An Herrn – – –

[65] Vertraut- und werther Freund, ach, las dir was erzehlen,

Ich werde wiederum (o spotte nicht!) verliebt.

Die Sehnsucht fängt mich an mit stiller Angst zu quälen

Und macht's wie Seitenweh, das blinde Stiche giebt.

Vier Jahr entbehr ich schon die schöne Leonore,

Mein Herz verlies mit ihr die Übung süßer Gluth,

Das Unglück riß mich fort, und meinem Dichterrohre

Vergieng der geile Klang wie mir der holde Muth.

Ich sang und spielte zwar, doch nichts als Klagelieder,

Dort um das Elb-Athen, hier um den Pleißenstrand.

Nun, dacht ich, kommt dir doch die liebe Zeit nicht wieder,

Die Schweidniz dazumahl in deinem Lager fand,

Nun, dacht ich, wirstu alt und früh erkennen müßen,

Daß Zärtligkeit und Lust ein flüchtig Spielwerck seyn;

Die Thränen haben dir das beste Marck entrißen,

Von was gedenckstu mehr, dem Amor Zinß zu weihn?

Gott Lob, ich dachte falsch, die Wollust kehrt zurücke,

Ich werd und weis nicht wie den Adlern gleich verjüngt;

Der Kummer hindert nicht das Lächeln heißer Blicke,

Wozu mich jezt ein Stern geneigter Vorsicht zwingt.

Die Schwalbe bringt den Lenz, die Störche warme Tage

Und Amor mir vielleicht die gute Botschaft bey,

Daß dieses Osterfest der Gränzstein meiner Plage

Und Glück und Wohl mit ihm in naher Ankunft sey.

Es wär auch einmahl Zeit und, dächt ich, gnung gelidten,

Seit dem ich ohne Trost auf hohen Schulen bin:

Mein Scheitel graut vor Noth, viel Hofnung ist beschnidten

Und mancher schöner Tag ohn eine Lust dahin.

Doch acht ich alles nichts; ein Augenblick im Lieben

Bezahlt uns, wer es weis, zehn Jahre theurer Zeit.

Jezt kan ich mich davor mit größerm Nuzen üben;

Auf Wermuth kriegt der Most viel schärfre Liebligkeit.

Der Vorschmack fliest mir schon auf Lippen, Zung und Seele,

Und ob die Noth gleich noch ihr Abschiedswetter schickt,[66]

So find ich doch, wie dort Aeneas, eine Höhle,

In der mich Dido schüzt und sichre Lust erquickt.

Du siehst es mir wohl an, ich bin ganz ausgelaßen,

Scherz, Lachen, Spiel und Vers sind blos mein Zeitvertreib,

Die Zirckel haben Ruh, die Bücher müßen paßen,

Und was mein Umgang wüntscht, sind Jungfern, Magd und Weib.

Der Wohlstand kömmt mich an, jezt will ich zärtlich heißen;

Das abgeschabte Kleid wird mühsam ausgekehrt,

Es müßen Schnallen, Schuh von Kreid und Kohlen gleißen,

Die gröbste Krause wird gestickter Arbeit werth.

Mein Aufzug war bisher ein halb soldatisch Wesen,

Und wie der freye Pursch in Jena schwermt und geht,

So hatt ihn sich mein Leib zum Muster auserlesen,

Weil, was sonst zierlich heist, hier blos den Füchsen steht.

Sechs Löcher in dem Strumpf, fünf Federn in den Haaren,

Das hielt ich ebenfalls vor ehrlich und galant,

Und war der Brandtewein im Antliz ausgefahren,

So kneipt ich öfentlich die Blatern mit der Hand.

Vor roch mein Haar nach Staub und schmuzigen Papieren,

Jezt muß Violenmehl den halben Rock beschnein,

Und wüst es nur dabey mein Beuthel auszuführen,

So richt't ich meinen Staat recht seid- und sinnreich ein.

Was Mägdgen artig läst, das raubt mir Herz und Augen,

Ich beßre Schmuck und Zucht aus ihrer netten Tracht,

Und was ihr Mund nicht lobt, das will mir auch nicht taugen,

Und wär es zu Paries auch noch so schön gemacht.

