1. Gröben und Siethen unter den alten Schlabrendorfs

[316] Von 1416 bis 1786


Um 1416 gab es in Gröben und Siethen keine Gröbens mehr; an ihre Stelle waren die lausitzischen Schlabrendorfs getreten, die sich nach dem bei Luckau gelegenen Dorfe »Schlabrendorf« nannten, gerade so wie sich die Gröbens in voraufgegangener Zeit nach dem im Teltow gelegenen Dorfe Gröben ihren Namen gegeben haben.

Aus den ersten zwei Jahrhunderten der Anwesenheit der Schlabrendorfs in Gröben und Siethen wissen wir wenig von ihnen. Es scheint nicht, daß sie sich hervortaten, einen ausgenommen, Johann von Schlabrendorf, der in die geistliche Laufbahn eintrat und in dem Jahrzehnte, das dem Auftreten Luthers unmittelbar voranging, zum Bischof von Havelberg aufrückte. Wegen seiner Vorliebe für die Prämonstratenser behielt er die Tracht derselben bis an sein Lebensende bei. »Es wird ihm nachgerühmt«, so schreibt Lentz in seiner Stiftshistorie von Havelberg, »daß er ein rechter Geistlicher gewesen, der fleißig in der Bibel gelesen und seine horas canonicas selber abgewartet, auch mit seinen Canonicis einen Vers um den andern dabei gebetet habe. Daneben hab' er auch auf seiner Burg zu Wittstock als ein rechter Herr und Fürst zu leben und einen konvenablen Hofstaat mit einem zahlreichen Gefolge von Rittern und Edelknaben zu halten gewußt. Ebenso Koppeln und Meuten und einen wohlbesetzten Marstall. Ingleichen auch hab' er der Armen nicht vergessen und sie mit Bier und Brot allezeit reichlich versorgt.«

So Lentz in seiner Stiftshistorie. Daß dieser Bischof aber speziell dem Hause zu Gröben entsprossen gewesen, dafür spricht mit großer Wahrscheinlichkeit ein noch jetzt in der Gröbener Kirche befindliches Glasfenster, das in seinem Oberteile die Bischofsmütze samt zwei gekreuzten Bischofsstäben, darunter aber das Schlabrendorfsche Wappen zeigt.


Aus dem Gröbener Kirchenbuch

[316] Auf dieses Vorerzählte beschränkt sich alles, was wir durch zwei Jahrhunderte hin einerseits von den Schlabrendorfs selbst, andrerseits von den ihren Hauptbesitz bildenden Schwesterdörfern Gröben und Siethen wissen, und erst von 1604 ab, wo Pastor Johannes Thile I. ins Gröben-Siethener Pfarramt eintrat und das seit 1575 bestehende Kirchenbuch eifriger als seine Vorgänger zur Hand nahm, um Aufzeichnungen darin zu machen, erst von diesem Jahre 1604 an erfahren wir Eingehenderes aus dem Leben der beiden Dörfer.

Um eben dieser Aufzeichnungen willen, die – mit Ausnahme der Schlußepoche des Dreißigjährigen Krieges – durch alle Nachfolger Johannes Thiles I. getreulich fortgesetzt wurden, ist denn auch das Gröben-Siethener Kirchenbuch ein wahrer historischer Schatz und für die Kultur- und Sittengeschichte der Mark von um so größerem Wert, als es im ganzen genommen in unsrem Lande doch nur wenige Kirchenbücher gibt, die bis 1604 zurückgehen. Es ist ein vollkommner Mikrokosmos, dem wir in diesem alten, wurmstichigen und selbstverständlich in Schweinsleder gebundenen Bande begegnen, und alles, was das Leben, und nicht bloß das Leben einer kleinen Dorfgemeinde, zu bringen vermag, das bringt es auch: Krieg und Pest und Wasser- und Feuersnot und Mißwachs und Mißgeburten. Und daneben Unglück über Unglück, heut auf dem Gröbener und morgen auf dem Siethener See. Fischer ertrinken, Brautzüge werden vom Sturm überrascht und in Winterdämmerung Verirrte brechen ein in die kaum überfrorenen Lumen oder erstarren in dem zusammengewehten Schnee. Dazu Mord und Brand, und Stäupung und Enthauptung, und auf jedem dritten Blatte das alte Lied von Ehebruch und »Illegitimitäten« aller Art, an die sich dann regelmäßig und wie das Amen in der Kirche die pastoralen und meist invektivenreichsten Verurteilungen knüpfen. Aber immer im Lapidarstil.

