platz überließ und mehr abwärts rückte. Von hier aus konnte er erkennen, daß das anfänglich lebhafte Gespräch zwischen Blumenstein und Goethe rasch ins Stocken kam, auf welche Wahrnehmung hin er, nach Aufhebung der Tafel, seinen sonst so redseligen Kameraden interpellierte.

»Sagen Sie, Blumenstein, warum sprachen Sie denn nicht?«

»Ei, der verfluckten Kerlen hatten ja wie ein Peckpflaster auf seinen Maulen. Wollten nick antworten. Schweigen ick auck stille.«

»Wovon sprachen Sie denn?«

»Wovon kann man sprecken mit einem Poet, von seinen Werken hab ick gesprocken.«

»Und das war falsch. Sie mußten von Verwaltungsangelegenheiten mit ihm reden.«

»Ist er so hockmütig? Nach meine Meinungen issen ein großer Poet ein ganz andere Kerlen als ein klein Minister.«

»Und von welchem seiner Werke redeten sie denn?«

»Ah, das war ein verfluckter Streicken. Wollte sie vor Tischen noch fragen, was der Kerlen eigentlick hat geschrieben, und nun sitzen ick da und kann mir partout nix erinnern. Aber zum größten Glücken fallt mir noch ein: Die Braut von Messina.«

So verlief die herzogliche Tafel und das Gespräch, das ihr folgte. – Marwitz kommt auch noch anderwärts auf Blumenstein zurück und urteilt im ganzen sehr günstig über ihn. Er war lebhaft, geistreich, unterrichtet und ganz und gar Franzose, trotzdem er es abgeschworen hatte, es zu sein. Er wollte nie französisch verstehen, wenn (bei der Blockade von Glogau) Parlamentäre von der Festung her erschienen, und sagte dann immer: »Ick bin ein Deutscher! Ick verstehe den verfluckten Kerlen ihre Sprake nick. Wollen sie mit einem deutschen Offizieren reden, müssen sie lernen deutsch.«


37 Es mag an dieser Stelle hervorgehoben werden, daß Goethe hinsichtlich seines einzigen Sohnes (August) ebenso fühlte und handelte. November 1813 trat der Herzog von Weimar zu den Verbündeten über und erließ einen Aufruf. Goethe, den die politischen und kriegerischen Vorgänge der Zeit ohnehin in fieberhafteste Unruhe versetzt hatten, geriet in eine doppelte Aufregung, als, infolge dieses Aufrufs, sein Sohn August sich zu den Waffen meldete. Er liebte den Sohn über alles und der Gedanke war ihm unerträglich, ihn in der Blüte der Jugend auf dem Schlachtfelde zu verlieren. Deshalb wandte er sich persönlich an den Herzog und wußte es durchzusetzen, daß August nicht vor den Feind kam, sondern nur auf kurze Zeit mit dem Kammerrat Rühlemann in das Hauptquartier zu Frankfurt a. M. entsendet wurde. Dieses Eingreifen eines allzu zärtlichen Vaters soll (wie Holtei im vierten Bande seiner »Vierzig Jahre« behauptet) den Grund zu August von Goethes seelischer Zerrissenheit gelegt haben. Denn als, nach glorreichen Taten, die Sieger später wieder in Weimar einkehrten und auch August von Goethe sich unter die Beglückwünschenden drängte, habe er überall nur spöttische Zurückweisung gefunden.


38 Jetzt sehr anders geworden. Die Garden sind im ganzen genommen noch um einen Grad affabler und umgänglicher als die Linie. Kann auch kaum anders sein. Es zeigt sich dabei der Einfluß der großen Stadt, die jedem seine Stelle gibt und auch dem Selbstbewußtesten Bescheidenheit predigt.


39 In einer Nachschrift obigen Briefes findet sich, übrigens ohne jeden Zusammenhang mit dem vorstehend Erzählten, eine Bemerkung, die, um ihrer selbst willen, hier stehen mag. »Ich ersah aus Deinem Briefe, daß ich wegen der Du Troussel anfragen und namentlich auch bei unserer guten Kolonie-Manon Erkundigungen einziehen soll. Ich habe es aber unterlassen, weil es bei den Kolonisten ein für allemal Sitte ist, alles zu loben, was zur Kolonie gehört.« (Jetzt nicht mehr; tempi passati.)


