An eben dem vorigen Sonntage

[301] Evangel. Luc. VII. v. 11. etc.


Text


Im Thor zu Nain traf der Herr

Mit seiner großen Menge,

Die ihm vom weiten nachgefolgt,

Ein volckreich Leichgepränge.

Hier ward ein lieb- und einzler Sohn

Der Mutter ausgetragen,

Der dieser Tod ihr Wittwenherz

Vom neuen wund geschlagen.


Der Herr ersah das arme Weib

Und brannte vor Erbarmen

Und sagte freundlich: Weine nicht,

Der Glauben hilft den Armen.

Er trat hinzu, ergrif den Sarg,

Die Träger stunden stille;

Da sprach er: Jüngling, heb dich auf,

Dies ist des Höchsten Wille.


Der Todte stund und redete

Und ward der Mutter wieder.

Ein Schauer aber heilger Furcht

Durchlief der Leute Glieder;

Sie priesen Gott, daß ein Prophet

In Jacobs Seegenslanden,

Die Gott so gnädig heimgesucht,

Vom neuen auferstanden.


Lehre


Wie bald kan doch nicht auf der Welt

Die Freude zu Beschwerden

Und ein betrübtes Leichenhaus

Aus Nains Luststadt werden![302]

Kein Ort ist so vergnügt und klein,

Er hat bisweilen Jammer

Und ist oft schlecht und groß genung

Zu unsrer Sterbekammer.


Des Jünglings Leichnahm lehret uns

Auf seiner Todtenbaare,

Wie schnell der Jugend Frühlingslust

Nach Art der Ros entfahre,

Die unter Morgenröth und Thau

Gemüth und Blick vergnüget

Und durch den heißen Mittagswind

Verwelckt vom Stocke flieget.


Euch armen Wittwen kan allhier

Ein holder Trost erscheinen:

Ihr seyd den Turteltauben gleich,

Die still und einsam weinen;

Doch wenn der lezte Stab zerbricht

Und alle Hofnung schwindet,

So merckt doch, wie so plözlich sich

Der Herr zum Helfen findet.


Erwegt auch hier das Allmachtswort,

Das Nacht und Tod bezwinget

Und durch ein kräftiges Steh auf!

Den Geist zurückebringet.

Dies Wunder stärckt die Zuversicht,

Die fromme Christen faßen:

Es werd auch uns die Hand des Herrn

Nicht stets im Grabe laßen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 301-303.
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