Und nun möge das Kirchenbuch sprechen.


Aufzeichnungen des Pastors Johannes Thile I46

[317] In diesem Jahre 1609 ist Herr Ernst von Schlabrendorf, Erbherr auf Gröben und Siethen, aus dieser Zeitlichkeit geschieden. Er war vermählt mit Ursula von Thümen, aus welcher Ehe demselben zwei Söhne geboren wurden: Joachim von Schlabrendorf und Melchior Ernst von Schlabrendorf. An Melchior Ernst kam Gröben und an Joachim kam Siethen, so daß wir von diesem Jahre 1609 an zwei Schlabrendorfsche Linien haben: eine Gröbensche und eine Siethensche.

1620 am 18. Oktober hat der an der Nuthe wohnende Vogt Hans Blume seinen Stiefvater Hans Möller mit einer Büchse erschossen. Nachschrift aus dem Jahre 1622. Selbiger Hans Blume wurde von den Obrigkeiten zu keiner Strafe gezogen, vielmehr heimlich über die Grenze geschafft. Er ging nun in den Krieg nach Böhmen. Eh er aber nach Prag kam, ward er, nach gerechter göttlicher Wiedervergeltung, auch erschossen. Hat also in seinen Sünden hinsterben müssen. Ach, weh der armen Seele.

1621 am 28. Oktober ist in unsrer Nachbarschaft (auf Schloß Beuthen) ein Sohn geboren worden. Dieses Kind hat, salva venia, keinen podicem gehabt, so daß es seiner natürlichen Funktionen unfähig gewesen ist. Wonach Meister Hans Meißner, Bader zu Trebbin, mit dem Messer den podicem hat öffnen müssen. Und ist durch Gottes Segen gut geworden und hat einen podicem gehabt. Wie wunderbar handelt Gott mit uns Menschen!

1629 hat Ihre Churfürstliche Hoheit Dero Küchenmeister in Königsberg in Preußen aufhenken lassen.[318]

1631 starben in Gröben und Siethen 126 Menschen an der Pest.

1632. Bis zu diesem Jahre bin ich, Johannes Thile, dreihundert Mal zu Gevatter gebeten worden.

1633 wurde das 1598 gestiftete Uhrwerk reparirt.

1634 den 25. März sind Wiprecht Erdmanns Tochter Ursula, Martin Schmidts Tochter Ursula und Hans Bethekes Stieftochter Ursula in einem Kahn spazieren gefahren und als der Wind kam, auf den See getrieben worden. Wobei die zwei ersten ertrunken und zu Gröben beide in ein Grab gelegt worden sind.

Nach diesem Jahre (1634) hören die Mitteilungen, wie schon angedeutet, auf ganze Jahrzehnte hin auf und werden erst in den siebziger Jahren wieder aufgenommen.


Aufzeichnungen der Pastoren Friedrich Zander, Felician Clar (auch Clarus) und Heinrich Wilhelm Voß

1673 den 5. November ist Anna Mulisch, die schon mehrere Kinder außer der Ehe gehabt, von mir getraut worden. Und dieser »Schandsack« hat sich in einem Kranze zur Kirche führen lassen.

1674 am 18. Dezember ist Ursula Lehmann enthauptet worden, weil sie das mit ihrem Schwager erzeugte Kind ins Wasser geworfen.

1675 am 3. August ist Andreas Fritze, Weinmeister hierselbst, begraben worden, der ein heftiges Gewächs gehabt hat, eines Viertels vom Scheffel groß, so ihm hinten am Halse gehangen. Ist aber doch vierundachtzig Jahr alt geworden.