40 Zu dieser Anklage war der alte Friedrich Leopold von Hertefeld nur zu berechtigt. Es kam vor, daß die gute Sitte nicht bloß verletzt, sondern in einer gewissen infernalen Freude geradezu brüskiert wurde. So findet sich in einem späteren Briefe das Folgende: »Geheimrat Graun (er arbeitet am Appellhofe des Kammergerichts) hat vor einigen Tagen einen öffentlichen Skandal gegeben. Er soupierte bei Dallach, Unter den Linden, in Gesellschaft seines Sohnes, eines jungen Referendarius, und hatte zur Belebung der Tafelfreuden eine ›freudige junge Person‹ aus der Abtei der Madame Bernard mit eingeladen. Ihr Benehmen, in Sonderheit das des Alten, war derart, daß seitens der anderen Gäste Klage geführt wurde. Daraufhin ersuchte Dallach den Geheimrat Graun, ›das Lokal, das für solche Dinge nicht da sei‹, zu verlassen, was aber nur zu schnöder Abweisung führte. Das wiederholte sich, als Polizei requiriert wurde, bis zuletzt ein höherer Beamter erschien und einen schriftlichen Befehl vorzeigte. Nun erst gehorchte der Alte. Der Sohn (etwas klüger als der Vater) hatte sich schon vorher aus dem Staube gemacht. Ich brauche nicht hinzuzusetzen, daß Kammergerichtspräsident von Braunschweig den Fall an den Justizminister gemeldet hat; es bleibt aber traurig und unfaßlich, daß ein in Amt und Jahren stehender Mann einer solchen Auflehnung gegen Sitte und Gesetz überhaupt fähig war.«


41 Nach einer mir gewordenen Zuschrift muß es heißen: »den 27. Februar«. Ich lasse diese Zuschrift, die mir auch nach andrer Seite hin bemerkenswert erscheint, hier folgen. »Dieser Karl von Hertefeld (so heißt es darin) starb am 27. Februar 1867 und wurde den 3. März in dem am Ostgiebel der Kirche befindlichen Familiengewölbe beigesetzt. Die letzten von ihm geschriebenen Zeilen aus der Nacht vom 25. zum 26. Februar sind an mich gerichtet, und ich bewahre dieselben als einen Schatz. Ebenso werd' ich den Sterbetag des von mir hochverehrten Herrn von Hertefeld, dessen Beamter ich von 1843 an bis zu seinem Tode war, immer als einen Trauertag ansehen. Ottermann, Rechnungsführer; Priemern bei Seehausen in der Altmark.« – Es hat etwas Erquickliches dergleichen zu lesen, weil es Zeugnis ablegt, von einem in unsren alten Provinzen immer noch vorhandenen gesunden Sinn, der sich freimütig zu Dank bekennt, und die Ordnungen Gottes als das hinnehmend, was sie sind, auf Nivellierung und »Egalité« verzichtet. Jeder ist was an der Stelle wo er ist, wenn er überhaupt was ist. Bescheidenheit und Demut hindern keinen.


42 Von diesen zwei Fällen, in denen Angehörige des Hauses Eulenburg in nähere Beziehungen zu Brandenburg-Hohenzollern traten, gehört der eine Fall dem 15., der andere dem 17. Jahrhundert an. Über den ersteren finde ich im Urkundenbuche das Folgende: »1410 wird Wend Herr von Ileburg zum Hauptmann der ganzen Mark bestellt; 1411 erhält er das Dorf Kriele (Havelland) zu Lehn und die Lehnsanwartschaft auf Golzow. Im selben Jahre noch ernennt ihn König Sigismund zu seinem Botschafter bei den Ständen der Mark, welche letzteren bald darauf angewiesen werden, ihm, dem Wend von Ileburg, als Unterhauptmann des Burggrafen Friedrich von Nürnberg Gehorsam zu leisten.Vergl. das Kapitel »Quitzöwel« Seite 37. – Der zweite Fall ist dieser. Im Juli 1656 (dieselbe Zeit, in der die dreitägige Schlacht bei Warschau geschlagen wurde) wurde der Kammerherr, Geheime Kriegsrat, Oberst und Chef eines Infanterieregiments, Landrat und Landvogt zu Schaken in Ostpreußen, Jonas Kasimir, Herr zu Eulenburg, seitens des Großen Kurfürsten zum außerordentlichen Gesandten beim moskowitischen Zaren ernannt. Jonas Kasimir traf im September in Moskau ein und vereinbarte mit dem Zaren ein Freundschaftsbündnis zwischen Rußland und Brandenburg. Er blieb auch noch während des Monats Oktober und beantragte beim Zaren die Bestrafung des russischen außerordentlichen Gesandten für Ungebührlichkeiten, die sich derselbe bei der Audienz vor dem Großen Kurfürsten hatte zuschulden kommen lassen.« (Jonas Kasimir starb 1667. Er war mit einer von Brandt vermählt. Sein Regiment focht mit in der Schlacht bei Warschau; sein Bildnis befindet sich im Schloß in Prassen.)


