Als er sich über den Eigensinn der heutigen Welt beklagte

[54] Man muß doch mit den Wölfen heulen,

Drum fort, bethörter Eigensinn!

Ich will mich in die Leute theilen

Und lachen, wie und wo ich bin.

Ein Sauertopf mag immer schelten

Und unsre Zeit dem Satan weihn,

Denn untersucht er tausend Welten,

Wird keine sonder Mangel seyn.


Das ist wohl wahr: es giebt viel Thoren.

Das macht, sie wachsen ungesät,

Und wer nicht schiert, der wird geschoren,

So bald er nur den Rücken dreht.

Aus Complimenten und Flattiren

Erkennt man den Politicum,

Will einer nun nicht Hunde führen,

So kehr er stets den Mantel um.


Bey Höfen sinnt man nur auf Mittel,

Einander klug zu hintergehn;

Der flickt fast stündlich an dem Tittel,

Der lehrt die Hörner zierlich stehn,

Der Dritte wird bey Wild und Jagen

Durch viel Beschwerde selbst zum Vieh,

Und kömmt ein Unterthan zum Klagen,

So sp(uckt) der Fünfte vor das Knie,


In Städten steht es nicht viel beßer,

Da herrschen Schwelgerey und Neid,

Man schneidet mit dem großen Meßer

Dem Nechsten in sein Ehrenkleid;

Wer uns von vorne grüßt und lecket,

Der spuckt uns über Achseln nach,

Und wer sich nach der Decke strecket,

Den schimpft ein jegliches Gelach.
[55]

Die Weiber sind gar ausgelaßen,

Sie thun es frey beym Mondenschein,

So hizig, daß auf allen Gaßen

Die Pflaster ausgeritten seyn.

Die Männer folgen dem Exempel,

Kaum riecht was Junges in die Stadt,

So lauft man plözlich aus dem Tempel,

Zu sehn, wie viel es Keuschheit hat.


Was soll ich von den Mägdgen sagen?

Sie sind vorwahr zu tugendreich,

Sie lernen viel aus Demuth tragen

Und schämen sich so kranck als bleich.

Das macht vielleicht der schlimme Winter,

Der alles in den Gliedern regt.

Doch nein, es steckt noch was darhinter.

Und was denn? Was der Kirchknecht trägt.


Nun sagt mir, soll ich anders leben,

So lacht mich jeder Pinsel aus:

Nach Warheit, Zucht und Tugend streben

Baut jezt vorwahr kein steinern Haus.

Ich mach es so wie meines gleichen,

Und wer mich drum verdencken will,

Der höre diesen guten streichen

Und nehm ihn mit und schweige still.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 54-56.
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