1679 am 27. März sind auf unserer Feldmark zwei Soldaten begraben worden, welche den Tag vorher mit ihrer Compagnie hier einquartirt gewesen. Sie konnten keine Särrker (Särge) bekommen, weil ihnen ihre Kameraden nichts gelassen hatten als alte Lumpen, welche denn auch ihr Sterbekleid bleiben mußten.

1697. In diesem Jahr ist der Moskowitische Czar Peter bei Sr. Churf. Durchlaucht gewesen.

1717. Hoc anno celebratum est jubilaeum evangelico-Lutheranum. Math. 22,5.

1726 wurde wieder eine Kindesmörderin hingerichtet.

1727 starb Felician Clar, der vierzig Jahr in Gröben Pastor gewesen.[319]

1729 wurde Botho Müller wegen Gotteslästerung durch den Henker ausgepeitscht und nach Spandau condemnirt.

1738 am 15. April ist Marie Elisabeth – Christoph Penselins, gewesenen Castellans zu Rheinsberg, Wittwe – hier angekommen und hat einen Sohn zur Welt gebracht. Vater soll sein Georg Ludwig Schreiber, Gärtnergesell in Rheinsberg.

1738 am 21. November wurde dem Andreas Fausten ein Söhnlein geboren. Das Kind hatte an seiner Nasenspitze ein Gewächs und von der Oberlippe war fast nichts zu sehen. Ingleichen hatte es an jedem kleinen Finger einen Zipfel. Nota bene. Der Mann hatte seine Frau mit dem Knecht beschuldigt, worauf diese gesaget: »wenn das wahr ist, so gebe Gott ein Zeichen an dem Kinde«. Drei Stunden nach der Geburt ist es verstorben.

1741 am 10. April hat Herr Johann Christian von Schlabrendorf, K. preuß. Lieutnant, in der an diesem Tage um ein Uhr nachmittags zwischen Brieg und dem Dorfe Mollwitz vorgefallenen scharfen Aktion durch einen Musketenschuß, so ihn durch den Kopf getroffen, das Ende seines Lebens gefunden, nachdem er sein Alter gebracht auf 29 Jahr 4 Monate.

1743 am 12. November hat sich Gustav Albrecht von Schlabrendorf, Erb- und Gerichtsherr auf Gröben und K. preuß. Hauptmann im Dragoner-Regiment des Herrn Generalmajors von Roëll zu Tilsit in Preußen vermählt und zwar mit Fräulein Christiane Amalie Ernestine von Roëll, Tochter obengenannten Generalmajors.

Auf den nächsten Blättern erfolgt nun die Registrierung der Kinder, die dem Hauptmann Gustav Albrecht von Schlabrendorf aus dieser seiner Ehe geboren wurden. Alle diese Geburten und Taufen fanden in Tilsit und Insterburg statt, wo das Roëllsche Dragonerregiment in Garnison lag, aber das Gröbener Kirchenbuch ermangelte nicht auch seinerseits darüber zu berichten und sogar die jedesmaligen Paten aufzuführen: den König, Prinz Heinrich, Prinz Ferdinand, Prinz Ferdinand von Braunschweig usw. Aus eben diesen Aufzeichnungen erfahren wir auch von dem jeweiligen Avancement Gustav Albrechts von Schlabrendorf. Im Beginn des Siebenjährigen Krieges war er Oberstleutnant, ritt mit in der berühmten Attacke bei Zorndorf und empfing überhaupt dreiundzwanzig Wunden. Er starb später als General in Breslau. Bei Gelegenheit seines Todes komme ich auf ihn zurück.[320]

1751 am 31. März ist Eva Pipers uneheliches Kind getauft worden. Der Vater ist Martin Meene, ein lausiger junger Flegel.

1752 am 25. Julius ist die Christiane Mirtzen, ein Schandsack, mit Zwillingen niedergekommen. Der Vater ist der Schäferknecht Michel Pohlmann, ein Erz-Ehebrecher. Gleich zu gleich gesellt sich gern.

