Schreiben an seine Magdalis

[90] Von Franckfurt an der Oder, 1715. den 15. Nov.


Mein Engel, nimm von mir so viel getreue Grüße

Als Tropfen mir anjezt aus Kiel und Augen gehn,

Als Seufzer ich vor dich in diesen Brief verschließe,

Als Thränen dir vielleicht auf deinen Rosen stehn.


Die Erde schläft und ruht, ich aber wach und träume,

Weil deine Liebe mich mit ofnen Augen wiegt.

Ich schreib und weis nicht was; du siehst es aus dem Reime,

Der nun aus Schweidniz kommt und lahme Füße kriegt.


Das Joch der Einsamkeit schlägt meinen Leib darnieder,

Dem Nacht und Finsternüß die müde Seite schleust,

Die ungewohnte Streu fühlt selbst den Schmerz der Glieder,

Die ein verborgnes Weh von ihrem Lager reißt.


Der Mangel deiner Brust bestürmet mein Gemüthe

Und ist ein scharfes Schwerd, das durch die Seele dringt;

Gedenck ich deiner Treu, so wallt mir das Geblüte

Wie ein zerfloßnes Erz, das mit dem Feuer ringt.


Bald schwächt die Ungedult die Tapferkeit der Sinnen,

Bis der verwegne Mund auf den Geburthsstern flucht,

Bald strafet die Vernunft mein thörichtes Beginnen,

Bald seh ich was von dir, das mich zu trösten sucht.


Ach wie vergnügt mich nicht die Arbeit deiner Hände,

Die mir in dem Horaz die Verse abgezehlt!

Die Sehnsucht schildert mir dein Bildnüß an die Wände,

Dem zu der Ähnligkeit nichts als das Leben fehlt.


Dies ist der Lebenslauf, den ich anjezo führe.

Wer mag wohl, werthes Kind, dein Zeitvertreiber seyn?

So viel ich rathen kan und aus der Neigung spüre,

So stimmt vielleicht dein Mund zu meinen Klagen ein.
[91]

Mich deucht, du schickst den Fuß zur Wehmuth in die Kammer,

In welcher unser Kuß oft sichre Zuflucht fand,

Mich deucht, du klagst bereits dem Fenster deinen Jammer,

Bey dem dein erstes Ja mich an dein Herze band.


Wie aber? Läst dich auch die Tadelsucht zufrieden?

Es ahnt mir allerdings: Ihr Stachel wird nicht ruhn,

Dir, da des Himmels Hand uns ihr zur Lust geschieden,

Durch das Verleumdungsgift der Lästrer weh zu thun.


Allein Gedult, mein Kind, befiehl nur Gott die Rache.

Thu Recht und scheue nichts. Wen das Gewißen schüzt,

Der spricht der Misgunst Hohn und hat die beste Sache,

Ob gleich der Neider Schwarm auf seine Scheitel blizt.


Ein solcher Übergang währt selten in die Länge:

Die Freundin, welche dir so manches beygebracht,

Wird mit der Zeit schon sehn (ach, daß es Gott verhänge!),

Wie endlich allzuscharf das Meßer schärtig macht.


Die Zeit verhindert mich, dich länger aufzuhalten.

Indeßen lebe wohl, bedencke meinen Rath!

Las die entbrandte Glut des Herzens nicht erkalten

Und liebe den, der dich um deine Liebe bat.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 90-92.
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