An Herrn M(arckard) von R(iedenhausen), J.U.C.

[88] Anno 1720


Gesundheit, Glück und Trost und alles ist nun hin.

Mich wundert, daß ich noch der Feder mächtig bin;

Allein sie merckt es fast, wer da, nicht ich, geschrieben:

Der Himmel sey verehrt, der, da mich vieles preßt,

Mir gleichwohl noch den Schaz von wenig Freunden läst,

Die nicht aus Eigennuz noch blinder Einfalt lieben.


Du bist, ich rühme mich auch bey der Spötter Hohn,

Von meiner Poesie der erstgebohrne Sohn

Und crönst dadurch mein Haupt mit neuen Lorbeerzweigen,

Mein Herz ist von Natur so gut und treu gesinnt;

Sobald ein Mensch nur Lust zur Wißenschaft gewinnt,

So wallt es vor Begier, ihm Rath und Weg zu zeigen.


Ich hab ein kleines Pfund an Weißheit und Verstand;

Es würde dann und wann mit Nuzen angewand,

Wofern nur Feind und Noth den Vorsaz nicht betrögen.

Jedennoch wenn auch nur ein einzig Wort bekleibt

Und mancher, der mir buhlt, dem Zwecke näher treibt,

So tröstet sich mein Geist, er wuchre nach Vermögen.


Ein grog- und rauher Stein macht Eisen blanck und scharf.

Dies Gleichnüß zieh auf mich. Wofern ich rathen darf,

So folge, werther Freund, dem aufgegangnen Lichte,

Bau eifrig auf den Grund, den Wolf und Leibniz legt,

Lis, prüfe, denck und schreib; was eigner Fleiß nicht regt,

Das, wär es noch so gut, kriegt selten reife Früchte.


Erkennestu auch dich und vieles, was die Welt

Der forschenden Vernunft zur Übung vorgestellt,

So fang behutsam an, dein Glücke fest zu sezen,

Versorge Seel und Leib und sez ihr Heil in Ruh.

Rast außen Neid und Sturm, so sieh mit Großmuth zu

Und lerne Farben, Schein, Beweis und Warheit schäzen.
[89]

Bewirb dich um den Kranz der wahren Dichterkunst;

Sie ist der Weißheit Schmuck und bringt der Nachwelt Gunst;

Wir leben, stirbt das Fleisch, im klugen Angedencken;

Sie weckt, besänftigt, straft, erbaut, ergözt und nüzt,

Giebt Enckeln Lust und Muth und macht den Geist erhizt,

Der Warheit, die man hast, ein gütig Ohr zu schencken.


Die Alten gehn dir vor; die nimm und lis mit Fleiß.

Ihr Vorzug kostet sie viel Nächte, Kunst und Schweiß.

Virgil beschreibt genau, Homer bewegt und lodert,

Anacreon macht voll, Catull kan zärtlich seyn,

Horaz ist reich und hoch, der Schwan von Sulmo rein,

Und was der Sappho fehlt, ist, daß man mehrers fodert.


Der Neuen Kunst fällt ab; doch geht Petrarcha mit,

Der nebst noch wenigen die rechte Straße tritt.

Sonst haß ich insgemein der Welschen hohe Grillen.

Was Ludwigs Gnadenglanz in Franckreich aufgeweckt,

Im Boileau, Racine und Moliere steckt,

Das kan ja auch die Lust gelehrter Sehnsucht stillen.


Der Deutsche kommt fein spät. Vom Opiz halt ich viel;

Der Geist des alten Gryph und Flemmings gründlich Spiel

Verdient die Ewigkeit so gut als Neukirchs Flöthe;

Im Caniz find ich Gold; die edle Lindenstadt

Versteht nicht, was sie schon an Rabners Satyr hat;

Und manchem fehlt August, sonst würd er ein Poete.


Verdirb dein Urtheil nicht durch vielerley Geschmack,

Hab einen weisen Freund, der scharf erinnern mag.

