Siebentes Kapitel

O Joseph!

[236] Das war ein gewaltiger Sprung vom kleinen Joseph zum großen Friedrich! Ich tue ihn retour und bin nun wieder bei dem Knaben und seiner Mutter.

Er wurde ihre Welt. Von seinem ersten Lebenstage an, darf man wohl sagen, war er des Vaters Widerspiel: klein, dürftig, schwarz und traurigen Auges. Aber sie liebte ihn wie ihren David, ja, wenn Liebe sich wägen ließe, mehr als ihren David: denn David brauchte ihre Liebe nicht, und Joseph lebte von dieser Liebe. Tag und Nacht kam er nicht von ihrer Seite; seine kleine Wiege wurde ihr nachgetragen, wenn sie auf der Terrasse hinter ihrem Hause saß; die warme Sonne tat ihnen beiden so wohl. Sie sang auch mehr als sonst, seitdem sie ihn besaß, denn der Kleine wurde immer still und freundlich, sobald sie sang. Überhaupt waren es nur zwei Triebe, welche sich gleich früh und gleich stark in dem Knaben hervortaten: die Liebe zur Mutter und die Liebe zur Musik. Seine kleinen Händchen reichten noch nicht an die Tasten, als er schon auf eine Fußbank kletterte und die Melodien, die er von seiner Mutter[236] hörte, nachzuspielen suchte. Im regelmäßigen Lernen dahingegen zeigte er sich späterhin schwach, Lesen- und Schreibenlernen fiel ihm schwer, Rechnen war und blieb ihm ein Greuel, eine verschlossene Welt seines Vaters Zahlenwelt. Die Lehrer konnten wenig Hoffnung auf ihn bauen und bedauerten den tüchtigen Vater um dieses einzigen, schwächlichen Kindes willen.

Und dieser Vater? Ich habe eine Bemerkung gemacht, lieber Leser; wahrscheinlich keine neue, da sie aber die einzige Bemerkung in meiner ganzen Geschichte ist, will ich sie dir nicht vorenthalten. Ich habe nämlich gefunden, daß die Vaterliebe, wie stark auch immer der Trieb, nicht jederzeit fertig ist wie die Liebe der Mutter, daß sie oft sich erst an einem Spätlingskinde, ja an einem Enkel in voller Macht erweist. Und so vermute ich denn auch, daß der neunzehnjährige David etwas zu jung war für das Vatergefühl und etwas zu unerfahren für die Kindererziehung. Er sah den Knaben wenig, aber wenn er ihn sah, schüttelte er den Kopf. Schüchtern oder trotzig, verschlossen, niemals fröhlich mit andern Kindern spielend, klimperte der Junge auf dem Klavier oder hockte, nachdem er einmal die Mühe des Lesenlernens überwunden hatte, in einem Winkel und las, aber nicht in seinen Schulbüchern oder anderen erbaulichen und nützlichen Schriften, sondern bunt durcheinander allerlei phantastische Kost, wie der Zufall sie ihm in die Hände würfelte.

Was sollte aus dem Knaben werden? Die Frage wurde immer bedenklicher, je näher die Entscheidung über einen Beruf heranrückte. Es gab im Grunde nur einen einzigen für ihn, das fühlte auch die Mutter: der alleinige Sohn und Erbe mußte das immer mehr emporblühende Geschäft[237] des Vaters handhaben lernen, um es eines Tages fortführen zu können. Freilich eignete er sich gar wenig dafür. Indessen wofür denn mehr? Studieren? Gelehrter, Prediger, Advokat, Arzt werden? Aber Joseph wollte ja nicht lernen, wann und was er sollte. Wozu hatte er denn Lust? Zur Musik allerdings. Aber Musikant? Der Sohn des reichen, angesehenen David Haller Stadtpfeifer oder Organist? Nein, der Gedanke konnte selbst seiner zärtlichen Mutter nicht beikommen; auch ihrem Sinne nach stand es fest: des Sohnes Beruf sei, den Bau des Vaters fortzuführen, bei dessen sicherem Fundament die spätere Arbeit ja auch schwächeren Händen gelingen werde. Sie sann und sann und wußte endlich ihren Mann für den ersonnenen Ausweg zu gewinnen, wie sie denn in allen Stücken einen entscheidenden Einfluß auf ihn übte, sooft sie einen solchen begehrte. David fand ihre Ansichten immer so vernünftig und gütig, so unwiderleglich, daß er die seinigen jederzeit zurückzog, noch ehe er sie ausgesprochen hatte. In betreff von Josephs Erziehung aber sah er sich selber so ratlos, daß Sophiens Einsicht immer seine einzige Zuflucht blieb.