43 Es gibt immer nur zwölf oder dreizehn Eulenburgs, in vollkommenem Einklange mit der Familiensage. Nach dieser trat ein Liliputchen vor die Schloßfrau von Schloß Prassen und bat um den großen Saal, »weil man eine Hochzeit anrichten wolle.« Der Saal wurde auch gewährt, und die Hochzeit begann. Als aber die Lust am höchsten war, erschien ein Sohn des Hauses, der von der Verabredung nichts wußte, mitten unter ihnen und störte die Freude des kleinen Volks. Am andern Tage brachte das Liliputchen einen Ring und bedankte sich für den Saal. Aber sie seien gestört worden und dafür sollten nie mehr als dreizehn Eulenburgs am Leben sein. Der Ring existiert noch und ist ein mittelgroßer Diamant in einfachster Fassung.


44 Bensch war es auch, der, auf dem Gutshofe dieses Vorwerks Neu-Zehlendorf, zur Errichtung eines in einer Art Tudorstil gehaltenen Herrenhauses schritt. Dasselbe empfing, beinahe dreißig Jahre später, eine Marmortafel mit folgender Inschrift: »Durch die Gnade König Wilhelms I. wurde diesem vom Prinzen Friedrich Karl von Preußen im Februar 1859 gekauften Bauerngute Neu-Zehlendorf, auf Antrag der Teltower Kreisstände, zugleich auch in Anerkennung seiner Siege 1864 im Kriege gegen Dänemark, die Rittergutsqualität und die Benennung Rittergut Düppel laut Patent vom 13. Januar 1865 verliehen.«


45 Zu dem, was der Prinz hier ins Leben rief, gehörte, neben den im Text genannten Forstkulturen usw. auch ein auf der Neu-Zehlendorfer Feldmark errichtetes Gestüt: das Gestüt Düppel. Der Held der Situation – als ich im Sommer 1882 unter sachkundiger Führung dies Gestüt besuchte – war der Hengst »Wildling«, der, nach allem was ich bei der Gelegenheit sah und hörte, seinem Namen Ehre machte. Früher war er mit bei Königgrätz gewesen. Auf welchen Lebensabschnitt er persönlich mit mehr Befriedigung sah, auf den ehemaligen oder den jetzigen, muß ungesagt bleiben. Auch hier heißt es: wer sieht ins Herz! Übrigens war es, die Wahrheit zu gestehn, nicht eigentlich der »Wildling«, was mich damals am meisten entzückte, sondern seine sich in verschiedenen Einfriedigungen umhertummelnde Nachkommenschaft, zu der er in den kompliziertesten und zugleich unzulässigsten Verwandtschaftsgraden stand. Die junge Nachkommenschaft selbst aber war sich dieser Unzulässigkeit so wenig bewußt, daß sie, grade umgekehrt, in der Lust und dem Übermut ihrer Bewegungen, nichts als einen Protest gegen alle schwerfälligere Weltanschauung auszudrücken schien. Alles an ihnen war Grazie, dabei zugleich von einer so intelligenten Koketterie, daß man sich versucht fühlen konnte, mit ihnen zu sprechen. Es war so ziemlich derselbe Eindruck, wie wenn man in England einer auf einer Waldwiese spielenden Mädchenpension begegnet.... All diese Fohlen erfreuten sich der besonderen Aufmerksamkeit des Prinzen, der ihr Wachstum mit derselben Lust und Liebe, wie das seiner Dreilindner Bäume verfolgte. Die Namen der Fohlen wurden z.B. durch ihn persönlich bestimmt. Unter diesen auch Namen aus den drei Kriegen zu begegnen, wird niemanden überraschen. Da waren: Alsen, Oberselk, Schleswig, Satrup, Oster-Düppel; ferner Münchengrätz, Königgrätz, Benedek; endlich aus dem siebziger Kriege: Le Mans, Vionville, Rezonville, Ladonchamp. Was sich sonst noch an Namen vorfand, gehörte freilich einer sehr andern, aber fast ebenso bestimmten Geschichtsepoche an: Attila, Kriemhild, Odoaker, Berengar.


