In das Stammbuch des Herrn Christian Jacobi

[200] Magnum hoc ego duco,

Quod placui tibi, qui turpi secernis honestum,

Non patre praeclaro, sed vita et pectore puro.

Horat. L.I. Satyr. 6.


Freund, der du mich so sehr als kaum dein Auge liebst,

Freund, sag ich, der du mich, ich weis, durch nichts betrübst

Als etwan durch die Furcht, du möchtest auf der Erden

Dem Leibe nach einmahl von mir gerißen werden,

Freund, sag ich, nimm auch hier ein schriftlich Denckmahl hin,

Nachdem ich ganz und gar bereits dein Eigen bin,

Und glaube, daß ich mich in reiner Gegenliebe

So wie dort Jonathan vor seinen David übe.

Das Bündnüß unter uns ist klug und mit Bedacht,

Nicht durch zerbrechlich Glas noch Bier und Wein gemacht;

Die angebohrne Treu, ein rein und deutsch Geblüte,

Die Lust zur Wißenschaft und dann ein gleich Gemüthe

Macht aus zwey Herzen eins und bindet uns so scharf,

Daß weder Zeit noch Neid das Band zerreißen darf;

Der Himmel knüpft es selbst von Jahr zu Jahren fester

Und wird uns, wenn einmahl der Feinde Spottgeläster

Mit Schaden ausgerast, nach viel Verdruß und Pein

Die Früchte der Gedult in süßer Ruh verleihn.

Betrachte deinen Zweck und richte die Gedancken

Nach dem, was droben ist; lauf in den Weißheitsschrancken

Mit feuriger Begier gelehrten Seelen nach,

Verachte die Gefahr, verlache Neid und Schmach

Und zeuch dich aus der Nacht, in der der Pöbel stecket,

Der niederträchtig schwermt und keine Wollust schmecket,

Die unter Schweiß und Creuz aus wahrer Tugend quillt

Und mehr als Cronengold und alle Würde gilt.

Bemüh dich überall, die Warheit zu ergründen,

Du wirst ihr holdes Bild in deiner Seele finden;

Verkläre den Verstand und läutre seine Kraft

Durch gründlichen Beweis, zwing jede Leidenschaft[201]

Zum Dienste der Vernunft; beschau des Höchsten Wercke,

Bewundre seine Macht und seiner Liebe Stärcke

In jeder Creatur; kein Stäubchen ist so klein,

Es wird dir eine Welt voll schöner Ordnung seyn.

Thu, was dir möglich ist, des Nechsten Heil zu mehren,

Im Wohlthun las dich nie des Undancks Grobheit stören,

Erkennt auch gar kein Mensch dein treu Gemüthe nicht,

Gnug, wenn in deiner Brust der stumme Zeuge spricht,

Du habest recht gethan; ein unbesorgt Gewißen

Giebt auch auf Holz und Streu das weichste Schwanenküßen.

Fällt Mangel und Verdruß von außen ofters ein,

So kanstu innerlich reich, froh und sicher seyn,

Wofern dein starcker Geist nichts anders wüntscht und liebet,

Als was die Vorsicht will und ihre Weißheit giebet.

Gedenck einmahl, mein Freund, an diesen treuen Rath,

Und siehstu dann und wann auf dieses schlechte Blat,

So mercke, modert auch mein Leib schon längst im Grabe,

Daß meine Redligkeit hier noch ihr Leben habe.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 3, Leipzig 1934, S. 200-202.
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