[Hat das ungetreue Glück]

[288] An das Glück


Hat das ungetreue Glück

Sich auf meinen Kopf verschworen?

Hat mich denn das Misgeschick

Stets zum Fangeball erkohren?

Ey so wüntsch ich tausendmahl,

Lieber meinen Geist zu laßen,

Als in einer solchen Qual

Mich aus Überdruß zu haßen.


Läst sichs gleich bisweilen an,

Als wenn alles herrlich schiene,

Und ist auf der Glückesbahn

Alles wohl gebähnt und grüne,

Ach, so kömmt doch allzu oft

Ein erzörntes Unglückswetter

Und zerschlägt mir unverhoft

Die gehoften Lorbeerblätter.


Wie, wenn zu der Sommerszeit

Phoebus uns zu schmeicheln pfleget,

Juppiter ein dunckles Kleid

Um die blauen Schultern leget,

Also machts das Glück mit mir,

Erstlich reicht es süße Freuden,

Kurz darauf muß ich dafür

Einen schweren Donner leiden.


Hier erscheint ein falscher Freund

Und bestellt mir Fall und Neze,

Dort betrübet mich ein Feind,

Den ich zwar nicht wichtig schäze,

Doch hernach erfahren muß,

Daß die allerkleinsten Fliegen

Sich nicht nur an unsern Fuß,

Sondern auch ans Haupt verfügen.
[294]

Denen ich viel zugetraut,

Diese laßen mich jezt stecken,

Und vor welchen mir gegraut,

Diese laßen sich erwecken

Und ertheilen Rath und That,

Den mir nicht ein andrer giebet,

Der nur leere Worte hat

Und um seinen Vortheil liebet.


Falsches Glücke, sieh auf mich,

Schwinge nicht stets dein Gefieder,

Steh einmahl und laße dich

Von der glatten Kugel nieder!

Bleib doch nur ein wenig stehn!

Halt, halt an, du must mich küßen;

Halt, ich las dich eh nicht gehn,

Bis du mich der Noth entrißen.[295]

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 6, Leipzig 1937, S. 288-289,294-296.
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