46 Die Zahl und Reihenfolge der persönlichen Adjutanten des Prinzen war in dem langen Zeitraume von 1848 bis 82 die nachstehende: Leutnant von dem Büsche-Münch 1848; Leutnant Graf Waldersee 1849 und 50; Freiherr von Diepenbroick-Grüter 1850 bis 53; Leutnant von Zieten 1853 bis 56; Leutnant von Cosel 1854 bis 58; Rittmeister von Schöning 1856 bis 58 (Bruder des 1870 als Kommandeur des 11. Regiments bei Mars la Tour gebliebenen Obersten von Schöning); Premierleutnant von Alvensleben 1858 und 59; Oberstleutnant von Blumenthal 1858 bis 60 (später Kommandeur des IV. Armeekorps); Hauptmann von Witzendorff 1859 bis 64 (zur Zeit Kommandeur des VII. Armeekorps); Premierleutnant von Jagow 1859 bis 64; Premierleutnant Freiherr von Loë 1863 bis 66; Major von Bernuth 1864 bis 66; Major von Erckert 1866 bis 69; Premierleutnant Graf Kanitz 1867 bis 69 (später Hofmarschall des Prinzen Friedrich Karl); Rittmeister von Krosigk 1869 bis 72 (später Oberst und Kommandeur der Garde-Husaren); Premierleutnant von Normann 1869 bis 74; Rittmeister Graf Alexander von Wartensleben 1872 bis 75; Major von Vaerst 1874; Rittmeister von Borcke 1875 bis 79; Rittmeister von Brösigke 1876 bis 80 (später Flügeladjutant S. M. des Kaisers); Rittmeister Freiherr von Maltzahn seit 1880; Hauptmann von Kalckstein seit 1880. (Ich füge dieser Angabe gleich noch einige Notizen hinzu. Während der Jugend- und Erziehungsjahre des Prinzen war Graf Bethusy-Huc sein Militärgouverneur, an dessen Stelle nach vollendetem 18. Lebensjahr (1846) die »militärischen Begleiter« traten. Dies waren Major von Roon, der spätere Kriegsminister, von 1846 bis 48; Major von Schlegell 1848; Major von Hiller, älterer Bruder des bei Chlum gefallenen Generals, von 1848 bis 49. Von diesem Zeitpunkt an war der Prinz selbständig. – Über diese Dinge möglichst Authentisches zu geben, hab' ich nicht versäumen wollen, da mir, aus Erfahrung, bekannt ist, wie schwer es schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit hält, sich Gewißheit über ähnliche Fragen zu verschaffen. Um nur ein Beispiel zu geben: die Namen der Adjutanten des Rheinsberger Prinzen Heinrich festzustellen, hat mir nicht gelingen wollen. Über etwa sechs Namen bin ich in der langen Epoche von 1752 bis 1802 nicht hinausgekommen.)


