Als Selimor Amarinden seine Liebe nicht entdecken durfte

Aria.


Ihr still- und kahl- und öden Gründe,

Behaltet dieses Wort bey euch:

Ich leid und darf mich nicht beklagen,

Ich lieb und fürcht es euch zu sagen:

Die Brust der hohen Amarinde

Ist mir ein Blick ins Himmelreich.


Recitat.


Mit diesen Worten trug erst heute

Der arme Dichter Selimor

Der grünen Einsamkeit die lange Sehnsucht vor;

Denn weil er die Gesellschaft scheute,

So wehlt' er oft das Rosenthal

Zum Arzte seiner Qual

Und zum Vertrauten seiner Liebe,

Die jezt mit stärckerm Triebe

Durch Augen und durch Lippen brach.

Er dachte seiner Schickung nach:

Wie lang er doch noch weinen sollte

Und ob denn Glück und Stern

Sich ewig grausam stellen wollte.

Er hätte gern

Den Anfang seiner Ruh gemacht,

Nachdem ihm die vergangne Nacht

Ein holder Strahl von Amarindens Mienen

So unverhoft ins Herz gelacht.

Ein andrer würde sich des Vortheils leicht bedienen;

Er aber sprach: Was hilft es dich?

Was hilft es dich, verlaßnes Kind?

Hier magstu nur die Hofnung sparen,

Dieweil der Lenz von deinen Jahren

Dir sonder Fried und Lust verschwindt.

Du weist, daß Kunst und Treu nicht trüget,[105]

Wo Hoheit und Vermögen gilt;

Darum vergiß das schöne Bild,

Das deine Lust an Stand und Schönheit überwieget.


Aria.


O ungerechter Unterscheid,

Den Wahn und Geld im Lieben sezen!

Wie glücklich war noch jene Zeit,

Da jeder nur nach Wunsch gefreyt!

Man wuste weniger von Schäzen,

Doch mehr von Treu und Zärtligkeit.


Recitat.


So sang, so fuhr er fort:

Ich darf nur ja kein Wort

Um Amarindens Huld verlieren;

Wie würd mich ihre Hoheit führen!

Mein Leib, mein Vers, mein Angesicht

Sind ziemlich zu Gefallen,

Geburth und Beuthel trügt mich nicht –

Hier störten ihn die Nachtigallen,

So daß sich sein betrübter Mund

Fast selber nicht verstund;

Drum hielt er erstlich etwas ein

Und lies hernach die Flöthe schreyn:


Arioso.


Ihr kleinen Schwezer habt gut lachen,

Ihr liebt und könt euch glücklich machen,

Ihr scherzt und buhlt mit wem ihr wollt

Und braucht doch weder Schmuck noch Gold;

Die Mode wehrt euch keine Freude,

Ihr dürft vor keiner Thüre stehn;

O stecktet ihr in meinem Kleide,

Das Singen sollt euch wohl vergehn.


[106] Recitat.


Da seht mich hier, den Armen, mich!

Die Seufzer wälzen sich,

Die Augen brennen unter Quellen;

Von allen meinen Unglücksfällen

Ist keiner so gar elendsvoll,

Als daß ich sehn und meiden

Und doch noch leben soll.

O ungemeines Leiden!

O schönes Kind, verstündestu,

Wie wenig dein,

Wie redlich mein,

Wie gut mein Herze lieben könne!

O köntestu empfinden,

Wie viel verliebte Kunst und Treu

In dieser Brust vergraben sey:

Ich weis, du liebtest mich,

Ich weis, du ließest dich

Den tollen Modezwang nicht binden;

Du ließest Tittul, Hof und Stand

Und nähmst mich bey der Hand

Und folgtest mir durch Thal und Höh

Bis an das Eußerste der weiten Wintersee.


Aria.


In Begleitung meiner Füße,

In Gesellschaft sanfter Küße

Reist man freudig durch Gefahr.

Herzen, die einander kennen

Und durch Wüst- und Klippen rennen,

Werden keiner Furcht gewahr.


Recitat.


Hier schwieg der müde Selimor,

Zerlegte sein beneztes Rohr

Und wollte gleich den Rückweg suchen,

Und weil er noch zwei glatte Buchen[107]

Vor seinen Gram bequem befand,

So schnidt er mit geübter Hand

Ein traurig Denckmahl in die Rinden:

O Himmel, las in dieser Schrift

Manch treues Aug Ergözung finden

Und schone, wenn dein Bliz um diese Gegend trift!


Aria.


So tief steht Amarind im Herzen,

Als hier ihr Nahm in Holz gerizt;

So viel vergieß ich reine Schmerzen,

Als hier Aurora Perlen schwizt.

Ich kan ihr Herz so schwer erreichen

Als wie den Gipfel dieser Klee;

Doch läst sie mir dies Liebeszeichen,

So schweig und trag ich gern mein Weh.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 103-108.
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