1754. In diesem Jahre, d.h. in der Zeit vom 23. Sonntage nach Trinitatis 1753 bis Ostern 1754, hat die Viehseuche hier so gewüthet, daß alles Vieh, jung und alt, hingefallen und keiner was behalten, ausgenommen der Prediger drei Stück und der Küster fünf Kühe. In der ganzen Zeit ist dieser Ort eingesperrt worden.

1755. In diesem Jahre hat allhier, wegen des überhand genommenen großen Wassers, kein Heu können gemäht werden, und sind aus eben dieser Ursache auch beide Ernten gar schlecht ausgefallen.

1755 am 21. Juni war ein entsetzliches Unwetter mit Feuerschaden, und nur das große Wohnhaus des adligen Hofes ist gerettet worden.

1757 am 29. Dezember ist der Weinmeisterknecht Martin Hintze mit der Dorothea Harnack getraut worden. Erzbube mit Erzdirne.

1760 am 11., 12. und 13. Oktober ist Gröben von einigen herumschweifenden Östreichern, nebst etlichen von der Reichsarmee, heimgesuchet worden. Bei welcher Gelegenheit dieser Ort nicht allein an 700 Thlr. Brandschatzung hat geben müssen, sondern sind auch noch die Einwohner geplündert und ihnen ihre Pferde weggenommen worden. Desgleichen ist auch die Kirche und das Pfarrhaus nicht verschont geblieben. In ersterer ist der Kirchkasten aufgebrochen und das darin von etwa vier Jahren her befindliche Klingebeutelgeld geraubt wurden. In dem Pfarrhause haben sie jegliches unten und oben umgewühlt, wodurch dem Prediger über 250 Thlr. Schaden verursacht worden. Gott behüt' uns vor fernerem Einfall und Räuberhaufen.

An anderer Stelle: »Diese grausamen Menschen haben mir und den andern Einwohnern dieses Ortes nichts als das Hemd auf dem Leibe gelassen und haben auch aus dem Gotteskasten das vorhandene Kirchgeld mit weg geraubt. O tempora, o mores.«

1761 am 7. Oktober hat sich der Kossäte Christian Krüger zwischen 3 und 4 Uhr morgens, aus eingewurzelter Melancholie und Gemütsschwachheit, in seinem Garten an einem Birnbaum[321] mit einem Strick erwürget. Er ist in der Stille, aber auf eine ehrliche Art begraben worden. Gott bewahre jeden vor solchem desperaten Weg aus der Zeit in die Ewigkeit.

1762 vom 7. bis 10. Mai hat es so stark gefroren, daß alle Weinberge hier herum erfroren sind.

1765 den 26. Oktober, in der Nacht gegen 12 Uhr, ist in Breslau der weiland hochwohlgeborene Herr Gustav Albrecht von Schlabrendorf, Sr. K. M. in Preußen wohlbestallter Generalmajor von der Cavallerie und Chef eines Regiments Cürassier, Erb- und Gerichtsherr zu Gröben, Jütchendorf und Waßmannsdorf, nachdem er dem hohen K. Hause 41 Jahr und 11 Monate rühmlichst gedient und sein Alter auf 61 Jahre 10 Monate und 4 Tage gebracht hat, selig in dem Herrn entschlafen, und darauf den 10. Dezember c. a. von Breslau nach Gröben gebracht und in dem hochadligen Erbbegräbniß hierselbst beigesetzt worden. Der Verlust dieses würdigen Mannes und wahren Menschenfreundes wird von dem ganzen löblichen Regiment und von allen Denen, welche den Wohlseligen und dessen rühmliche Eigenschaften und hohen Charakter gekannt haben, aufrichtig bedauert.

Mit dem Tode Gustav Albrechts von Schlabrendorf, der, wiewohlen er erst in Preußen und dann in Schlesien in Garnison stand, auch aus der Ferne her ein gut Regiment geführt zu haben scheint, geriet alles in einen raschen Verfall. Das der Nebenlinie gehörige Siethen ging darin freilich voran, aber auch Gröben folgte bald. Auf den nächsten Blättern des Kirchenbuchs werden wir ausgiebig darüber unterrichtet und zwar durch Aufzeichnungen des Pastors Redde, der 1769 ins Amt kam und sich's angelegen sein ließ, seine verurteilenden Sentenzen ohne Menschenfurcht in seine Toten-, Tauf- und Trauregister einzutragen. Nur für die Nicht-Schlabrendorfs hat er noch gelegentliche Worte der Huldigung, so daß Anerkennung und Verurteilung in seinen Aufzeichnungen wechseln.