47 Ich gebe hier die Rangverhältnisse wie sie 1882 waren.


48 Die Antwort, die hierauf gegeben wurde, sei kurz erwähnt, weil sie charakteristisch ist für die vorurteilsfreie Behandlung, die Fragen derart erfuhren. »Aus orientalischen Truppen«, so hieß es, »europäische machen zu wollen, ist unmöglich, und der Versuch dazu schon deshalb unrätlich. Es wird vielmehr umgekehrt geraten sein, das Nationale (weil das relativ Natürliche) so wenig wie möglich zu stören. Aber solche Dinge, wie Verpflegung und Bewegung der Armee, Sanitäts-, Intendantur- und Eisenbahndienst, darauf haben wir, wenn wir wirklich helfen wollen, unser Augenmerk zu richten. Mit anderen Worten: nicht strikte Heeresausbildung, sondern Ausbildung alles dessen, was ein Heer (es sei im übrigen wie es sei) in seiner Leistungsfähigkeit unterstützt. Also: Techniker und Zivilingenieure. Beide sind wichtiger als Offiziere.«


49 Der Glückliche, der hier, tagaus tagein, ein von Anerkennung und Huld getragenes Weidmannsleben führen durfte, war der allen Dreilindner Gästen wohlbekannte Förster Rosemann, der, auch nach dem Tode des Prinzen, ir. dieser seiner bevorzugten Stellung blieb, bis er, am 19. August des Jahres (1888) einem Unfall erlag. Rosemann befand sich auf dem Wege nach der Wannseestation und hatte seinem erst zwölfjährigen Sohne eben die Zügel in die Hand gegeben, als der Jagdwagen, darin er fuhr, an einer abschüssigen Stelle plötzlich stürzte, bei welchem Sturz er so unglücklich fiel, daß er mit gebrochenem Rückgrat tot liegen blieb. Rosemann war erst in der Mitte der vierziger Jahre und, neben einer gewinnenden Erscheinung, von den verbindlichsten Umgangsformen.


50 Den auf der Reise gemachten Aufzeichnungen Brugsch-Paschas bin ich in diesem Kapitel gefolgt. Brugsch-Paschas Aufzeichnungen sind niedergelegt in einem im Jahre 1885 bei Trowitzsch u. Sohn in Frankfurt a. O. erschienenen, von Major von Garnier reich illustrierten Prachtwerke in Großfolio, das den Titel führt: »Prinz Friedrich Karl im Morgenlande, dargestellt von seinen Reisebegleitern Professor Dr. H. Brugsch-Pascha und Major Franz Xaver von Garnier.«


51 Trotz dieser Äußerung wird sich sagen lassen, daß der Prinz, dem Marschall Bazaine gegenüber, stets voll Respekt und jedenfalls voller Teilnahme war. Ich habe selbst solche Äußerungen aus des Prinzen Munde gehört. Und was nun gar die von Parteigängern so viel und so leidenschaftlich verurteilte Haltung Bazaines in der »Kaiser-Max-Frage« angeht, so habe ich mich nie davon überzeugen können, daß ihn oder Napoleon den Dritten irgendein Vorwurf trifft. Napoleon war gezwungen, so zu handeln wie er handelte, und Bazaine ließ den jungen Kaiser Max nicht feig oder verräterisch im Stich, sondern ging erst, als dieser sich dem Rückzuge nicht anschließen wollte. »Man sagt, er wollte sterben«, paßt auch hier.


52 Auf diesen Spaziergängen überraschte die Reisenden eine ebenso feine wie witzige Schlagfertigkeit des niederen Volks. Ein Bettler fiel durch Zudringlichkeit lästig. »O Schech«, sagte Brugsch, »bitte lieber deine Brüder die Hand zu öffnen.« Der Bettler antwortete: »Bist du kein Sohn Adams?« Ein anderes Mal sah Brugsch einen Araber sich mit Wegwälzung eines riesigen Steinblocks abquälen. »Du solltest ihn lieber tragen«, sagte Brugsch scherzend. »Ich bin dazu bereit, sobald du ihn mir auf den Rücken gelegt haben wirst.«


53 Die Araber in ihrer geistvollen Weise sagen: »Die Zeit spottet allem und die Pyramiden spotten der Zeit.«


54 Von diesem »Tal der Inschriften«, wie man es nennt, zweigt ein Seitental, eine Schlucht ab, in der von 1855–1866 ein ehemaliger schottischer Major, Namens Macdonald, in einem selbstgebauten Hause wohnte, um die schon den alten Ägyptern bekannten Türkisminen dieser Gegenden auszubeuten und auf den europäischen Markt zu bringen. Das Geschäft ließ sich anfangs gut an, leider aber erwiesen sich später die oft faustgroßen Stücke des Edelsteins als unecht in der Farbe, denn sie verloren bald ihren Glanz und das Himmelblau, das den echten Türkis auszeichnet. Das Haus des Majors, dessen die Beduinen noch jetzt als ihres Wohltäters gedenken, steht als eine Ruine da.


