An eine gute Freundin

[127] Jezt kan ich freylich nichts mehr thun

Als wüntschen und mit Großmuth schweigen,

Da Unglück, Feind und Neid nicht ruhn,

Mich aller Welt geschwärzt zu zeigen.

Vielleicht erscheint einmahl ein Tag,

An dem ich beßer weisen mag,

Wie hoch ich [Leonoren] schäze;

Sie dencke von mir, was sie will,

Ich halte dem Verhängnüß still

Und wüntsche, daß ihr Gott, was ich nicht kan, erseze.


Es machen Fehler junger Zeit

Mein redlich Herz gar oft verdächtig,

Als wär ich aus Geniesligkeit

Der blinden Regung niemahls mächtig;

Doch weil manch Kluger in der Welt

Aus Noth und Übereilung fällt

Und manchmahl große Leute fehlen,

So, hof ich, wird auch dein Verstand

Mich, der ich dir so frey bekand,

Nicht mit der scharfen Straf versagter Freundschaft quälen.


Las, was du giebst, verloren seyn,

Der Himmel kan es wiedergeben

Und, ob gleich tausend Lästrer schreyn,

Mich dennoch aus dem Staube heben;

Die Führung schickt's oft wunderlich.

Es ist nicht rathsam, daß ich mich

Auf Blat und Feder mehr erkläre,

Indem ich schon zuviel gesagt

Und ofenherzig hier geklagt;

Das macht, ich sag's allein der klugen . . . . . [Speere].
[128]

Von nun an hoft mein fester Schluß,

Durch einsam und gelehrtes Wachen

Da, wo mich niemand finden muß,

Mein zornig Glücke gut zu machen.

Daß eine Frau von Wiz und Geist

Mich in der Noth mit Huld gespeist,

Das wird die Redligkeit bedencken,

Und würdestu auch achtzig Jahr,

So soll dir doch der Musen Schaar

Mit Recht der Schönheit Ruhm vor allen Mägdgen schencken.


Die Ehrfurcht gegen deinen Werth

Soll unterdes verborgen glimmen,

Weil doch der Pöbel nicht erfährt,

Wie zärtlich kluge Seelen stimmen.

Du magst mich haßen, fliehn und schmähn,

Es wird mir freylich weh geschehn,

Doch soll mich nichts von dir verdrießen.

Zerreiß sogar auch dieses Blat,

Wofern es dich beleidigt hat;

Die Neigung gegen dich bleibt ewig unzerrißen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 3, Leipzig 1934, S. 127-129.
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