Aufzeichnungen des Pastors Redde

1771 am 3. Januar ist hier zu Gröben der Hochwohlgeborene Herr Charles Guichard, genannt Quintus Icilius, im Kriege gewesener Chef eines Freibataillons Sr. K. Majestät in Preußen, jetzo K. Obristleutenant bei seiner Suite, mit dem Hochwohlgeborenen Fräulein Henriette Helene Albertine von Schlabrendorf,[322] des weiland Herrn Gustav Albrecht von Schlabrendorf, königlichen Generalmajors nachgelassener Tochter getraut worden. Alter 43 und 24.

1774. Elisabeth Habedank starb an Würmern.

1774 am 17. November ist ein sechs Monate altes Kind außer der Ehe todtgeboren und danach obduciret worden. Ich bewahre das Herz desselben in Spiritus und überlaß es meinem Nachfolger, daraus die Resultate zu seiner Pflicht zu ziehen.

1775 am 13. Mai starb in Potsdam der Hochwohlgeborne Herr Charles Guichard, genannt Quintus Icilius, Sr. Königl. Majestät Wohlbestallter Oberster von der Infanterie und Adjutant bei Dero Suite, nach einem zweitägigen Krankenlager an einer Kolik und Inflamation, nachdem er mit seiner Gemahlin, der Hochwohlgeborenen Frau Henriette Helene Albertine geb. von Schlabrendorf, aus dem Hause Gröben, beinah 4 1/2 Jahr in der Ehe gelebt und mit derselben eine Tochter und einen Sohn, mit Namen Friedrich Quintus Icilius gezeuget.

Er war ein Herr, der in diesem Jahrhundert seines Gleichen nicht gehabt, noch haben wird, und ein jeder, der seine Geburt, Wissenschaften und Ehren bedenket, muß sagen: Er hat große Dinge an ihm getan, der da mächtig ist, und Deß Name heilig ist. Seine Eltern waren bürgerlichen Standes zu Magdeburg, woselbst sein Vater das Amt eines Syndicus bei der französischen Colonie bekleidete. In seiner Jugend widmete er sich der Gelehrsamkeit und studirte zu Halle Theologie, danach auch auf einigen holländischen Universitäten und predigte mehrere Male zu Marburg und Heilbronn. Zu gleicher Zeit erwarb er sich Kenntniß in den Antiquitäten und nützte diese zur Explication des Kriegswesens der Alten, sonderlich der Griechen und Römer. Wie viel er darin vermocht, bezeugen unter anderm seine Schriften über die Taktik der Alten und sein Commentar über den Julius Cäsar. Eine natürliche Folge seines Geschmacks am Militair und seiner Kenntniß desselben war es, daß er sich diesem Stande widmete. Zuerst trat er in holländische Dienste. Bei Beginn des letzten Krieges aber ward er von Sr. Majestät in Preußen, so seine Bücher über Taktik gelesen, ins Lager und zur Armee berufen. Hier war er, soweit es der Krieg gestattete, beständig um und an der Seite des Königs, der an ihm einen Mann zu seinem Umgang und Vergnügen fand, einen Mann, den er als Soldaten und Philosophen und zugleich auch in politicis jederzeit gebrauchen konnte. Kurz, er war der Favorit unseres großen Monarchen,[323] und kein Tag verging, an dem er nicht um ihn gewesen wäre. So weit man Friedrichs Namen kannte, so weit kannte man auch den des Quintus Icilius, mit welchem Namen ihn der König selbst beehrt hatte.47

Wer Alexander ehrte, der sah auch freundlich auf Hephästion, und als Quintus Icilius seinen Commentar zum Julius Caesar an Kaiser Joseph überreicht hatte, ward ihm ein Gegengeschenk: ein rothes Etui mit zweiundzwanzig goldnen Medaillen, auf deren jeder das Bildniß eines Mitgliedes der kaiserlichen Familie befindlich war. Alles in einem Gesamtwert von mehr als 1000 Thaler.

