4. Kapitel
Die Krautentochter wird Frau von Elliot

[152] In diesem Geiste ging denn auch der Gang der Erziehung, und es glückte damit so vollkommen, daß schon einige Monate vor der Einsegnung, an Charlottens (der Krautentochter) Verheiratung gedacht werden konnte. Die Jugend derselben war kein Hindernis, war doch ihres Vaters Schwester, als sie dem Dompropsten die Hand reichte, nur um ein halbes Jahr älter gewesen. Und überhaupt war es denn nötig alt und weise zu sein, um zu heiraten? Gewiß nicht.

Also Charlotte sollte heiraten.

Aber wen?

Das Auge der Mutter richtete sich vor allem auf einen Gesandten. Ein solcher empfahl sich doppelt, einmal weil es unter allen Umständen eine vornehme Partie war, und zweitens und hauptsächlichst weil ein Gesandter eine gewisse Garantie bot, über kurz oder lang abberufen und an einem vielleicht weit entfernten Hofe beglaubigt zu werden. Trat dieser Fall ein, so lag ihr, der Mutter, ob, in der Heimat nach dem Rechten zu sehen, sie war dann Herrin aller Güter, viel viel mehr als die Tochter, die sich mit beliebigen Erklärungen abfinden lassen mußte. Diesem Kalkül entsprach es, daß ihr unter allen Gesandten die britischen am begehrenswertesten erschienen. Ein britischer Ambassadeur war sogar in der Möglichkeit, über das bloß Gesandtschaftliche hinaus, als ost- oder westindischer Gouverneur und Vizekönig seine Tage ruhmvoll beschließen zu dürfen. Und Ost- oder Westindien, welches Ideal von Entfernung!

In der Tat, es war ein Engländer und zwar der als Nachfolger von Sir John Mitchell am Berliner Hofe beglaubigte Mr. James Harris (später Lord Malmesbury), auf den sich das Auge der Madame de Verelst richtete, bevor ihre Tochter Charlotte noch das fünfzehnte Lebensjahr erreicht hatte. Das war ein Schwiegersohn nach ihrem Sinne! Aber James Harris verhielt sich durchaus ablehnend gegen alles Preußische. »Die Preußen«, so schrieb er gerade damals, »sind im allgemeinen arm, eitel, unwissend, und ohne Grundsätze. Wären sie reich, so würde der Adel sich nie dazu verstanden haben, in Subalternstellen mit Eifer und Tapferkeit zu dienen. Ihre Eitelkeit zeigt sich darin, daß sie ihre eigene Größe in der ihres[152] Monarchen erblicken, ihre Unwissenheit aber erstickt in ihnen jeden Begriff von Freiheit und Widerstand. Und was endlich ihren Mangel an Grundsätzen angeht, so macht sie dieser Mangel zu bereitwilligen Werkzeugen aller ihnen erteilten Befehle; sie überlegen gar nicht, ob sie sich auf Gerechtigkeit gründen oder nicht!«26

So Mr. Harris, der zum Überfluß auch noch eine speziell ungünstige Meinung in betreff der Madame de Verelst unterhielt. Er ridikülisierte sie, was natürlich alle Pläne von seiten der Dame rasch hinschwinden ließ und an die Stelle des Entgegenkommens jene hautäne Miene setzte, auf die sie sich so gut verstand.

Aber in ihren Grundanschauungen von dem, was wünschenswert sei, war durch diesen Mißerfolg nichts geändert worden, und als einige Monate später James Harris abberufen und Hugh Elliot an seine Stelle gekommen war, nahm sie dasselbe Spiel wieder auf.

Und diesmal mit besserem Erfolg. Zu Beginn des Jahres 1778 war die nunmehr sechzehnjährige Charlotte bereits Gemahlin Hugh Elliots, über den, zu besserem Verständnis dessen, was sich später ereignete, hier schon das Folgende stehen mag.

