Abschiedsschreiben an einen guten Freund

[196] Nun, Bruder, las mich auch in Fried und Freundschaft fort.

Mein Schlesien entdeckt vor mich noch keinen Ort.

So weit ich Ost und West darinnen durchgezogen,

So viel Mahl hab ich mich und meinen Wuntsch betrogen.

Es kan wohl leichtlich seyn, daß oftmahls eigne Schuld

(Denn wer begreift sich wohl in Noth und Ungeduld?)

Viel, wie die Misgunst spricht, zur Unruh beygetragen;

Jedoch den rechten Grund darf Kiel und Mund nicht sagen.

Was noch zu ändern ist und blos bey mir besteht,

Das wird, wo meine Zeit nicht vor der Zeit vergeht,

Von nun an ganz gewis der Feinde Spott beschämen;

Was am Verhängnüß liegt, dem lern ich mich bequemen.

Indeßen geh ich gleich auf meiner Reis allein,

So kan ich allzeit froh und niemahls müßig seyn;

Da werd ich bey mir selbst die wunderlichen Sachen

Von Creuzburg, Landeshutt und Brieg zu Nuze machen.

Bald wird ein weicher Trieb in meiner Brust entstehn

Und Thränen wahrer Treu dabey mit untergehn,

Wenn Phillis und der Tag, mein bester auf der Erden,

An dem sie mich erwehlt, mein Blut bewegen werden.

Doch da das Glücke zwingt, so stoß ich alles hin

Und tröste bald darauf den erst erschrocknen Sinn.

Ach lache doch mit mir mit jenem alten Bilde,

Das wie ein Kranichhals und Mausehund von Schilde

Den muntern Pegasus bisweilen scheu gemacht.

Voraus ergözt mich noch die halbberauschte Nacht,

In der du mich, mein Freund, aus Hirschberg weggezwungen,

Nachdem mein Abschiedslied schon um den Queis geklungen.

Der Dinge sind zu viel, denn Schmiedebergs Pallast

Und Mephiboseths Haus und was der Reim nicht fast,

Sind, wer die Streiche weis, die ich und du erfahren,

In einen Lachekram nicht ungeschickte Wahren.

Das sag ich Landeshutt zu Troz der Feinde Schmach

Vor unserm Schlesien in allen Städten nach,[197]

Daß meine Musen hier mehr Lieb und Schuz getrofen,

Als sie wohl nicht so bald in einem Lande hofen.

Wo Narren fähig sind, uns in Verdruß zu ziehn,

So ist's der einzige, den mir der Ort verliehn,

Daß, nehmt die Müzen ab, der Erbprinz von Drey Hasen,

Um mir Gewalt zu thun, die Büchse leer geblasen.

Wie mancher Topf mit Wein, wie mancher fetter Hecht

Flog an die Billigkeit und bis ans liebe Recht,

Den ungezwungnen Neid an meiner Faust zu rächen!

Je mehr man Igel wälzt, je mehr sie uns auch stechen;

Und dies empfand an mir der eingebildte Rath,

Der noch nicht ruhig wird, als bis ein Neßelblat

Vom deutschen Helicon und was von Stachelnüßen

Das ungewaschne Maul mit Schande füttern müßen.

Genug von dem, mein Freund. Die lezte gute Nacht,

An die mein Sehnsuchtstrieb schon lange Zeit gedacht,

Erlaubt mir hier nicht mehr, die Narren durchzustriegeln.

Ein Kuß und dieses Blat soll unsre Freundschaft siegeln,

Die Leipzig erstlich schloß, der Boberfluß verstärckt.

Dies, was du mir gar oft von Schwachheit angemerckt,

Das schicke durch die Luft bis an die kalten Gränzen,

Wo in der langen Nacht mehr Fisch als Sterne glänzen.

Geht es dir künftig wohl, so soll es mich erfreun

Und dein Verhängnüß mir ein gleich Verhängnüß seyn.

Die Zwietracht unter uns sey ganz und gar vergeßen;

Ein jeder mag sich selbst nach seiner Elle meßen.

Das sag ich frey heraus, der Himmel sey davor,

Verlör ich deine Treu, so wie ich die verlor,

Worauf ich mich fast mehr als auf mich selbst verlaßen,

Nichts brächte mich dazu, dich ganz und gar zu haßen.

Denn daß du meine Kunst in Beuchelts Huld gebracht,

Ist, was mich auf der Welt warhaftig froher macht,

Als wenn ein blöder Fürst mich aus dem Pöbel hübe

Und seine Gnade mir ein halbes Land verschriebe.

Ich schweige, daß durch dich auch Klugens Großmuth kam

Und meiner Dürftigkeit nicht wenig Last benahm,

So daß, wenn meine Pflicht ein Abendopfer brannte,[198]

Ich seinen edlen Geist bey solchen Flammen kannte.

Ich schweige, weil davon auf einen andern Tag

Des Himmels Widergelt mit Seegen regnen mag,

Und bitte dich nicht mehr als: Las mein Angedencken

Nicht mit der Ofenthür im lezten Winckel hencken.

Ich werd es auch nicht thun und um den Pleißenstrand,

Wo mich die Pegniz nicht aus Sachsen gar verbannt,

Vielleicht mit beßrer Ruh, ihr werdet's doch wohl fühlen,

Ein frommes Schäferlied von eurer Freundschaft spielen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 3, Leipzig 1934, S. 196-199.
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