Sein Körper ward auf Befehl des Königs, der den Sitz der Krankheit und die Todesursache erfahren wollte, geöffnet und danach erst hierher nach Gröben gebracht, allwo der Sarg unter dem Kirchenstuhle, daran die Predigersfrau ihren Sitz hat, beigesetzt wurde.

Charles Guichard war am 27. September 1724 geboren und achtzehn Jahre lang in Königs Diensten gewesen. Sein Alter hat er folglich gebracht auf fünfzig und ein halbes Jahr. Sein moralischer Charakter war gutthätig und freundlich gegen seine Nächsten, ohne Hochmuth und Geiz, übrigens aber von deistischem Glauben.[324]

1778 am 14. April starb zu Berlin Joachim Ernst von Schlabrendorf auf Siethen Lehns- und Gerichtsherr. Nachdem derselbe sein Gut über den doppelten Werth hinaus verschuldet und selbiges endlich seinen Creditoribus zur Administration und Sequestration überlassen, auch seine Mobilien an die Meistbietenden öffentlich verkauft hatte, hatte sich derselbe vor etwa anderthalb Jahren mit Frau und Tochter nach Berlin begeben. Und eben daselbst ist er denn auch, der sich von jeher bis an sein Ende mit nichts als Intriguen und Listen zu seinem großen Schaden beschäftigt hatte, 63 Jahre alt an der Lungenentzündung gestorben. Er war auf dem ehemalig Schlabrendorfschen Gute Blankensee geboren, klein von Statur und hageren Leibes, und hat in seiner Jugend einige Zeit auf Schulen und Universitäten zugebracht. Alles was er von daher profitiret, wandte er an, um anderen Übles zu tun, aber freilich immer zu seinem eigenen Verderben. Vor den Augen und insonderheit vor Leuten, die seine Schliche noch nicht kannten, erschien er als ein Biedermann in Worten und Mienen, und war kein christlicher und ehrlicher und treuherzigerer Mann als er in der ganzen Welt zu finden. Er zeigte sich dann immer ohne Stolz des Adels, dienstfertig gegen alle Menschen, frei, munter und offenherzig, und insonderheit milde gegen alle Bedürftigen. Aber dies alles nur um zu blenden und Vertrauensselige zu finden, deren Vertrauen ihm dann eine gute Gelegenheit bot, das Vermögen von Kirchen, von Wittwen und armen Leuten an sich zu reißen. Alle diejenigen jedoch, die sich nicht blenden und zu seinem Dienste nicht wollten gebrauchen lassen, die wußt' er mit allen Mitteln zu verfolgen und ihnen zu schaden überall. Und so konnt' es denn freilich nicht ausbleiben, daß ihm der Haß aller rechtschaffenen Leute zutheil wurde, wozu sich alsbald der Niedergang in seiner Wirthschaft und Haushaltung und zuletzt der vollkommenste Bankrutt gesellte, so daß er Siethen unter den kümmerlichsten Umständen aufgeben mußte. Zurück läßt er eine seit Jahren kranke Frau, sammt einer Tochter, so ihrem Vater ähnlich ist. Vor einigen Jahren zeugete er mit einigen Mägden in seinem Hause noch einige Kinder, und ergab sich endlich dem Trunke zur Stärkung und Erfrischung seines Leibes und Gemüths-Charakters.48[325]

1779 am 23. Januar starb in Siethen, wohin sie zurückgekehrt war, Frau Sophie Margaretha, verwittwete von Schlabrendorf, des Vorgenannten Ehefrau, 56 Jahre alt, an einer vieljährigen Schwindsucht und in der armseligsten Verfassung. Sie war eine Tochter des Herrn Christian Julius von Bülow aus dem Hause Lüchfeld in der Grafschaft Ruppin.