55 In Begleitung der beiden türkischen Offiziere befand sich auch ein »Verpflegungs- und Reise-Generaldirektor«, von dem Brugsch eine ganz vorzügliche Schilderung gibt. Ich entnehme derselben folgendes: »Er, dem die Adjutanten des Sultans die volle Ausrüstung und Verpflegung der prinzlichen Karawane übertragen hatten, war ein christlicher Syrier. Seiner Abstammung nach dem Lande der Philister zugehörig, nannte er sich auf seiner Visitenkarte trotz alledem ›Alexander Howard‹ oder ›Monsieur Alexandre, Entrepreneur et Directeur générale‹.« Wie die meisten Leute seines Schlages sprach er alle möglichen Sprachen, war dabei stark und von eiserner Gesundheit. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein rötlich leuchtendes Vollmondgesicht mit den freundlich lächelnden Zügen. Er war der erste auf den Beinen und der letzte im Bett. Während des Marsches galoppierte er in unsinniger Hast neben den Pferdevermietern einher. In hohen Reiterstiefeln mit mächtigen Sporen, im Beduinenmantel und mit der syrischen dunklen Kopfbedeckung, Pistolen im Gürtel, die Nilpferdpeitsche oder den Kurbadsch in der Rechten, so flog er an uns vorüber und sein Adlerblick erkannte im Nu, wo seine Gegenwart nottat. Das Frühstückszelt ward um die Mittagszeit aufgeschlagen. M. Alexandre erschien dann in der Tracht eines türkischen Effendi, d.h. in schwarzem Stambulin mit rotem Fez, in weißer Binde und mit weißen Handschuhen. Er übersah mit wohlgefällig-prüfendem Blick die reich gedeckte Tafel, half jeder mangelhaften Bedienung sofort ab und schätzte sich glücklich, Sr. Königlichen Hoheit selber servieren zu dürfen. Und nun erst am Abend, wenn die Reisegesellschaft an der Mittagstafel versammelt war und Lampen und Kandelaber ihren Glanzschimmer durch das lange Zelt verbreiteten! M. Alexandre präsentierte sich dann als vollendeter Salonmensch in schwarzem Leibrock und weißer Binde, dazu weiße Weste und funkelnagelneue Glanzstiefel, alles wie fertig für den Ball. Alles in allem hat sich M. Alexandre um die Reise des Prinzen wohl verdient gemacht und seine Wahl von seiten der Adjutanten des Sultans war sicherlich keine schlechte. In seiner frühesten Jugend ein toller Kopf, hatte er damals, in Gemeinschaft mit einem französischen Abenteurer, Palmyra erobern und ein neues Königreich herstellen wollen.


56 Diese Kränkung war groß, aber sie konnte kaum ausbleiben. Von Anfang an hatte der Prinz eine mehr als kritische Stellung zu dem seit 1853 wieder ins Leben gerufenen Orden eingenommen und zwar derart, daß sich sein eigener Vater, der alte Prinz Karl, zu dem den Kommendatoren des Ordens erteilten Rate veranlaßt gesehen hatte: »Das Herrenmeisteramt nicht auf seinen Sohn übergehen zu lassen.« Danach wurde denn auch verfahren und der Prinz mußte (wie vielfach) für das leiden, was er durch seine der freien und freiesten Meinung ausdruckgebende Haltung selbst verschuldet hatte.


57 Beim Hinscheiden Kaiser Friedrichs (15. Juni 1888) ist die Frage nach der eigentlichen Todesursache des Prinzen Friedrich Karl wieder aufgeworfen worden und dabei mehrseitig von einem auch bei diesem letzteren vorhanden gewesenen Krebsleiden gesprochen worden. Aber mit Unrecht. Eine Notiz der National-Zeitung erklärte dies Gerücht aus folgendem. »Ein Jahr vor dem Tode des Prinzen wandelte sich eine bis dahin harmlose kleine Hautwarze auf der rechten Wange unterhalb des Auges in eine bösartige Neubildung um, die mit dem medizinischen Ausdruck ›Epithelium‹ (Krebs der Haut) bezeichnet wird. Professor von Bergmann schlug die operative Entfernung der Warze vor, welche damals noch klein und unbedenklich war. Nachdem Kaiser Wilhelm I. seine Zustimmung zur Operation erteilt hatte, wurde dieselbe von Professor von Bergmann mit bestem Erfolg ausgeführt. Die Operationswunde heilte glatt und sicher und Prinz Friedrich Karl hatte seitdem keinerlei Belästigung davon. Ein Rezidiv ist nicht aufgetreten.«


