Der Abrisz seiner Liebsten

[61] Die Liebe gab mir nechst den Pinsel in die Hand,

Das Meisterstücke von den Bildern

Der grösten Schönheit abzuschildern,

Zu deren Dienst ich oft die Leyer angewand.

Mein Ungehorsam ward sehr übel aufgenommen;

Ich schüzte zwar die Ohnmacht vor,

Die Ausflucht fand ein taubes Ohr,

Drum eil ich, dem Befehl gezwungen nachzukommen.


Mein Engel, fluche nicht auf die Verwegenheit,

Der sich ein Mensch jezt unterwindet;

Ich weis, daß auch ein Stern verblindet,

So bald der Sonnen Glanz ihm Schein und Licht verbeuth;

Doch die Tyrannin meiner Sinnen,

Die dir mein freyes Herz als einen Sclaven schenckt,

Entschuldigt mein Beginnen

Und macht, daß meine Faust auf die Erfüllung denckt.


Mein Phoebus zürnt mit mir, daß ich aus seinem Orden

Ein Überläufer bin;

Sein Geist verläst den kalten Sinn,

Der troz der Poesie zu einem Mahler worden.

Steht mir Apollo nicht mehr bey,

So mag die Warheit ihn vertreten,

Und diese macht, weil ich den Beystand ausgebeten,

Statt meiner hier dein Conterfey.


Der ordentliche Bau, das Uhrwerck deiner Glieder,

Streckt wie ein Cedernbaum den wohlgesezten Leib.

Ist nun die Majestät ein Weib,

So giebt sie sich in dir als ihrer Tochter wieder.

Die Ehrfurcht küst dein Bild,

Bey welchem die Natur geschwizet,[62]

Als sie das zarte Fleisch aus Alabast geschnizet,

Durch welchen der Saphir von Schneckenblute schwillt.


Die Artigkeit lehrt dich die Füße sezen,

Der sonderbare Gang

Ist künstlich, aber ohne Zwang;

Ein Schritt ist schon genug, die Freyheit wegzuhezen.

Die Straße heftet dir viel hundert Augen an,

Wenn dich die Gratien bald hin bald her begleiten;

Ich selber kan

Den alten Adam nicht bestreiten

Und weiche meiner Leidenschaft,

Sobald mein Fenster sich an deiner Art vergaft.


Betracht ich auch dein Haupt, so seh ich eine Nacht,

Mit der dein schwarzes Haar den Himmel überdecket,

An welchem Amors Glut zwey Lichter aufgestecket,

Die seine Mutter oft zu ihren Spiegeln macht.

O wunderbare Finsternüß,

Die ihr gerolltes Pech um deinen Nacken schläget,

Den die Natur, gewis,

Die Farben zu erhöhn, mit Reif und Schnee beleget.


Die Wangen sind ein Feld, wo Rosen und Jasmin

Einander zur Verhöhnung blühn

Und wo viel Gratien und ... Amoretten

Theils ihren Schlaf ... betten,

Theils wie ein Bienenschwarm, wenn er den Klee beraubt,

... begierig sind, den Honigseim zu lecken,

Den nur die Götter schmecken,

Weil ihn die Kostbarkeit dem Menschen nicht erlaubt.


Das Auge lockt und spielt mit einem reichen Blize,

Den, weil er schwarz und roth aus blauen Kreisen fährt,

Vermuthlich Pech und Schwefel nährt.

In dieser Vestung liegt der blind und nackte Schüze,

Spielt draus auf meine Brust

Das Freudenfeuer seiner Siege,[63]

So daß auch ich, jedoch zu meiner Lust,

Ihm endlich unterliege.


Was vor Entzückung bläst der Mund

Den Rosenbüschen durch die Blätter!

Sein Muschelwerck ist voll und rund,

Sein Nectar vor die Götter.

Leg ihm den Purpur bey,

Was gilt's? er macht sein Blut zu einer todten Farbe.

Wer leugnet nun, daß er die Dinte sey,

Von der man längst gesagt, daß sie die Nachwelt darbe,


Der höre den Beweisthum an:

Als mich der Cypripor in seinem Richteramte

Zum Feuer nechst verdammte,

So stahl er unvermerckt der Mutter einen Schwan

Und riß ihm einen Kiel aus dem gedrungnen Flügel;

Die Feder nezt er in dem Saft,

Den Tyrus nicht so sehr als deine Lippen schaft,

Und unterschrieb mit angehencktem Siegel,

Auf dem dein Antliz stund, das Urtheil meiner Glut,

Die mir, ich weis es nicht, wohl oder bange thut.


Dein Lächeln, schönes Kind, das, schweigt die Zunge still,

Mich dennoch unvermerckt der Lügen strafen will,

Entdeckt mir, was dein Geiz der Schönheit sonst verheelet,

Ich meine deiner Zähne Pracht,

Als die die Ordnung dir selbst in den Mund gezehlet;

Hier rieg die Sorgfalt der Natur

Den Reichthum Indiens an einer Perlenschnur,

Nachdem der gröste Werth die Runde voll gemacht.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 61-64.
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