Als er durch innerlichen Trost bey der Ungedult gestärcket wurde

[122] Gedult, Gelaßenheit, treu, fromm und redlich seyn,

Und wie ihr Tugenden euch sonst noch alle nennet,

Verzeiht es, doch nicht mir, nein, sondern meiner Pein,

Die unaufhörlich tobt und bis zum Marcke brennet,

Ich geb euch mit Vernunft und reifem Wohlbedacht,

Merckt dieses Wort nur wohl, von nun an gute Nacht;

Und daß ich euch gedient, das nenn ich eine Sünde,

Die ich mir selber kaum jemahls vergeben kan.

Steckt künftig, wen ihr wollt, mit euren Strahlen an,

Ich schwöre, daß ich mich von eurem Ruhm entbinde.


Ihr Lügner, die ihr noch dem Pöbel Nasen dreht,

Von vieler Vorsicht schwazt, des Höchsten Gnad erhebet,

Dem Armen Trost versprecht und, wenn ein Sünder fleht,

Ihm Rettung, Rath und Kraft, ja, mit dem Maule gebet,

Wo steckt denn nun der Gott, der helfen will und kan?

Er nimmt ja, wie ihr sprecht, die gröbsten Sünder an:

Ich will der gröbste seyn, ich warthe, schrey und leide;

Wo bleibt denn auch sein Sohn? Wo ist der Geist der Ruh?

Langt jenes Unschuldskleid und dieses Kraft nicht zu,

Daß beider Liebe mich vor Gottes Zorn bekleide?


Ha, blindes Fabelwerck, ich seh dein Larvenspiel.

Dies geb ich auch noch zu: es ist ein ewig Wesen,

Das seine gröste Macht an mir nur zeigen will

Und das mich obenhin zur Marter auserlesen;

Es führt, es leitet mich, doch stets auf meinen Fall,

Es giebt Gelegenheit, damit es überall

Mich rühmlich strafen kan und stets entschuldigt scheine.

Bisweilen zeigt es mir das Glücke, recht zu gehn,

Bald läst es mich in mir dem Guten widerstehn,

Damit die frömmste Welt das Ärgste von mir meine.


Aus dieser Quelle springt mein langes Ungemach:

Viel Arbeit und kein Lohn als Kranckheit, Haß und Schande.[123]

Die Spötter pfeifen mir mit Neid und Lügen nach,

Die Armuth jagt den Fuß aus dem und jenem Lande,

Die Eltern treiben mich den Feinden vor die Thür

Und stoßen mich – o Gott, gieb Acht, sie folgen dir –

Ohn Ursach in den Staub und ewig aus dem Herzen.

Mein Wißen wird verlacht, mein ehrlich Herz erdrückt,

Die Fehler, die ich hab, als Laster vorgerückt,

Und alles schickt sich recht, die Freunde zu verscherzen.


Ist einer in der Welt, er sey mir noch so feind,

An dem ich in der Noth kein Liebeszeichen thäte,

Und bin ich jedem nicht ein solcher wahrer Freund,

Als ich mir selbst von Gott, erhört er andre, bethe,

Hat jemand auf mein Wort sein Unglück mehr gefühlt,

Hat boßheitsvoller Scherz mit fremder Noth gespielt

Und hab ich unrecht Gut mit Vorsaz angezogen,

So greife mich sogleich der bösen Geister Bund

Mit allen Martern an, wovon der Christen Mund

Schon über tausend Jahr den Leuten vorgelogen.


Was wird mir nun davor? Ein Leben voller Noth.

O daß doch nicht mein Zeug aus Rabenfleisch entsproßen,

O daß doch dort kein Fluch des Vaters Lust verboth,

O wär doch seine Kraft auf kaltes Tuch gefloßen!

O daß doch nicht das Ey, in dem mein Bildnüß hing,

Durch Fäulung oder Brand der Mutter Schoos entgieng,

Bevor mein armer Geist dies Angsthaus eingenommen!

Jezt läg ich in der Ruh bey denen, die nicht sind,

Ich dürft, ich ärmster Mensch und gröstes Elendskind,

Nicht stets bey jeder Noth vor größrer Furcht umkommen.


Verflucht sey Stell und Licht! – – Ach, ewige Gedult,

Was war das vor ein Ruck von deinem Liebesschlage!

Ach, fahre weiter fort, damit die große Schuld

Verzweiflungsvoller Angst mich nicht zu Boden schlage.

Ach Jesu, sage selbst, weil ich nicht fähig bin,

Die Beichte meiner Reu; ich weis nicht mehr wohin[124]

Und sincke dir allein vor Ohnmacht in die Armen.

Von außen quälet mich des Unglücks starcke Fluth,

Von innen Schröcken, Furcht und aller Sünden Wut;

Die Rettung ist allein mein Tod und dein Erbarmen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 122-125.
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