Nachschrift. Einige Jahre nach ihr starb auch, und zwar ebenfalls zu Siethen, der letzteren Bruder, Karl Christoph Friedrich von Bülow aus dem Hause Lüchfeld. Er war in früheren Jahren, als bei seinem Schwager und seiner Schwester noch Wohlleben war, ein Nimrod, ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn gewesen. Und es beweiset solches noch der Siethensche Thurmknopf, den er mit der Kugelbüchse vielmals durchschossen hat und an dem die Löcher noch sichtbar sind. Er war geboren den 23. Nov. 1711, besaß einen dauerhaften Körper, wurde vor einigen Jahren blind, und wohnte zuletzt arm und elend in einem Tagelöhnerhause. Starb an Entkräftung.

1783 am 1. Mai starb zu Potsdam die Hochwohlgeborene Frau und Wittwe Henriette Helene Albertine von Schlabrendorf aus dem Hause Gröben, verwittwete Quintus Icilius an einem[326] Friesel und zwölftägigem Lager, und ward am 3. selbigen Monats in der Gruft ihres seligen Gemahls, unter dem Kirchenstuhl der Predigersfrau früh um 4 Uhr beigesetzt. Aetate 36 Jahr.

1784 am 21. Januar starb in Siethen die Wittwe Maria Katharina Schumann geb. Ebel aus Blankensee, geboren den 10. Januar 1681. Brachte dergestalt ihr Leben auf 103 Jahr.

1785 am 11. Dezember starb die verwittwete Maria Elisabeth Siegel. Sie war vordem das Sünden-Instrument des verstorbenen von Schlabrendorf zu Siethen, der im Alter noch Christum verwarf. Starb elend.

1786 ist wieder der Gröbner See mit seinem Eis nicht sicher gewesen; aber der Siethner ist über und über unsicher, weil er voll warmer Quellen ist. Seit meinem neunzehnjährigen Hiersein sind nunmehr zehn Personen im Wasser verunglückt.

1786 am 28. April wurde des Hirten Frau zu Siethen, Maria Dorothea Ebel, glücklich entbunden. Die Mutter der Frau rief aber: »Was hast du für ein Kind zur Welt gebracht!« Auf welchen Zuruf die junge Mutter sofort vom Schlage gerührt wurde. Das Kind selbst war gesund und wohlgebildet.

46

Johannes Thile I. kam 1604 ins Amt und stand demselben bis zu seinem 1639 erfolgten Tode vor. Ihm folgte sein Sohn Johannes Thile II., von dem aber alle Kirchenbuchaufzeichnungen fehlen, da die Führung seines Amts in das letzte Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges und die daran anschließende Not- und Trauerzeit fällt, in der alles wüst lag und an Ordnung und Buchführung nicht zu denken war. Johannes Thile II. starb 1669, und von der Hand eines seiner Nachfolger findet sich auf der entsprechenden Kirchenbuchseite die Notiz, »daß ein Sohn dieses jüngeren Johannes Thile (also des 1669 verstorbenen Johannes Thile II.) den Kriegs- und Soldatenstand erwählet, von der Pike auf gedient und 1722 als Oberst ein Infanterieregiment befehligt habe. In dieser seiner Eigenschaft sei derselbe durch Se. K. Majestät in Preußen, Friedrich Wilhelm I. in den adligen Stand erhoben und dieselbe ›Dignität‹ alsbald auch seinem Herrn Bruder, dem Geheimrat Thile verliehen worden.« – Es sind das Angaben, die mit denen in Zedlitz' Adelslexikon im wesentlichen übereinstimmen, und an die nur noch die weitere Mitteilung zu knüpfen bleibt, daß die beiden gegenwärtig in unserer Armee stehenden Generale von Thile dieser dem Gröbener Pfarrhaus entstammten Familie zugehören.