Wohl fühlte er sein Blut zuzeiten kochen, wohl nahm er hin und wieder einen Anlauf, mit handgreiflicher Strenge gegen Trägheit und Eigensinn zu Felde zu ziehn. Aber der verschmitzte Junge war selten aus seinem Asyl in der Mutter Nähe hervorzulocken, und wenn diese dann dem erzürnten Vater mit aufgehobenen Händen entgegentrat und flehete: »Aber, mein David!« da war der Angriff mit diesem einzigen Worte zurückgeschlagen.

Es wurde demnach beschlossen, Joseph in Leipzig die Handlung erlernen zu lassen; nach zwei Seiten hin ein angezeigter Ausweg, da nach der einen das Hallersche Geschäft[238] sich je mehr und mehr aus einem gewerblichen in ein kaufmännisches umwandelte; nach der anderen die große Stadt zu mannigfaltiger, des Knaben Neigung entsprechender Ausbildung Gelegenheit bot. Ein namhaftes Handelshaus sollte ihn in die Lehre, der Oheim an der Thomasschule in Kost und Obhut nehmen.

Ein halber Tod war für Sophie das Scheiden des geliebten Kindes, des unzertrennlichen Gefährten ihrer stillen Tage. Auch nahmen ihre Kräfte von der Zeit an sichtlich ab, und nur des Montags, wo regelmäßig Josephs Briefe eintrafen, flackerten sie flüchtig wieder auf. Briefe? Nein, Tagebücher sollen es gewesen sein und wirklich recht interessante Schriftstücke, nicht bloß für seine Mutter. Schade, daß sie nicht auf den Enkel gekommen sind!

Ein ganz absonderliches Verhältnis würde aus diesem Briefwechsel herauszulesen gewesen sein, das heißt ein absonderliches für meiner Vorfahren Zeit und Stand. In keinem Verhältnis wurden ja einstmals weniger Worte gemacht als in dem zwischen Eltern und Kind; durch Gehorsam bezeugte man sein Vertrauen, nicht durch Vertraulichkeit. Ob nun mit der ungebundenen Rede und Gegenrede die Geratenheit ab- oder zugenommen hat? Über diese wichtige Frage der Erziehungsstatistik ist mit meiner großelterlichen Korrespondenz ein bedeutendes Material verloren gegangen.

Der träge, träumerische Knabe soll eine Sprache geführt haben, eine Feder, wie selber seine Mutter sie ihm nimmer zugetraut haben würde. Wie wußte er die Eindrücke der großen Stadt zu schildern! Den Gelehrtenverkehr in des Oheims Hause, die Gewandhauskonzerte jeden Donnerstag, und vor allem das Theater, diese Feenwelt, das Theater![239] O, welches mütterliche Herz könnte es meinem urgroßmütterlichen verargen, daß es so eifrig dafür Sorge getragen hat, seinem Liebling diese Herrlichkeiten nicht verlöschen zu lassen! Mit anderen Worten: des Lieblings leere Börse immer von neuem zu füllen und in diesem einen, außereinzigen Stücke mitunter sogar gegen den Willen und hinter dem Rücken ihres David zu handeln?

Was nun Vater David anbelangt, so fragte er bei jedem Meßbesuch den Lehrherrn nach seinem Gutachten über den Sohn und erhielt jederzeit eine Antwort, welche ihm für den Augenblick grundwenig Klarheit gab, mit welcher er sich jedoch immer von neuem zufriedenstellte, nachdem er ihre Auslegung aus dem Munde seiner klugen Sophie vernommen hatte.

Dem Namen nach war Joseph also ein Handlungsdiener; in der Tat aber führte er das Leben eines Studenten. Ich meine nicht das eines Studierenden, sondern eigentlich das Gegenteil. Der Oheim war Pädagog, konnte sich daher um die Erziehung von Angehörigen nicht kümmern. Er hegte überdies bis zum letzten die Hoffnung, das Hallersche Elternpaar von der kaufmännischen Laufbahn ihres Sohnes abzulenken und diesen selbst für die eines Gelehrten zu gewinnen, die der Oheim als die einzige ehrenvolle des Bürgerstandes schätzte. Wahrscheinlich, aber diplomatisch nicht festzustellen ist es auch, daß es jener philologische Einfluß gewesen ist, der den Lehrherrn veranlaßte, dem Volontär Haller mehr als üblich durch die Finger zu sehen. Wie weit es derselbe daher in der Wissenschaft der doppelten Buchführung gebracht hat, möge zu bemessen dem Enkel erlassen bleiben.

Mit Genugtuung dahingegen darf versichert werden, daß Joseph während seines dreijährigen Leipziger Aufenthaltes[240] drei musikalische Instrumente mit angenehmer Fertigkeit spielen lernte, daß er die Bildungsstätte des Theaters selten unbesucht und wenig schöngeistige Nummern des Meßkatalogs unerforscht gelassen hat. Daß er das Zopfband löste und seinen Haarwuchs in teutonischer Freiheit auf die Schultern wallen ließ, daß er statt der Schnallenschuh Kniestiefeln und statt der Kniehosen lange Pantalons anlegte, auch noch für anderweitige Menschenrechte schwärmte, braucht vielleicht nicht erst, soll aber doch gebührentlich in Erwähnung gebracht werden.

