[Endlich ist die frohe Zeit und der Tag des Heils erschienen]

[51] Kampf und Sieg der Frau Agneta Philippina Rüdigern, geb. Sabbathin, des Herrn Christ. Heinr. Rüdigers, Bürgers und Papiermachers in Schweidniz, herzlich-geliebten Ehefrauen, welche den 22. Febr. des 1715. Jahres den Himmel mit der Erde, ihr Wochenbette aber mit der längst gewüntschten Baare verwechselte.


In selbst eignem Nahmen.


Pulchrum est in statione mori!


Endlich ist die frohe Zeit und der Tag des Heils erschienen,

Deßen Anbruch, Seeligste, dich von dieser Trauerbühnen

Auf den Schauplaz aller Freuden, in die rechte Friedensstadt

Durch den Engel deines Todes kräftiglich gerißen hat.

Ach, wie sehnte sich dein Ohr nach dem lezten Seigerschlage,

Wenn die Ohnmacht der Gedult und die Stärcke deiner Plage

Deine Brust zur Wahlstatt machten, wo Gefahr und Großmuth rang

Und die Tapferkeit der Sinnen in den Thränen fast ertranck.

War die Arbeit der Geburth nicht dem schweren Ziegelstreichen

Des bedrängten Israels in Egypten zu vergleichen?

Traf man nicht auf deinem Lager einen Weg nach Bethel an,

Wo der Rahel schwere Bürde ihrem Jacob weh gethan?

Auch der Unbarmherzigkeit gieng die Qual gehäufter Schmerzen

Einer Angstgebährerin wieder Willen selbst zu Herzen,

Weil die Kranckheit deiner Glieder, so die Nacht zu Hülfe nahm,

Von dem Aufruhr des Gewißens Nahrung und Entsaz bekam.

Denn die Bäche Belials öfneten den Schlund der Höllen,[55]

Die Verzweiflung grif dich an, Fleisch und Blut ward zum Rebellen,

Satan legte mit der Sünde seine Hand nicht in die Schoos,

Sondern gab durch tausend Pfeile seinen Zorn und Eifer blos.

Doch der Himmel, der bisher viel Gewalt von dir erlidten,

Lies sich endlich dein Gebeth zur Erbarmung überbitten;

Er vergaß, dich zu vergeßen, und erlöste seine Magd,

Welcher er zur Glaubensprobe anfangs Ohr und Hand versagt.

Also, tapfre Streiterin, hastu nun den Sieg befochten,

Der auch einer Jael kaum einen größern Kranz geflochten.

Du durchborst den Schlangenschedel eines höllschen Sissera

Mit dem Nagel aus dem Creuze von dem Hügel Golgatha.

Kampf und Laufen ist vollbracht, Ach und Weinen nimmt ein Ende;

Faße nun den Palmenzweig in die aufgebundnen Hände,

Reiß die Seegel von den Stangen, denn der Hafen ist nicht weit

Und dein Schif grüßt schon das Ufer der erwüntschten Ewigkeit.

Mesech giebt kein Bürgerrecht, und in Kedar wohnt nur Tücke,

Gosens Fleischtopf sättigt nicht, drum gedencke nie zurücke;

Wer nach Escols Trauben lechzet, der muß Sodoms Frucht verschmähn,

Und der Sand des rothen Meeres läst uns wenig Perlen sehn.

Jezt bringt dir ein Quintchen Last einen Lohn von hundert Pfunden,

Da der Tod, dein Josua, dich durch des Erlösers Wunden

Jenseit des erreichten Jordans in das Land der Freyheit führt,

Gegen dem auch Ophirs Insul den beschrienen Werth verliert.

Hier betreugt dich keine List, hier verlernt dein Fuß das Gleiten,

Hier wird die Veränderung nicht mit deinem Glücke streiten,

Weil du sie schon mit dem Monden unter deine Füße trittst,

Die hinfort kein scharfer Angel der verdeckten Boßheit rizt.[56]

Vormahls schwärzte Furcht und Angst dein verfinstertes Gesichte,

Jezt verträgt kein Adlersblick nur den Wiederschein vom Lichte,

Deßen Klarheit dich umgiebet; ja, die Sterne fürchten sich,

Von dem Glanze blind zu werden, denn die Sonne kleidet dich.

Wer den Saamen hier verspart, der mag dort die Früchte darben;

Geh nunmehr, befreyter Geist, geh und sammle deine Garben.

Damahls sätest du mit Thränen; feyre nun das Erndtefest

Da, wo dich des Lammes Hochzeit zu der Tafel bitten läst.

Aber was erblick ich doch hier vor eine trübe Wolcke?

Teuschet mich ein falscher Traum? Nein, die Menge von dem Volcke,

Das der Thon des hohlen Erzes überall zusammenruft,

Weist mir gleichsam mit dem Finger unsrer Heldin Todtengruft.

Das bewegliche Geschrey und die kläglichen Gebehrden

Derer, die durch dieses Leid in den Staub geleget werden,

Zeigen, daß gleichwie die Liebe hier die Trauer dreyerley

Und so Mann als Kind und Vater durch ein Schwerd verwundet sey.

O wie heftig regnet es um das leere Wochenbette!

Der verlaßne Wittwer weint mit den Waysen um die Wette,

Und es lehrt ein rothes Auge, daß der ehrenvolle Greiß

Bey der Baare seiner Tochter sich nicht zu begreifen weis.

Ihr Betrübten, haltet ein, mäßigt die gerechten Zähren:

Der, so euch die Wunden schlägt, wird euch auch das Oel gewähren.

Glaubt doch nur, der Menschen Dünckel stößt des Höchsten Schluß nicht um;

Gottes ungebundner Wille hat kein fragendes Warum.

Eure Freundin fordert nicht diesen Zins von eurer Liebe

Und verdient nicht, daß man sich über ihre Lust betrübe:

Sie vergnüget ihr Verlangen an den Schäzen jener Welt,

Wo sie mit den Auserwehlten ihren Kirchgang freudig hält.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 5, Leipzig 1935, S. 51-52,55-57.
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