47

An Königs Tafel im Lager zu Landshut, Mai 1759, wurde hin und her gestritten, welchen Namen einer der Centurios in der zehnten Legion geführt habe. Der König behauptete Quintus Caecilius, Guichard aber versicherte: Quintus Icilius, und da sich letzteres als das Richtige herausstellte, so sagte der König: »Gut. Aber Er soll nun auch zeitlebens Quintus Icilius heißen.« Und so geschah es. Auch bei späteren Gelegenheiten erwies sich der König stets als sehr gnädig gegen Guichard und ließ sich Dinge von ihm sagen, die kein anderer wagen durfte. Nur ein Beispiel. Nach Plünderung des dem Grafen Brühl zugehörigen Schlosses Pförten in der Lausitz, die durch Guichard, auf ausdrücklichen Befehl des Königs, ausgeführt worden war, fragte dieser über Tisch: »Und wie viel hat Er denn eigentlich mitgenommen?« »Das müssen Ew. Majestät am besten wissen, denn wir haben ja geteilt.« Ein andermal kam es freilich zu wenigstens momentaner Ungnade. Das wer 1770. Als Guichard in eben diesem Jahr die Zustimmung zu seiner Verheiratung mit Fräulein von Schlabrendorf auf Gröben nachsuchte, verweigerte der König den Konsens und zwar: »weil er von zu schlechter Herkunft sei; sein Großvater sei bloß Töpfer gewesen.« Auch diesen Hieb suchte Guichard zu parieren und erwiderte: »Seine Majestät seien auch Töpfer. Die ganze Differenz besteht darin, daß sein Großvater Fayence gebrannt habe, während der König Porzellan brenne.« Letzterer blieb aber bei seinem ungnädigen Widerspruch und Guichard nahm den Abschied. Indes nicht auf lange. Kein Jahr, so ließ ihn der König wieder rufen und war gnädiger als zuvor.

48

Es ist die Frage gestellt worden, »ob solche Kritik in einem Kirchenbuche zulässig sei«, was ich auf das Bestimmteste bejahen möchte. So gewiß es einem Geistlichen zusteht, von der Kanzel her, oder selbst vom Grabe, die besondere Verruchtheit eines Ehrlosen zu brandmarken, der – wie vielleicht erst die Stunde seines Todes aufdeckte – Witwen und Waisen um das Ihrige betrog, so gewiß muß es ihm auch zustehen, im Kirchenbuche Dinge niederzuschreiben, die solcher öffentlichen Anklage gleichkommen. Ich bin sogar der Ansicht, daß dies häufiger geschehen und ein derartiges Vorgehen unter die ständigen Kirchenzuchtsmittel aufgenommen werden sollte. Denn es gibt in der Tat Naturen, die vor solchem auf Jahrhunderte hin unerbittlich überliefertem Wort mehr Respekt haben, ja mehr in Furcht sind, als vor einem lebzeitigen Skandal. Ein Amtsmißbrauch ist aber um so weniger zu befürchten, als ein Appell von seiten der in gewissem Sinne mitbetroffenen Verwandtschaft an die vorgesetzte kirchliche Behörde ja jederzeit offen stehn und selbstverständlich, im Falle sich ein Übergriff herausstellen sollte, zur Entfernung des Geistlichen aus seinem Amt eventuell auch zu weiterer Bestrafung führen würde. – Was übrigens speziell unseren Pastor Redde betrifft, so muß ihm dieser »letzte Schlabrendorf auf Siethen« ein ganz besondrer Dorn im Auge gewesen sein, da wir in anderweiten, einige Jahre später gemachten Kirchenbuchaufzeichnungen eben diesen Redde nicht nur als einen durchaus unzelotischen, sondern sogar als einen höchst komplaisanten und beinah höfischen alten Herrn kennenlernen. Es bezieht sich dies namentlich auf ein französisch abgefaßtes und an eine damals etwa sieben Jahre alte Komtesse Brandenburg (Tochter Friedrich Wilhelms II.) gerichtetes Sinngedicht, das nach Überschrift und Inhalt folgendermaßen lautet: A l'anniversaire de la naissance de Mlle. Julie, Comtesse de Brandebourg, célébré le 4 Janvier à Siethen par le curé Redde. »Vos fleurs de la jeunesse – S'augementent dès ce jour – Les fruits de la sagesse – En viennent à leur tour. – O gardez tout bouton afin qu'il bien fleurisse, – Afin que toute fleur en fruit pour vous mêurisse.«

Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 12, München 1959–1975, S. 316-327.
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