Er war in diesen drei Jahren nur dreimal zu Hause gewesen und hatte seine geliebte Mutter jederzeit so freudig belebt, ihre bleichen Wangen so jugendlich gerötet gefunden, daß er die Fortschritte ihrer zehrenden Krankheit nicht bemerkte. Auch ihr Gatte täuschte sich über dieselben, da er Sophie nur in den erregenden Abendstunden sah und nie eine Klage aus ihrem Munde hörte.

Es waren die ersten Tage des März, die so heimtückisch den Frühling heucheln und für Kranke doch zerstörender als selbst der Winter sind. Da geschah es eines Morgens, daß David, seelenruhig vor seinem Pulte schreibend, in dringender Eile hinauf zu seiner Gattin gerufen ward. Er war betroffen; in einer neunzehnjährigen Ehe kam es zum ersten Male vor, daß Sophie die regelmäßige Tagesordnung durch ein Verlangen unterbrach.

Er fand sie freundlich ernst wie immer, aber bleich und sichtlich matt auf ihrem Ruhebett liegend. Sie winkte ihn dicht an ihre Seite, faßte seine Hand und sprach mit leiser Stimme:

»Ich fühle es rasch mit mir zu Ende gehen, mein David, darum – –«[241]

Er war wie vom Blitz getroffen; in tödlicher Angst trieb er das Mädchen nach dem Arzt, wollte selbst fortstürzen, um Hülfe zu suchen.

»Laß das, Lieber,« sagte Sophie, ihn bei der Hand zurückhaltend, »er hilft mir nicht mehr. Bleibe bei mir, David.«

Er setzte sich auf die Bettkante. Die Brust war ihm zugeschnürt. »David,« fuhr sie nach einer kleinen Stille fort und errötete dabei zum letzten Male im Leben: »David, du hast mich nicht lieben können, aber du bist sehr, sehr gütig gegen mich gewesen. Gott segne dich dafür.«

»Ich dich nicht lieben können, Sophie?« schrie David verzweiflungsvoll auf. »Dich nicht lieben, Sophie? Welche Frau verdiente höhere Liebe? Bist du nicht der Stolz meines Herzens und der Segen meines Hauses gewesen?«

Sie versuchte seine Hand zu drücken und sah zu ihm auf mit einem Blick, in welchem er schon die Verklärung zu erkennen glaubte, so viel Wehmut und so viel Seligkeit lag zugleich darin. Ihm wurde immer bänger, und der Arzt kam nicht.

»David,« begann Sophie von neuem, »mein Herz ist schwer um Joseph. O, wär es bei mir, das geliebte Kind! Aber nein, nein. Ich danke Gott dafür, daß er mich nicht sterben sehen muß. Ach, mein David, liebe ihn, wie ich ihn liebe. Habe Geduld mit ihm, David. Er ist nicht wie du; nicht stark und fest wie du. Schone ihn, liebe ihn auch um meinetwillen.«

»Du wirst leben, Sophie,« rief David, indem er zerknirscht an ihrem Bette niedersank, »für mich und Joseph leben.«

»Droben!« hauchte sie mit einem Blick gen Himmel.

Ein Vaterunserlang schwiegen er und sie. Beide hatten[242] ihre Hände gefaltet. Dann hob Sophie mit kaum hörbarer Stimme wieder an: »Versprich mir, David – –«

»Alles, Sophie, alles, was dir Frieden gibt,« sagte David, seine Hände ringend, unter bitterlichen Tränen.

Sie unterdrückte ein Schluchzen, sie rang in einem nicht bloß körperlichen Kampf; nach einer Pause aber sprach sie mit einem Rest von Kraft und voller Klarheit: »Du bist noch so jung, David, so lebenskräftig, du kannst nicht allein bleiben. Für dein Herz und Haus bedarfst du der Gefährtin. O, wie oft in diesen Jahren, da ich meinen Tod vorausgefühlt, wie oft hat meine Seele gesucht nach einer, der ich meinen Platz, der ich dich und Joseph gönnen möchte, die jünger und liebenswerter ist als ich, aber euch liebt, wie ich euch liebe. – Nur eine nicht, – David, – nur sie nicht, – David – –«

Ihre Stimme versagte. Man hörte die Tritte des Arztes auf dem Flur.

»Um Josephs willen – nur sie nicht, – nicht sie, – o Joseph!« keuchte Sophie. Ein roter Strom entquoll ihrem Munde. Der Arzt trat ein. Angstvoll starrte ihr Auge in das ihres Gatten wie um Trost in ihrer Todesqual. Kaum eine Minute – und die Qual war zu Ende.

Quelle:
Louise von François: Gesammelte Werke, Band 1–5, Band 5, Leipzig 1918, S. 236-243.
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