Abendlied

[26] Der Feyerabend ist gemacht,

Die Arbeit schläft, der Traum erwacht,

Die Sonne führt die Pferde trincken;

Der Erdkreiß wandert zu der Ruh,

Die Nacht drückt ihm die Augen zu,

Die schon dem süßen Schlafe wincken.


Ich, Schöpfer, deine Creatur,

Bekenne, daß ich auf der Spur

Der Sünder diesen Tag gewandelt;

Ich habe dein Verboth verlezt,

Mich dir in allem widersezt

Und wider meine Pflicht gehandelt.


Doch weil ein Quintchen Vaterhuld

Viel tausend Centner meiner Schuld

Durch dein Erbarmen überwieget,

So gieb Genade vor das Recht

Und zürne nicht auf deinen Knecht,

Der sich an deinen Füßen schmieget.


Der Beichte folgt das Gnadenwort:

Steh auf, mein Sohn, und wandre fort,

Die Mißethat ist dir erlaßen.

Drum kan mein Glaube ganz getrost,

Ist Welt und Satan schon erbost,

Bey deiner Warheit Ancker faßen.


Mein Abendopfer ist ein Lied,

Das dir zu dancken sich bemüht,

Die Brust entzündet Andachtskerzen;

Gefällt dir dieser Brandaltar,

So mache die Verheißung wahr:

Gott heilet die zerschlagne Herzen.
[27]

Du bester Anwalt, Jesu Christ,

Der in den Schwachen mächtig ist,

Komm und vollführe meine Sache!

Beweise, daß dein theures Blut,

Was ich verbrochen, wieder gut

Und auch die Sünder seelig mache.


Du Geist der Warheit, breite dich

Mit deinen Gaben über mich;

Dein Wort sey meines Fußes Leuchte.

Vergönne mir dein Gnadenlicht

Auf meinen Wegen, daß ich nicht

Mir selber zur Verdammnüß leuchte.


Herr, deine Hand sey mein Panier,

Dein Antliz aber zeige mir

Auch in dem Traume mein Vergnügen.

Die Einsamkeit betrübt den Geist,

Doch, wo du meine Seite schleust,

So darf ich nicht alleine liegen.


Das müde Haupt sinckt auf den Pfiehl,

Doch wo ich ruhig schlafen will,

So muß ich deinen Engel bitten;

Der kan durch seine starcke Wacht

Mich vor dem Ungethüm der Nacht

Um meine Lagerstatt behüten.


Soll mir der Pfiehl ein Leichenstein,

Der Schlaf ein Schlaf zum Tode seyn,

Ja, soll das Bette mich begraben,

So las den Leichnahm in der Gruft,

Bis ihn die lezte Stimme ruft,

Den Geist im Himmel Friede haben.


Will aber deine Gütigkeit,

Die alle Morgen sich verneut,[28]

Mir heute noch das Leben borgen,

So wecke zeitlich mich darauf,

Nicht aber durch ein Unglück, auf

Und las mich vor das Dancklied sorgen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 26-29.
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