Schreiben an seine Magdalis

[98] Aus Wittenberg, Anno 1716. den 10. Jul.


Wie hör ich das von dir, betrübte Magdalis,

Daß deine Schönheit weint und sich dadurch verzehret?

O trauervolle Post, o allzu harter Riß,

Der mich in kurzer Zeit dem Tode selbst gewähret!


Mein Kind, bedencke mich; was beugstu mir das Herz,

Weil ich erfahren muß, daß mir dein Ohr nicht glaube?

Warum vergrößerstu den ungemeinen Schmerz?

Dein Zweifel zwingt mich fast, daß ich mein Leben raube.


Denn lebt ich nicht vor dich, so sucht ich meinen Tod

Durch Feuer, Meßer, Strick, Stahl, Brunnen, Gift und Degen,

So könt ich meinen Leib, den die entstandne Noth

Von allen Seiten reißt, auf meine Baare legen.


So aber, ob mich gleich des Glückes Misgunst hast

Und alle Wetter sich auf meinen Kopf verschwören,

Ertrag ich mit Gedult die Bürde schwerer Last,

Dir einzig und allein Vergnügung zu gebähren.


Hingegen deine Brust traut mir die Falschheit zu,

Dein Vorwurf sezet mir ein Meßer an die Kehle;

Glaubstu, daß Günther das, was deine Freundschaft, thu,

Von der ich jeden Tag ein neues Unglück zehle?


Mein Kind, eröfne mir: wer hat dein Haupt verrückt?

Hat wohl ein Maul voll Gift das Feuer ausgegoßen,

Das meine Redligkeit in deine Brust geschickt?

Ist deiner Schwester Brief ein angestellter Poßen?


Die Liebe, welche du vergangnes Jahr erkand,

Erduldet nimmermehr, daß sie dein Herz verdencke,

Und fühlestu nicht mehr das fest verknüpfte Band,

In dem ich mich je mehr und mehr verschräncke?
[99]

Wo dir ein Tropfen Blut noch in den Adern springt,

Der seine Glut behält und mich sein eigen nennet,

So reiß die Furcht entzwey, die deine Großmuth zwingt,

Und wiße, daß mein Herz noch in der Asche brennet.


Warum soll dich der Gram mir vor der Zeit entziehn?

Womit hab ich verdient, dich blaß und todt zu schauen?

Mir stand der Hofnungsbaum in allem Wetter grün,

Jezt will ihm deine Qual so Stamm als Ast verhauen.


War ich ein Wetterhahn, der ihm die Freude macht,

Wenn er ein Frauenbild durch seine List betrogen,

So wär ich werth, daß mich die Mutter umgebracht,

Eh ich die erste Milch aus ihrer Brust gesogen.


Wo nur des Höchsten Gunst mir diesen Wuntsch verleiht,

So soll der Donner eh mich in die Tiefe stürzen,

Als mein vergebner Schwur durch Unbeständigkeit

Dir, angenehmes Kind, die Lebenslust verkürzen.


Wie manche schöne Nacht sieht mich der blaße Mond

In stiller Einsamkeit am Kummerfaden spinnen!

Ich freße mir das Herz; die Angst, so mich bewohnt,

Läst keinen Augenblick mich Lust und Luft gewinnen.


Das macht, weil Wittenberg mir so zuwider scheint,

Daß mir kein Freudenstern darinnen aufgegangen;

Gott kennet meine Noth; ich habe keinen Freund,

Als den, der über mich dergleichen Qual verhangen.


Jedoch die Zuversicht, so mein Gemüthe stillt,

Sagt mir, es sey noch nicht der Abend aller Tage;

Weil nun aus Aloë ein Schmerzensmittel quillt,

So hab ich einen Trost in meiner steten Plage.


Mein Engel, meine Lust, mein Leben und mein Licht,

Vor die ich tausenmahl mit Freuden sterben wollte,[100]

Sey munter, unverzagt, entseze dich nur nicht,

Wenn auch die ganze Welt dich scharf verfolgen sollte.


Wir werden dermahleins einander wiedersehn

Und unser Bißchen Brodt in süßer Eintracht speisen;

Ich bin schon halb entzückt und halt es vor geschehn,

Weil Gott und Himmel es mir in Gedancken weisen.


Die Mutter, welche dich noch als ein Kind gesäugt,

Soll dann gewis an mir den Schwiegersohn erfahren,

Der als ihr rechtes Kind Lieb und Gehorsam zeigt;

Ihr Alter mehre sich mit lauter Seegensjahren.


Dein Vater lebe so, wie es sein Wuntsch verlangt,

Es müßen Glück und Heil ihm als zwey Sclaven dienen;

Dein Bruder, der bey uns der Künste Fleiß erlangt,

Erhebe seinen Ruhm bis an die Himmelsbühnen.


Ich habe schon genug, bringt mich nur Gott zur Ruh,

Daß ich mit dir, mein Kind, dies Elend bauen könne;

Dein theuerster Besiz sagt mir die Wollust zu,

Die ich in dieser Welt des Himmels Vorschmack nenne.


Der Schwester, die anjezt vor dich den Vorspruch thut,

Soll alles, was sie will, ein gutes Ziel erreichen;

Der Höchste schüze sie mit seiner Gnadenhut,

Sein Engel wolle nie von ihrer Seite weichen.


Und dir, mein andres Ich, thu sich der Himmel auf,

Damit des Glückes Thau auf deine Scheitel regne;

Es komme keine Noth in deinen Lebenslauf,

Bis mir dereinst mit dir mein Augentrost begegne.


Wiltu, daß eine Post von meiner Sterbligkeit

Mit ganz geschwinder Faust an deine Thüren klopfe,

So gräme dich nur ab und wiße, daß dein Leid

Und wiederholtes Ach den Athem mir verstopfe.
[101]

Hingegen sehnstu dich nach meiner Wiederkunft,

So mache Geist und Sinn in deinem Herzen munter;

Den Kummer hebt kein Gram, wohl aber die Vernunft;

Verfolgstu deinen Schmerz, so bringstu mich hinunter.


Das Gröste, was ich jezt von dir erbitten will,

Ist, daß mich dein Gebeth dem Himmel übergebe,

Damit sein Eifer mich (hier schweigt die Feder still)

Nach so geraumer Zeit des Zornkelchs überhebe.


Indeßen thu ich stets, was meines Amtes ist:

Ich werde meinen Fleiß an guten Künsten üben

Und dich, so wahr mein Kuß in diese Zeile fliest,

Getreue Magdalis, bis an mein Ende lieben.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 98-102.
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