Leonorens Antwort

[211] Ach, liebster Schaz, verdient mein Herz,

So hart versucht zu werden?

Es leidet ja wohl anderwärts

Vorhin genug Beschwerden;

Und dennoch fehlt ihm niemahls Lust,

Erlaub ihm nur in deiner Brust

Auf kurz genoßne Freuden

Die Ehre mit zu leiden.


Ich hab es ja nur dir geschenckt,

Nicht aber deinem Glücke;

Du irrst dich, wo dein Argwohn denckt,

Ich fluche dem Geschicke.

Ich weine zwar, doch blos um dich;

Der Trost ist starck genug vor mich,

Wenn Philimen erkennet,

Wie rein die Flamme brennet.


Auch mir hat ja wohl die Natur

Kein Holz vor Fleisch gegeben.

Dein Umgang half mir auf die Spur,

Der Weißheit nachzustreben.

Du hältst mich schwächer als ich bin;

Ich schleiche zwar in Einfalt hin,

Doch weis ich Lust und Plagen

Schon mit Vernunft zu tragen.


Ich bin auch zärtlich, wie du weist,

Ich zittre bey den Schlägen;

Besinnt sich aber nur mein Geist,

Ich leide deinetwegen,

So bin ich tapfrer als ein Weib;

Es koste Güter, Ruh und Leib,

Ich will mich allen Fällen

Beherzt entgegenstellen.
[212]

Kein andrer traut mir freylich zu,

Du kanst und must es glauben,

Nichts soll mir meine Seelenruh

In deiner Liebe rauben.

Bedenck es selbst, was macht ein Kuß,

Den oft die Unschuld leiden muß?

Ich kan's gleichwohl nicht wagen,

Dir einen zu vertragen.


Bleib wo, wie lang und wer du wilst,

Nur lieb und bleib mein Eigen;

So wenig du auch jezo giltst,

So plözlich kanstu steigen.

Gesezt, es sey dir nichts bescheert,

Ach, halt mich deines Elends werth;

Ich will mit viel Vergnügen

Bey dir in Hütten liegen.


Der Geiz besizt nicht, was er hat,

Uns läst die Armuth lachen;

Die Liebe weis die Lagerstatt

Auf Rasen weich zu machen.

Mein Herz sucht manches zu verstehn,

Da will ich erst zur Schule gehn

Und unter deinen Lehren

Viel fremde Wunder hören.


Da soll mir dein beredter Fleiß

Mit untermengten Küßen,

Mit Sachen, die er meint und weis,

So Tisch als Traum versüßen;

Da werd ich viel, was längst geschehn,

Mit lüstern Ohren wiedersehn

Und auch wohl an den Sternen

Des Schöpfers Allmacht lernen.


Geht hin, ihr Docken stolzer Welt,

Macht höhnische Gesichter,[213]

Erfreut euch unter Stand und Geld,

Ich habe meinen Dichter.

Er liebt wie ich und ich wie er,

Was macht mir mehr das Herze schwer?

Die Möglichkeit, das Leben

Nach ihm erst aufzugeben.


Verdien ich ja noch diese Qual

Mit unerkandten Sünden,

So soll die Welt im Hospital

Mich wohl nicht weiter finden;

Da soll mein Herz dein Leichenstein

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 211-214.
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