Schreib wenig, aber gut, und schreite nicht auf Stelzen.

Und da der Phoebus stets dem Volcke, das er liebt,

So wie auch Helden, nichts als Ruhm und Lorbeer giebt,

So halt es dir vor Schimpf, mit Reimen Geld zu schmelzen.


Du wilst nunmehr Bericht. Sobald ich Dresden lies,

Beweint ich brünstiglich der Sachsen Paradies.[90]

Bis Hirschberg hielt der Fuß, drauf hinckt er, doch mit Freuden,

In Meinung, sich davor in Striegau Guts zu thun.

Hier dacht ich mir einmahl mit Frieden auszuruhn

Und in der Eltern Schoos der Lästrer Pfeil zu meiden.


Ich gieng, ich kam und sah, ach, leider nichts als Leid.

Kein Vater lies mich vor. So viel vermag der Neid

Und List und Eigensinn und Haß und Aberglauben.

Die treue Mutter lag, die Schwester weint und schwieg.

Ich zog mit Wehmuth aus; lieg, armes Striegau, lieg,

Ich mag schon keinen Scherf aus deiner Asche klauben.


Zwo Meilen führten mich nach Schweidniz bey der Nacht;

Die Ankunft ward sogleich der Misgunst zugebracht,

Der Misgunst, der ich dort viel Hecheln angehangen.

Die Feinde drohten Lerm und schritten schon zur That.

Bleib, Schweidniz, was du bist, ich kenne deinen Rath

Und habe schon in dir mein Gutes längst empfangen.


Mit Sorgen, ohne Geld und durch die krümmste Bahn

Gelangt ich wunderlich im großen Breßlau an.

Ich zecht auf Kreide los. Was hilft's? Die Noth lehrt bethen.

Man sperrte mir das Maul mit viel Befördrung auf;

Der Wind kam hinten nach und trieb mich hintern Lauf,

Eh Wafen, Feind und Schuld den kurzen Paß vertreten.


Zwey Stücke rühm ich noch. Des klugen Breßlers Haus

Gewann mein Dichten lieb. Hier wurden Schlaf und Schmaus

Mit Lustgesprächen, Wein und Versen aufgezogen.

Voraus entzückte mich der schönen Wirthin Geist,

Die Salz und Feuer führt und in der Feder weist,

Es hab ihr die Natur viel Pfunde zugewogen.


Mit was vor Lust und Schmerz gedenck ich noch an dich,

Du ruhiges Camin! Bey dir ergözten mich

Ein Baro in der That und einer nach dem Nahmen;[91]

Der lezte scherzt galant, der erste spricht gelehrt,

Kennt Wirthschaft, Hof und Vers. Was ward da nicht gehört,

Wenn Thor und böse Zeit uns auf die Zunge kamen!


Noch jenseit blickt ein Schloß auf unsern Oderstrand;

(Die Spötter suchen hier das Besenbinderland;)

Auf diesem lernt ich auch, daß alte Gunst nicht roste.

Was thut nicht, dencke nach, Trunck, Freyheit, Liebe, Nacht?

Sobald der zwölfte Schlag das Volck zur Ruh gebracht,

Vergaßen wir der Noth bey selbst gewürztem Moste.


Ein traurig Lebewohl beschloß die keusche Lust.

O Himmel, daß du stets so grausam wechseln must!

Ich riß mich brünstig los, sie sah betrübt zurücke.

Verstehstu, wie man liebt, so bild es dir nur ein,

Was Thränen solcher Angst vor Scheidewaßer seyn;

Ich fühl es, wenn ich nur das Abschiedslied erblicke.


Es geht auf Lauben zu: Ich meße Thal und Höh

Durch Graben, Regen, Wind, Frost, Unruh, Angst und Schnee.

Wie manches Nachtquartier beschwert mir Kopf und Lenden!

