Auf eben den vorigen Sonntag

[265] Evangel. Luc. XVII. v. 11.


Text


Der Herr gieng nach Jerusalem

Und sah in einem Flecken

Zehn Männer ohngefehr von fern

Voll Wust und Aussaz stecken.

Sie wurden seiner kaum gewahr,

So hört er schon die Klage:

Erbarm dich, Jesu, über uns

Und hilf uns von der Plage!


Er sprach: Geht hin und zeiget bald

Den Priestern eure Glieder!

Sie wurden in dem Hingehn rein.

Der eine kehrte wieder;

Er lobte Gott mit lauter Stimm,

Fiel Jesu zu den Füßen,

Und danckt ihm auf dem Angesicht

Mit ruhigem Gewißen.


Und dieser war ein Samarit.

Der Heiland sprach: Ich meine,

Es wären zehn gereiniget,

Wo sind denn nun die Neune?

Kehrt keiner als der Fremdling um,

Der Gott die Ehr ertheilet?

Nun, sprach er, steh du auf und geh,

Dein Glauben hat geheilet.


Lehre


Mein Heiland, der du als ein Arzt

Zu unserm Trost erschienen

Und allzeit froh und willig bist,

Der krancken Schaar zu dienen,[266]

Ich bin, du weist es, von Natur

Voll Eiter, Stanck und Beulen,

Und niemand kan mich außer dir

Vom Sündenaussaz heilen.


Ich steh und schrey dich sehnlich an:

Las die Erbarmung hören

Und mach aus mir durch Hülf und Rath

Ein Werckzeug deiner Ehren.

Ich will durch Buß und Beßerung

Mich deinen Priestern zeigen,

Dein Wort, mein Glaube sind genug

Dem Schaden vorzubeugen.


Ich steh zwar jezt noch fern von dir,

Doch schick ich mein Gebethe,

Bis daß mein Wandel nach und nach

Dir immer näher trete.

Ich will schon hier vor deinen Ruhm

Mit guten Wercken sorgen,

Doch wirstu mir den rechten Danck

Bis in den Himmel borgen.


Da will ich nebst den Heiligen,

Die deinen Thron umringen,

Ein Lied von Ehre, Lob und Preis

In höherm Chore singen,

Da soll sich mein verklärtes Haupt

Vor deinem Antliz bücken

Und mein durchaus gereinigt Herz

An deiner Lieb erquicken.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 265-267.
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