Hugh Elliot, als er nach Berlin kam, war noch sehr jung und von noch jugendlicherem Ansehen. Er hatte nichts von dem Ruhigen, Gesetzten, Distinguierten, das eine Gesandtschaftsstellung erheischt, wirkte vielmehr in seiner Bartlosigkeit und halb knabenhaften Figur absolut unfertig und nicht viel besser als ein von einer steten Unruhe geplagter Springinsfeld. Ungeachtet dessen war er in den Hof- und Gesandtschaftskreisen beliebt, galt für amüsant (war es auch) und erfreute sich ganz besonders einer gewissen Vorliebe von seiten des Prinzen Heinrich. Am Hofe dieses war es denn auch, wo Thiébault ihn kennenlernte. »Geistreich und von delikater Struktur (délié), sehr lebhaft und liebenswürdig« das sind die Worte, die die »Souvenirs« für ihn haben. »Und dabei durch und durch Original, denn man ist nicht Engländer[153] ohne das«, setzt ihr Verfasser in guter Laune hinzu. Zu gleicher Zeit erzählt er ein paar Anekdoten, die mir sehr geeignet scheinen, ihn in seinen Vorzügen wie seinen Schwächen zu charakterisieren, weshalb ich dieselben hier wiedergebe.

Eines Tages beim russischen Gesandten entstand ein erregter Streit, ob England oder Frankreich den größeren dramatischen Dichter hervorgebracht habe. Thiébault schwärmte für Racine, Elliot für Shakespeare. Thiébault operierte dabei viel mit »plus sublime«, worauf ihm Elliot erwiderte: »gerade das ›plus sublime‹ sei das, was er für Shakespeare beanspruche. Denn den Eindruck des Sublimen habe man immer nur da, wo sich der Gegensatz von hoch und niedrig, von Erhabenheit und Alltäglichkeit fühlbar mache, während überall da, wo sich ein gleichmäßiges Plateau zeige (wenn auch Hochplateau) von einem Eindruck des Erhabenen nie die Rede sein könne. Und so käme es denn, daß die ›Niedrigkeiten‹,27die seinem englischen Dichter mit Recht vorgeworfen würden, eigentlich nur dazu dienten, die Größe desselben um so deutlicher erkennen zu lassen.«

Um eben diese Zeit war es auch, daß Elliot einer Steinoperation halber nach Paris mußte. Man sah diese Reise, weil sich die französische Regierung kurz vorher zugunsten der amerikanischen Kolonien, will also sagen gegen England entschieden hatte, ziemlich allgemein als ein Wagnis an, und auch die Königin äußerte sich in diesem Sinne. »Oh, Madame«, replizierte Elliot, »England und Frankreich sind seit lange zivilisierte Nationen.«

Es ging dies von Mund zu Mund, und die fremdländischen Gesandten, die, wie gewöhnlich, wenig Zärtlichkeit für Preußen übrig hatten, freuten sich der nonchalanten, echt englischen[154] Dreistigkeit, in der Elliot überhaupt exzellierte. Freilich bedingte dieselbe Dreistigkeit und Nonchalance zuletzt auch seinen Sturz, und zwar war es dieselbe Frage der »amerikanischen Kolonien«, was bald danach zu seiner Abberufung vom preußischen Hofe führte.