Dies ist das wenigste, was Lieb und Brunst verwandelt,

Mein Sinn verändert sich an Sitten, Wuntsch und Hang.

Secundus wird bereits vor Wolfen eingehandelt,

Und Bilder geiler Kunst bekleiden Tisch und Banck.

Ich kriege frommen Fleiß, das Hohe Lied zu suchen,

Die Andacht treibet mich in Kirch und Heiligthum,

Mein Herz wird mild und gut, ich haße Trunck und Fluchen

Und kehre von der Bahn der wilden Spötter um.

Die Ehrsucht trieb mich vor, den Siegern nachzusingen,

Jezt aber denck ich nur: Bleibt, Helden, wo ihr wollt![67]

Carl, Tugend und Eugen, erlaubt mir umzuspringen:

Die Mägdgen rauben mir, was ihr bekommen sollt.

Was hätt ich vor begehrt, den Knaster halb zu meiden?

Jezt meid ich ihn umsonst, jezt zieht mich andre Glut;

Denn meint gleich Lesbia den starcken Dampf zu leiden,

So weis sie noch nicht recht, wieviel er Abbruch thut.

Verworfne Fechterkunst, dich mag ich nicht begreifen,

So sehr ich sonsten wohl zu dir gebohren bin;

Da, wo wir Staub und Saal mit Saum und Sohlen schleifen,

Ergözt mich, Arm und Schritt dem Tacte nachzuziehn.

Ich schwaze mit mir selbst, bald fang ich an zu lachen,

Bald hält der Spiegel her, bald wüntsch ich weis nicht was,

Bald traumt mir ohngefehr von lauter weichen Sachen,

Womit ich nechst gescherzt, als jemand bey mir saß.

Die faule Poesie bekommt jezt neuen Zunder,

Die Reime laufen mir zu Paaren in den Kiel:

Und dies macht Lesbia. Drum nimmt mich nicht mehr Wunder,

Warum mir erst vorher der Vers verdrießlich fiel.

Es fehlt' ihm rechter Zeug, es fehlt' an ihrem Munde,

Hier quillt der Musenbach, der Geist und Feuer bringt.

Und dies erfahr ich erst seit jener Abendstunde,

In der sie mich mit Lob und Arm und Scherz umringt.

Philetas, eifre nicht, ich folge deinem Triebe,

Den ehmahls Griechenlands verliebtes Ohr geschäzt,

Und finde schon die Spur der allgemeinen Liebe,

Die Zeit und Ewigkeit voll Lebensbäume sezt.

Nun, Naso, glaub ich dir die Reizung schöner Mienen,

Nun fühl ich den Affect, um den dein Finger sang,

Als Frau und Kammermagd (hier läst sich's zweyen dienen)

Dein wohlgetheiltes Herz in süße Feßel zwang.

Verlaßnes Vaterland, du und auch ihr Sudeten,

Versprecht euch meinen Ruhm in Liedern deutscher Kunst,

Die Lieb erhebt auch euch im Schalle meiner Flöthen:

Und dies macht Lesbia; drum danckt es ihrer Gunst.

Sie weckt mich glücklich auf, sie ist jezt in den Linden,

Wo jedes Blat ergözt, das erst- und schönste Kind

Von denen, die aufs neu mein Herz mit Anmuth binden[68]

Und durch die Poesie stumm überwunden sind.

Ihr Musen, greift euch an, ihr sollt auch mit mir küßen,

Ihr sollt auch mit mir gehn und auf der Lilgenbahn

(Seht, was Versprechen thut!) das Trinckgeld noch nicht wißen.

Die Sonne sincket schon, ihr Musen, greift euch an!

Mein Freund, du lachst mich aus und nennst es blinde Poßen;

Es mag denn, ras ich gleich, so ras ich mit Vernunft.

Wie mancher wüntscht sich nicht so angenehm geschoßen!

Genug, denn Lesbia eilt gleich zur Wiederkunft.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 3, Leipzig 1934, S. 65-69.
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