Christliche Gedult

[4] Banges Herze, lerne doch

Dich in dein Verhängnüß schicken

Und das schwere Creuzesjoch

Durch Gedult vom Halse rücken,

Weil dem Auge, wenn es weint,

Alles doppelt größer scheint.


Gerne tragen schwächt die Last,

Willig leiden stärckt die Hände;

Wer das Ruder muthig fast,

Macht der Schiffahrt bald ein Ende,

Welche man in dieser Welt

Durch das Meer der Trübsahl hält.


Zwar es ist kein schlechtes Werck,

Sich im Kummer fröhlich zeigen.

Wer vermag wohl einen Berg

Ohne Schwizen aufzusteigen?

Doch ein Weiser zwingt das Leid

Durch der Sinnen Tapferkeit.


Nur getrost, betrübter Geist!

Frisch gewagt ist halb gewonnen.

Was dein Fernglas Wolcken heist,

Ist ein Himmel voller Sonnen,

Die des Kummers trübe Nacht

Den Cometen ähnlich macht.


Unser Glauben nimmt den Trost,

Weil die Qual nicht ewig währet.

Dem, der mit der Hofnung lost,

Ist das Kleinod oft bescheeret;

Aus dem Leiden ohne Ruh

Führt sie uns nach Glückstadt zu.
[5]

Ich verschweige, was mich drückt,

Und bin in dem Höchsten stille:

Gott hat es mir zugeschickt,

Und vielleicht ist es sein Wille,

Daß nach Klageliedern bald

Auch ein Halleluja schallt.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 4-6.
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