Die schmerzliche Erinnerung der Jugendjahre

[173] Wo ist die Zeit, die güldne Zeit,

Wo sind die süßen Stunden,

Worin ich von der Eitelkeit

Noch wenig Gram empfunden?

Ich war ein Kind, ich trieb mein Spiel,

Das selbst der Unschuld wohlgefiel,

Und durft an keinem Morgen

Vor Kleid und Nahrung sorgen.


Die Einfalt gab mir Fried und Ruh,

Der Unverstand viel Glücke;

Es sazte mir kein Zweifel zu,

Viel minder Neid und Tücke;

Kein Ehrgeiz plagte Geist und Sinn,

Ich lebt in aller Hofnung hin

Und fühlte kein Entzünden

Noch unbekandte Sünden.


Ich schwör es, die Zufriedenheit

Der armen Christtagsbürde

War dort von größrer Zärtligkeit,

Als wenn ich Domherr würde.

Der Eindruck von derselben Lust

Erwacht mir noch in Marck und Brust,

So oft ich nur die Lehre

Des Weihnachttextes höre.


Von Fabeln bey der Rockenzunft

Empfand ich mehr Vergnügen

Als jezt von Schlüßen der Vernunft,

In welchen Knoten liegen.

Ja, wenn mir auf der Ofenbanck

Ein Lied vom deutschen Kriege klang,

So schien die alte Grete

Mein künstlichster Poete.
[174]

Ein Garthen, den des Vaters Schweiß

Stets vor der Thauzeit nezte,

Versüßte mir den Bücherfleiß,

Womit er mich ergözte.

Oft war ein Nest voll Vögel da,

Da klang ein froher ?????a

Als deßen kaum geklungen,

Der aus dem Bad entsprungen.


Die Nachbarskinder ließen mir

Die Ehre, sie zu lencken;

Da spielt- und lacht- und sprungen wir

Auf Rasen, Berg und Bäncken.

Was dieser hört und jener sah,

Das in der großen Welt geschah,

Das sucht auch ich mit vielen

Im Kleinen nachzuspielen.


Der Schweden Beyspiel weckt einmahl

In uns viel Andachtsflammen,

Wir knieten in gehäufter Zahl

Auch öfentlich zusammen;

Der Eifer war mehr Ernst als Schein,

Und unser täglich Himmelschreyn

Hat etwan auch viel Plagen

Des Vaterlands verschlagen.


Wie ernstlich war ich dort ein Christ!

Wie brannt oft mein Verlangen,

Dich, der du unser Heiland bist,

Persönlich zu umfangen!

Wie freudig dacht ich an den Tod!

Ach Gott, gedenck einmahl der Noth,

Vor die ich als ein Knabe

Vorausgebethet habe.


Mit was vor Liebe, Trost und Treu

Kont eins das andre klagen,[175]

Wenn etwan blinde Tyranney

Das Stiefkind hart geschlagen!

Wir stritten leicht, doch aller Streit

War stündliche Versöhnligkeit,

Und von der Eltern Gaben

Must jeder etwas haben.


Jezt lern ich leider allzufrüh

Des Lebens Elend kennen.

Es ist doch nichts als Wind und Müh,

Wornach wir sehnlich rennen;

Es gauckeln Reichthum, Stand und Kunst,

Die Wollust macht nur blauen Dunst,

Und was wir so begehren,

Muß allzeit Reu gebähren.


Mein eignes Creuz ist überhaupt

Ein Bündnüß aller Schmerzen

Und geht mir, weil es niemand glaubt,

Empfindlich tief zu Herzen.

Ach Himmel, mindre meine Qual!

Wo nicht, so las mich doch einmahl

Nur eine Gunst erwerben

Und mehre sie zum Sterben.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 173-176.
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