[Und dennoch schmeckt die Frucht der Weißheit nach dem Brodte]

[90] Den entseelten Cörper des Weyland wohledlen, groszachtbahren und wohlgelahrten Herrn Johann August Hertels von Arensnest aus Sachsen, der heil. Schrift eifrigst befliszenen, begleitete den 27. May A. 1716. auf der Universität Wittenberg nach seiner Ruhestätte.


Des Seeligstverstorbenen gewesene sämtliche Tischcompagnie.


1.

Und dennoch schmeckt die Frucht der Weißheit nach dem Brodte,

Das dort der Himmel träufeln heist,

Obgleich der Unverstand des Pöbels Eicheln speist

Und den verdorbnen Mund viel lieber in dem Kothe

Der blinden Einfalt wäscht,

Als mit der Musenschaar aus güldnen Schalen trincket!

Ein Mensch, der seiner Freyheit wincket

Und den gelehrten Durst mit trockner Dinte löscht,

Erfährt die Wollust auf der Erden,

Die Plato schon des Himmels Vorschmack hies.

Sein Zimmer ist ein Paradies,

Wo ihm Papier und Buch zu Feigenblättern werden,

Mit welchen er, wenn ihn der Pfeil der Misgunst schröckt,

Die Blöße seiner Unschuld deckt.

Hier steigt er himmelan und kommt nicht von der Stelle,

Hier sizt er und durchgeht die Welt,

Die er vor einen Schauplaz hält,

Auf welchem tausend Trauerfälle

Den Vorhang auf- und niederziehn.

Er sieht der Römer Staat in einem Kupfer blühn

Und Troja auf der Charte brennen;[94]

Er lernt die schwere Kunst, sich selber zu erkennen,

Durchforscht den Abgrund der Natur,

Geräth den Griechen auf die Spur,

In der Gelehrsamkeit den Gipfel zu erreichen.

Das Glücke schläfert ihn nicht ein,

Nachdem er weis, daß die Philister der Delila beschwägert seyn,

Und sein gesezter Geist, das Sinnbild starcker Eichen,

Fällt nimmermehr, wenn Bliz und Donner kracht,

Dieweil ihn Stoa feste macht.

Ja kurz, sein angenehmer Fleiß nebst der Begierde, viel zu wißen,

Begienge warlich keinen Tausch mit des Pactolus reichen Flüßen.


2.

Jedoch was hat ein Mensch vor sein gelehrtes Wachen,

Wenn ihn der Tod zu Bette ruft?

Ist seine Feder nicht ein Schlüßel zu der Gruft,

Ihm öfters vor der Zeit den Kirchhof aufzumachen?

Kan wohl der klügste Kiel

Vor die Vergängligkeit ihm einen Freybrief schreiben?

Der Streusand, den wir täglich reiben,

Bedeutet unsern Leib, der als der Winde Spiel

Sich dermahleinst in Staub verkehret.

Verschanzet euch, ihr Klugen dieser Welt,

Mit Büchern, die man theuer hält,

Ihr werdet doch wie sie durch einen Wurm verzehret.

Den Lehrern sinckt und fällt die Biebel aus der Hand,

Dem Baldus schwindet der Verstand,

Der Arzt fühlt keinen Puls, der Redner stirbt am Munde;

Die Leyer wird dem Dichter stumm,

Der Circkel dem Euclides krumm,

So bald die [...] lezte Stunde

Den Lebensseiger leer gemacht

Und ihnen allerseits den Abschiedsgruß gebracht.

So viel gewinnen nun die Nächte,[95]

Die das Studiren frißt, daß man die strengen Rechte

Der Schickung nicht erweitern kan.

Wie froh, wie seelig lebt ein Mann,

Der nur, was die Natur ihn von sich selbst gelehret,

Und weiter nichts vergeßen darf!

Der Einfalt schwach- und blöde Sinnen sehn um das Ende doch so scharf

Als der, aus welchem man die Weißheit reden höret.

Den besten Kopf trift auch der Parzen Streich,

Die Baare macht uns alle gleich;

Genug gehört, genug gelernt, genug erfahren und gelesen,

Wenn man in seiner Sterbenskunst so als ein Christ geübt gewesen.


3.

Dir, Seeligster, wird selbst die Warheit zeugen,

Daß kein erschrocknes Herz in deiner Brust zersprang,

Als es der lezte Stoß bezwang;

Dein Heiland lehrte dich die Scheitel fröhlich neigen.

Dein Lebenslauf war so geführt,

Daß ihm vor keinem Tode graute,

Und weil dein Geist auf das Gewißen baute,

So war das lezte Wort gar leichtlich buchstabirt.

Zieh, werther Freund, mit Freuden auf die Schule,

Wo man die Wißenschaft nicht mehr ein Stückwerck nennt.

Dein Abschied hat uns kaum auf einen Schritt getrennt,

Denn unsrer Jahre Flucht gleicht einem Weberspule,

Der, eh man noch den Fuß von seinem Orte stößt,

Sich von dem Faden schon entblößt.


Dein Gedächtnüß bleibt bey uns unterdeßen stets im Seegen,

Und wir wollen deinen Ruhm

Als der Tugend Eigenthum

Nicht in Marmor, nicht in Erz, sondern in die Herzen prägen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 5, Leipzig 1935, S. 90-91,94-96.
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