58 Dieser Annahme des Rentiers Heydert ist nur zuzustimmen. Jedenfalls ist die, die hier ruhte, nicht die Frau des Hans Kohlhaas gewesen (Kleist nennt ihn irrtümlich Michael). Alle diese Sagen entstammen der alten, längst widerlegten Annahme, daß Kohlhaase in dem dicht bei Stolpe gelegenen Kohlhasenbrück gelebt habe. Dies ist aber falsch. Kohlhasenbrück hat mit Kohlhaase weiter nichts zu schaffen, als das eine, daß der für sein Recht kämpfende Roßkamm sich an eben dieser Stelle verbarg und von hier aus den kurfürstlichen Hüttenfaktor Konrad Drahtzieher überfiel und beraubte. Was dann mit Kohlhaas' Hinrichtung (er ward aufs Rad geflochten) endigte. Kohlhaas wohnte in Berlin, Fischerbrücke Nr. 27, in einem Hause, das noch im Jahre 1866 in seiner alten Gestalt bestand und Stallung für vierzig Pferde hatte. Erst 1867, nachdem es noch im Jahre vorher als Lazarett gedient, ward es umgebaut und in ein Gasthaus modernen Stils verwandelt; beim Umbau wurden einige Münzen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts gefunden.


59 Erst das Jahr 1877 gab der Kirche zu Nikolskoe diese Gruft, aber schon von 1837 an war ein Kirchhof da. Derselbe befindet sich hundert Schritte weiter zurück und ist Begräbnisplatz vieler auch in weiteren Kreisen bekannt gewordener Persönlichkeiten. Hier ruht, unter einem mächtigen schwarzen Syenit, Oberlandforstmeister Ulrici; neben ihm sein Schwiegersohn Oberst von Kayser. Hier ruht ferner Frau Friedrich, die sogenannte »alte Friedrich«, von der ich in dem Kapitel Pfaueninsel (Band III meiner »Wanderungen«) ausführlich erzählt habe. Hier endlich hat auch der viele Jahre lang auf der Pfaueninsel installierte, später mit einer Potsdamerin verheiratete Sandwichs-Insulaner Maitay seine letzte Ruhestätte gefunden. Ein Steinkreuz, mit Maitays Namen in Front, bezeichnet seine Grabstelle, während es an der Rückseite des Kreuzes, in einer für Mark Brandenburg höchst charakteristischen Weise heißt: »Hier ruhen des Sandwichs-Iusulaners Maitay Schwiegereltern«. In jedem andern alten Kulurlande würde sich auch der edelste Sandwichs-Insulaner immer noch seinerseits in der Benötigung einer Berufung auf seine Schwiegereltern befunden haben, – in Mark Brandenburg ist es umgekehrt oder war es doch bis 1870. Alles von »weither« hatte den Vortritt, wie diese Steinkreuzschrift in beinah rührender Bescheidenheit lehrt.


60 Prinz Karl starb am 21. Januar. Wenige Stunden vor seinem Hinscheiden erschien sein Bruder Wilhelm im prinzlichen Palais am Wilhelmsplatz und der Generalarzt Dr.Valentini meldete dies mit den Worten: »Seine Majestät der Kaiser!« Freudig lächelnd erhob der sterbende Prinz den rechten Arm und rief, unter Dransetzung seiner letzten Kraft: »Er lebe hoch!« Es waren seine letzten Worte. Die menschlich siegreiche Persönlichkeit Kaiser Wilhelms hatte Rivalitäten, wie sie früher geherrscht haben mochten, längst beglichen und in dem Herzen des Bruders nichts zurückgelassen als Bewunderung und Liebe.


Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 13, München 1959–1975, S. 384-397.
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