In Jauer stärckt mich Gorn, ein alt- und treuer Freund,

Mit Bette, Tisch und Rath und dem, was trostreich scheint,

Von Leuten meiner Qual Verzweiflung abzuwenden.


Mit Noth erreich ich noch die Gränzstadt um den Queis,

Um den sich jezt das Volck wohl kaum zu nähren weis.

Die Armuth henckt sich auf, der Reiche will verzagen;

Der Hunger speist mit Lust von Eicheln, Rind und Stroh;

Kein Gleichnüß gleicht der Noth; in Cabul war es so

Und dort, wo Mosis Stab den dürren Fels geschlagen.


So komm ich überall dem Elend eben recht.

Hier lieg ich nun gestreckt, die Kräfte sind geschwächt;

Den Schenckel will der Fluß, der Gram das Herze freßen;

Der Nordwind deckt mich oft mit Flocken durch das Dach.[92]

Kein Freund, kein Mensch, kein Hund erfährt mein Ungemach;

Dies kan ich auch sogar im Schlafe nicht vergeßen.


Muß ist ein schwerer Trost, doch ist's ein Trost vor den,

Der, was er mit Vernunft zuvor schon übersehn,

Auch durch Erfahrung lernt: Die Vorsicht kan nicht wancken.

Wer ist ein Thor und flucht auf Wetter, Zeit und Ort?

Der Schickung starcker Trieb geht ungehindert fort,

Ohn Absicht auf den Wuntsch verdrießlicher Gedancken.


Gott lege, was er will und was mir zukommt, auf.

Er wird und darf auch nicht den wohlbestellten Lauf

Der großen Creatur erst mir zu Liebe stören.

Sein Zweck ist überhaupt des Weltgebäudes Heil;

Wir, ich und auch mein Creuz, sind davon nur ein Theil

Und müßen auch den Schmuck der ganzen Ordnung mehren.


Dies mercke, werther Freund. Und drückt auch dich ein Joch,

So schlepp es freudig mit. Mein Herz empfindet noch;

Die Seele der Gedult will ich die Hofnung nennen.

Das Glücke schläft recht aus, wofern ich scherzen mag,

Damit, wenn einmahl kommt sein Auferstehungstag,

Wir desto muntrer seyn und länger wachen können.


Das Ansehn unsrer Zeit droht Ländern hier und dar,

Man braucht nicht weit zu sehn, viel Jammer und Gefahr.

Ach armes Schlesien, du liegst zu nah an Polen.

Gewis, wir haben viel und große Ding erlebt;

Las seyn, daß alles bricht und Erd und Abgrund bebt,

Ein Weiser weis den Trost blos in sich selbst zu holen.


Carl hat Verdienst und Macht, der Herr ist Tempel werth.

Er siegt in West und Ost und giebt auf Blut und Schwerd

(Was könt er Größers thun?) den Völckern Schuz und Friede.

Wer weis, wie unverhoft sein Arm in deutscher Luft

Der Musen göldne Zeit aus ihren Winckeln ruft?

Europa, mache nur der Feinde Thorheit müde!
[93]

Der Herr, der Cronen nimmt, auch Cronen giebt und hält,

Erhalte Rudolphs Stamm, das Wunder unsrer Welt,

Und mehre durch sein Blut den Saamen der Gerechten.

So lange Carl noch lebt und Sachsens Raute blüht,

So lange fürcht ich nicht, so schlecht es immer sieht,

Daß Neid und Barbarey in Deutschland siegen möchten.


Was etwan übrig ist, (die Dinte wird fast hart)

Das hast der Reime Zwang und will nur Gegenwart;

Ich habe viel mit dir, es wird sich ehstens schicken.

Schreib, eile, sey nicht kurz. Ein Säugling sucht die Brust;

Die Sehnsucht, edler Freund, hat auch nur halbe Lust,

Den Kuß, der dir gehört, auf kalt Papier zu drücken.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 88-94.
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