[152] Den frühzeitigen Verlust eines treu-geliebten Freundes als des Weyland edlen Herrn Johann Gottlieb Büttners, des Herrn Elias Büttners, vornehmen Kauf- und Handelsmannes in Schmiedeberg ältesten Herrn Sohnes, welcher den 8. Dec. A. 1721. in seine Gruft versencket wurde,

Beklagte

. . . . . . . . . .


Dies hat man von der Welt: man wird mit Angst gebohren,

Mit Hofnung, Wuntsch und Fleiß zum Nechstendienst erkohren,

Man wächst mit Fall und Müh, man schwizt, studirt und wirbt

Um Wachsthum an Verstand, um Mittel, wohl zu leben;

Gleich aber, wenn man denckt, der Arbeit Lohn zu heben,

So heists vom Besten oft: Er legt sich hin und stirbt.


Mein Freund, mein Jonathan, Getreuer von Gemüthe,

Wie scharf versalzt mir nicht die Trennung alle Güte,

Wodurch sich mir zur Lust dein redlich Herz erklärt.

Mein Freund, mein Jonathan, ach daß ich vor dir stürbe,

Ach, daß ich wenigstens mit dir zugleich verdürbe.

O Himmel, bin ich denn auch dieses Glücks nicht werth?


Mein Leben zehlt ja so mehr Creuzeslast als Tage,

Mein Alter steigt an Zeit nicht minder als an Plage,

Verfolgung, Neid und Kampf verbittern Tranck und Brodt.

Dies raubt mir manchen Schlaf, dies ist ein Wurm im Herzen;

Doch so empfindlich tief bewegen keine Schmerzen

Als jezo, theurer Freund, mein Leben und dein Tod:
[152]

Mein Leben, weil ich dich als deßen Trost vermiße,

Dein Tod, indem ich nun der Freude nicht genieße,

Der frommen Eltern Wuntsch an dir erfüllt zu sehn.

Bleib oder nimm mich mit. Zeuch oder komm zurücke.

Du sprichst, ich soll mit fort. O ewiges Geschicke,

Warum verwirft dein Zorn ein zweyfach treues Flehn?


Ich weis fast nichts von mir vor Herzeleid und Jammer,

Die Unruh jaget mich durch Zimmer, Haus und Kammer,

Und wo ich hör und seh, erschröckt mich Groll und Nacht;

Ich zittre, falle, steh, wie Laub von Espen zittert,

Wie Äste, wenn der Bliz den Stamm durchaus zersplittert,

Wie Pfeiler, wenn der Grund von Wind und Waßer kracht.


Die lezte Schuldigkeit, dein Auge zuzudrücken,

War fähig, meinen Geist vor Wehmuth zu ersticken,

So bald dein müdes Herz den lezten Stoß empfand.

Wir nezten beiderseits das harte Sterbeküßen,

Du durch den Todesschweiß und ich mit Thränengüßen,

Wobey ein halber Kuß uns noch zulezt verband.


Ach Freund, wie beugstu mich, wie beugstu deine Lieben!

Dein Hingang theilet uns in vielerley Betrüben:

Des treuen Vaters Angst durchwühlet Bein und Marck,

Die Mutter schreyt und sinckt in blaßer Ohnmacht nieder,

Geschwister, Freund und Magd lauft taumlend hin und wieder,

Und jeder Nachbar nezt den ausgestellten Sarg.


Da liegt nun auf einmahl und in so engem Raume

So viel gehofte Frucht von einem jungen Baume,

So vieler Herzen Trost, so vieler Blüthen Lust.

Lernt hier, wie Geiz und Tod einander ähnlich werde:

Je größ-, je lieber Schaz, je tiefer in die Erde.

Ach Freund, ach daß doch du das Beyspiel geben must!
[153]

Ach Freund, ach treuer Freund, ich weis nicht, was ich schreibe,

Ich weis nicht, was ich thu, ich weis nicht, wo ich bleibe;

Dies weis, dies fühl ich wohl, daß du nicht bey mir seyst.

Ach aber, ach, darum beklagt man nicht dein Glücke,

Sonst wäre nur der Gram die Schmincke falscher Tücke.

Nur uns beklagen wir, uns, die dein Fall zerreißt.


Dein Glücke wirstu jezt am besten sehn und hören,

Dort, wo dein glänzend Haupt bey Salems Engelschören

Und vor des Lammes Stuhl im Hochzeitkranze blüht,

Dort, wo Gefahr und Angst und Argwohn und Betriegen

Wie Sonne, Stern und Mond zu deinen Füßen liegen

Und wo dein zeitlich Pfund den reichsten Wucher zieht.


Du fragtest, als nunmehr das Auge brechen wollte,

Ob nicht die schwarze Nacht den Leichnahm decken sollte.

Die Unschuld giebt dir jezt ihr weißes Feyerkleid.

Was schon ein Heide schrieb, das unterschreibt dein Scheiden

So wie dein Nahme1 selbst. Warum? Man sieht aus beiden,

Wen Gott und Himmel liebt, der stirbt bey früher Zeit.


Wir schweifen in der Welt wie Flaggen auf dem Meere,

Und wenn man noch so klug und noch so ehrlich wäre,

Gewinnt man doch wohl nichts als Undanck, Hohn und Streit.

Da dies nun Klippen sind, die dich nicht mehr erschröcken,

Uns aber noch zur Zeit so Furcht als Müh erwecken,

So triumphiere du und las uns unser Leid.


Die Mutter rühmte dich noch bey dem Todtenbette,

Daß ihre Zucht den Lohn von deinem Wandel hätte.

Dies, Mutter, nehm ich mit, so sprach dein schwacher Mund.

Ja ja, du hast dies Lob mit aus der Welt genommen

Und solst es von der Welt so wie von mir bekommen.

Allein, mein Jonathan, wo bleibt denn unser Bund?
[154]

Den Bund, den ich und du vor kurzer Zeit geschloßen

Und deßen Zärtligkeit mein Lieben kurz genoßen,

Zertrennt ein schneller Riß. Die Redligkeit spricht nein;

Der Mahler soll dein Bild noch von der Leiche geben.

Man öfne mir die Brust, hier stehstu nach dem Leben,

Hier solst du, weil ich bin, auch unverweslich seyn.


So trift denn allemahl die Schickung nur die Besten?

Wie, frißt ihr Feuer nicht den Schwarm von Sodoms Gästen?

Den Finger auf den Mund! Ich weis des Höchsten Wort.

Ich weis auch deinen Sinn, ich weis auch meine Liebe.

O was verwirren mich vor unterschiedne Triebe!

Hand, Kiel und Zunge stockt. Ihr Thränen redet fort!

Fußnoten

1 Gottlieb.


Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 6, Leipzig 1937, S. 152-155.
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