»Seitens dieser Kolonien«, so berichtet Thiébault, »waren zwei Vertrauensmänner in Berlin eingetroffen, die mit Fug und Recht als amerikanische Geheimgesandte angesehen werden konnten. Es wurde selbstverständlich aus Courtoisie gegen England vermieden, sie als Gesandte zu begrüßen, aber im stillen wußte jeder, was sie nach Berlin und Sanssouci geführt hatte. Wenigstens Elliot wußte es. Er wollte jedoch positive Gewißheit haben und leitete deshalb ein ziemlich gefährliches Spiel ein, das er sich nur im Hinblick auf die hinter ihm stehende Macht Englands erlauben durfte. Voll Bonhomie zog er die beiden Amerikaner, als ›Landsleute von älterem Datum‹, in seinen intimeren Umgangskreis und überschüttete sie mit kleinen gesellschaftlichen Auszeichnungen. Eines Abends, nach vorher eingenommenem gemeineschaftlichen Diner, fuhr er mit ihnen in die Oper. Als sie jedoch zu später Stunde in ihre Wohnung zurückkehrten, fanden sie die Tür erbrochen und eine Kassette geraubt. Es zweifelte niemand, auf wessen Geheiß dies geschehen; aber Elliot ging weiter und ließ ihnen am anderen Tage, wenn auch ohne direkte Namensnennung, die Kassette wieder zustellen, aus der nichts herausgenommen war, als die die beiden Abgesandten einigermaßen kompromittierenden Papiere. Jeder war neugierig, wie der Affront geahndet werden würde, doch blieb anscheinend alles ruhig, bis plötzlich, als man eben die Sache zu vergessen anfing, Elliots Abberufung erfolgte. Der König hatte bei der englischen Regierung, unter Darlegung des Sachverhalts, auf seine Zurückberufung gedrungen.«

In diesen Zügen spricht sich Elliots Charakter aus, und ohne seinem Rivalen Knyphausen, der ihn abwechselnd als ›ruhmredig, leichtfertig und unkonsequent‹ und zum Schluß einfach als ›fou und furieux‹ bezeichnet, in all und jedem zustimmen zu wollen, erscheint doch so viel richtig, daß er mit jener gefährlichen Lebhaftigkeit des Geistes ausgestattet war, die beständig geneigt ist, in Willkür und Rücksichtslosigkeit überzugehen. In der Tat, er war nervös, launenhaft, exzentrisch und entbehrte ganz und gar der Möglichkeit, einer jungen, in Oberflächlichkeit und Eitelkeit erzogenen[155] Frau das zu geben, was ihr fehlte. Nur eins wird ihm zuzugestehen sein: er liebte sie wirklich, soweit er einer wirklichen Liebe fähig war, und hatte seine Wahl aus Sinn und Herz und nicht aus allerhand Rücksichten getroffen, am allerwenigsten aber aus Rücksichten auf ein Erbe, das nach englischen Vorstellungen überhaupt nicht bedeutend und jedenfalls erst in Zukunft zu gewärtigen war.

Nach diesen Bemerkungen über Elliots Charakter, die nötig waren, um unsere Heldin in dem, was später geschah, nicht ungünstiger und zweifelhafter als nötig erscheinen zu lassen, nehme ich den Faden der Erzählung wieder auf und kehre zu der Ehe des jungen Paares zurück, die das mindeste zu sagen, keine glückliche war.

26

Nicht besser als auf das Land war Mr. Harris auf den König selbst zu sprechen. Er schrieb über diesen: »Um bei seinem System verharren zu können, hat er sich der Moral und Religion entäußert. An die Stelle der Moral hat er eine gewisse Sentimentalität, an die Stelle der Religion den Aberglauben gesetzt. Nur so läßt sich jene buntscheckige Mischung von Barbarei und Humanität erklären, die seiner Regierungsart eigentümlich ist.«

27

Ich gebe aus dem Streit, der sich weithin zog, nur dies Wenige. Das Interessanteste daran ist, daß auch Elliot, aller seiner Shakespeare-Schwärmerei zum Trotz, so weit Kind seiner Zeit war, daß er die »Niedrigkeiten« Shakespeares, auf die Thiébault beständig rekurrierte, gelten ließ. In den hundert Jahren, die seitdem verflossen sind, hat sich das Urteil speziell über diesen Punkt total geändert, und wir finden die Szene zwischen Prinz Heinz und Franz (»Gleich, gleich Herr«) zwischen Falstaff und Dorchen Lakenreißer, ja selbst die zwischen den beiden Kärrnern zu Beginn des Stücks, gerade so »sublim« wie Hamlet und Macbeth. Wir haben uns von der Vorstellung befreit, daß das Komische, ja selbst das niedrig Komische, sobald es nur einer vollendeten Charakteristik dient, niedriger stehe, als das Tragische.

Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 13, München 1959–1975, S. 152-156.
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