Der klagende Liebhaber

[219] Damit genung! Es ist vergebens.

In Einsamkeit

Begehrt mein Leid

Den Schluß des schweren Lebens.

Mein treues Lieben

Bringt nur Betrüben

Und schliest mich mit der stummen Pein

Hier zwischen Berg und Thäler ein.


Den sanften West bewegt mein Klagen,

Es rauscht die Bach

Den Seufzern nach

Aus Mitleid meiner Plagen;

Die Vögel schweigen,

Um nur zu zeigen,

Daß deine schöne Tyranney

Auch Thieren überlegen sey.


Was soll ich thun? Was soll ich bitten?

Um Hülf in Noth?

Nein, um den Tod.

Den hab ich längst erlidten;

Denn bey dem Triebe

Verworfner Liebe

Stirbt jeder mit vermehrter Qual

Des Tages mehr als tausendmahl.


So sterb auch ich; ja, wenn ich stürbe,

So wüst ich doch,

Daß dies mein Joch

Zugleich mit mir verdürbe;

Ich läg und schliefe

In jener Tiefe,

Wo keine Last, die mich bedeckt,

Das ungebohrne Volck erschröckt.
[220]

Wer sagt mir, ob und wo ich lebe?

Mein Kind, in dir,

Um das ich hier

Mein Blut dem Kummer gebe,

Mein Blut vom Herzen,

Das in den Schmerzen,

Die dein verstockter Sinn ernährt,

Sich durch und in sich selbst verzehrt.


Ich sage viel; doch, Engel, wiße,

Ich dencke mehr.

Gieb noch Gehör

Und stärcke mich durch Küße!

Sonst bringt mein Sterben

Auch dein Verderben

Durch dieses tief geholte Weh,

Mit dem ich gleich zur Grube geh.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 219-221.
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